Sidi Bou Saïd (Tunesien) – Gelesen von …

Sidi Bou Saïd (Tunesien)

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Dr. Harald SIEBENMORGEN

Kunsthistoriker

ehemals Direktor des Badischen Landesmuseums Karlsruhe

Gelesen von…

Dr. Mounir FENDRI

Professor für Germanistik an der Universität La Manouba/Tunis

Abb. 1: Sidi Bou Saïd, Moschee

Abb. 1: Sidi Bou Saïd, Moschee

“Sidi Bou Said”, oder “Sidi Bou”, wie die okzidentalisierte tunesische Jugend den schmucken Ort in den 1960er Jahren in Anlehnung an „Saint-Trop“, das damals in Mode gekommene St-Tropez an der Cote d Azure, zu nennen beliebte, gilt tatsächlich als „einer der mondänsten Orte im Umkreis von Tunis”.

Vor allem ist der Ort ein Kleinod unter den reizvollsten touristischen Stätten rund um das Mittelmeer. Den Zauber seiner einnehmenden landschaftlichen Lage, auf einem Felsen dicht am Meer, und den originellen, andalusisch anmutenden Charme seiner Architektur haben die Bildungsreisenden und die Orientmaler aus Europa seit Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt und vielfach durch Text und Bild gerühmt. Die Lage zwischen den vielbesuchten Karthago und La Marsa und die Erschließung der Eisenbahnlinie zwischen Tunis und La Marsa seit 1872 (der ersten in Tunesien) begünstigen die Erschließung Sidi Bou Saids für den (zunächst noch „elitären“, hauptsächlich europäischen) Fremdenverkehr. Um die Wende zum 20. Jh. war in verschiedenen Zeugnissen die Rede von einer, zum Teil „deutscher“, Künstlerkolonie, die sich im „malerischen Dorf“ Sidi Bou Said angesiedelt hätte. Sein Ruf als Inspirationsstätte für Kunstschaffen und ästhetischen Genuss etablierte sich schon lange vor dem kunstgeschichtlich markanten Besuch von Paul Klee und August Macke (Frühjahr 1914) und auch bevor der vielseitig begabte Kunstmäzen Baron d Erlanger seinen prächtigen „1001-Nacht“-Palast hier erbauen ließ.

Abb. 2: Im Palais des Baron d’Erlanger, Empfangsraum

Abb. 2: Im Palais des Baron d’Erlanger, Empfangsraum

Doch bevor es zu diesem einträchtigen Ruf als künstlerischem und touristischem Begegnungsort zwischen Europa und dem Maghreb kam, erinnerte der Ort eher an die früheren Jahrhunderte, in denen sich beide Welten in unselig feindlicher Auseinandersetzung gegenüber standen. Die Bio- bzw. Hagiographie des Mannes, von dem der Ort den Namen hat, Abu Said al-Beschi, unterstreicht mit Nachdruck seine Eigenschaft als frommen Kämpfer für seinen Glauben, den Islam. Seine Lebenszeit, von gegen Mitte des 12. bis um 1230, war ja die Epoche der Kreuzzüge, der Siegeszüge der spanischen Reconquista und der Festigung der normannisch-staufischen Herrschaft im südlichen Italien. Die nordafrikanische Küste war damals in besonderem Masse der christlichen Gefahr von den gegenüber liegenden Ufern ausgesetzt. Aus der Offensive ist nun der maghrebinische Islam in die Defensive getreten. Männern wie Abu Said al-Beschi, die ausgesprochene asketische Frömmigkeit und gottesfürchtige Gelehrsamkeit mit glaubenskriegerischem Eifer an den Tag legten, blieb in der Regel die Aura eines Gottbegnadeten, eines Heiligen, nicht entsagt; schon zu Lebzeiten oder im Nachhinein werden sie als „Sidi“ (wörtlich: Mein Herr) verehrt.

Die Reminiszenz an diese bewegte Epoche des Konflikts zwischen „Halbmond und Kreuz“ im westlichen Mittelmeerraum, in der sich „Sidi Bou Said“ in den Augen seiner Gemeinschaft hervorgetan hat, hat sich in den Legenden erhalten, die sich im Laufe der Zeit um seine Person gebildet haben. Eine der bemerkenswertesten haben europäische (einschließlich deutscher) Tunesien-Reisende des 19. Jahrhunderts in ihren Berichten oft kolportiert, nachdem sie sie beim Besuch Sidi Bou Saids von Ortsansässigen vernommen haben. Sie besagt, dieser Heilige, auf den der Ortsname zurückgeht, sei im Grunde kein anderer als der Franzosenkönig Louis IX. (der Heilige Ludwig der Katholischen Kirche!), der im Zuge seines kreuzzüglerischen Feldzugs gegen Tunis im 13. Jh. nicht an der Pest gestorben sei, wie die Chronisten behaupten, sondern vom Islam derart fasziniert gewesen sei, dass er den Glauben wechselte und dadurch glücklich wurde, wovon der Beiname zeuge: „Said“ heißt nämlich „der Glückliche“.

Eine Spur mehr Historizität hätte die kuriose Mär erlangt, hätten die historischen Daten übereingestimmt: Der zugrundeliegende Feldzug geschah im Jahr 1270, der Tod des historisch belegten Sidi Bou Said wird auf 1231 datiert.

Abb. 3: Siebter Kreuzzug 1270: Tod Ludwigs des Heiligen und die Schlacht bei Tunis

Abb. 3: Siebter Kreuzzug 1270: Tod Ludwigs des Heiligen und die Schlacht bei Tunis

Eine weitere Sidi-Bou-Said-Legende gibt ein Artikel über  „Tunesiens schönstes Dorf“ in der Zeitung „Die Welt“ vom 18. 5. 2009 bekannt. Demnach habe der heilige Mann „im 13. Jahrhundert“ den Ort „vor einem Piratenangriff“ dadurch gerettet, indem er „seinen Mantel“ ausgebreitet hätte, um die abgefeuerten Kanonenkugeln abzufangen. Hier scheinen die Epochen ineinander zu gehen. Zwar war das Mittelmeer auch im 13. Jh. nicht frei von Seeraubaktivitäten allerlei Nationalitäten und Glaubensrichtungen, doch die postantike „Glanzperiode“ des mediterranen Korsarenwesens, bei dem die nordafrikanische Küste aktiv und passiv eine Hauptrolle spielte, lag besonders im 16.-18. Jh. Aus diesem Kapitel am Rande des großen Machtkampfes ums Mittelmeer zwischen dem Osmanischen Reich (mit seinen nordafrikanischen Provinzen) und den europäischen Mächten prägten sich im maghrebinischen Kollektivgedächtnis zahlreiche Legenden von Heiligen, die den „Dschihad zu See“ mit Segen und Wundertaten begleitet hätten. So musste auch der „Küstenwächter“ Sidi Bou Said für seine späteren Verehrer daran Anteil gehabt haben. In volkstümlichen Liedern wird er heute noch als „raies labhar“ (Kapitän der Meere) besungen.

Bilder

Abb. 1: Sidi Bou Said, Moschee. Foto: Creative Commons-Lizenz, Urheber: Jerzystrzelecki, 22. März 2012

Abb. 2: Im Palais des Baron d’Erlanger, Empfangssalon. Foto: GNU-Lizenz für freie Dokumentation, Urheber: Citizen59, 12. August 2007

Abb. 3: Siebter Kreuzzug 1270: Tod Ludwigs des Heiligen und die Schlacht bei Tunis. Foto: Gemeinfrei, Illustration aus den Grandes Chroniques de France  (ca. 1455-1465) von Jean Fouquet

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