Sidi Bou Saïd (Tunesien)

Sidi Bou Saïd (Tunesien)

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Dr. Harald SIEBENMORGEN

Kunsthistoriker

ehemals Direktor des Badischen Landesmuseums Karlsruhe

Abb. 1 : Blick auf den Hafen von Sidi Bou Saïd

Abb. 1 : Blick auf den Hafen von Sidi Bou Saïd

Sidi Bou Saïd gilt heute als einer der mondänsten Orte im Umkreis von Tunis, 20 km nördlich von der Hauptstadt am Felsen von Karthago gelegen, nahe bei der „Megara“ der antiken Metropole. Die kleine Stadt mit 5000 Einwohnern hat freilich eine differenzierte Gegenwart und Geschichte, und, in der profilierten Lage an der äußersten Küstenkante zu Europa (Sizilien), vielfältige interkulturelle Bezüge.
Die Neugründung der Siedlung geschah im 13. Jahrhundert durch sufistische Asketen, unter denen später der als heilig verehrte, namensgebende Abu Said Khalaf Ben Yahia Tamini der berühmteste war. Dass auf sein durch Prozessionen verehrtes Mausoleum („Marabout“) oberhalb einer ehemaligen Moschee, in der heute das „Café des Nattes“ angesiedelt ist, im Januar 2013 ein Attentat von Salafisten verübt wurde, zeugt von den religiösen Konflikten im heutigen postrevolutionären Tunesien. Die Folgen der Brandzerstörung, für die auch ein elektrischer Kurzschluss als Ursache behauptet wird, werden allerdings zügig behoben.

Sidi Bou Saïd wuchs zu einer Gemeinde, als im 16. Jahrhundert islamische „Mauren“ vor der christlichen Reconquista in Andalusien flohen und nach dem Weg durch Nordafrika hier siedelten. Ihnen verdankt der Ort sein einzigartiges Charisma in weißer und blauer Farbe. Dieser andalusische Charakter trug wohl wesentlich dazu bei, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts Sidi Bou Saïd als „Sehnsuchtsort“ europäischer Reisender in Tunesien entdeckt wurde. Allerdings war der Ort damals schon seit dem 17. Jahrhundert Siedlungsstätte für den Villenbau vermögender – meist jüdischer – Stadtbürger aus Tunis, und der bekrönende Leuchtturm auf dem „Mont El Manar“ bestand schon seit antiker Zeit. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert bauten Italiener und Franzosen größere Stadthäuser.

Die Entdeckung des Ortes durch Europa geschah wohl durch den aus dem Elsass stammenden französisch-britischen Kunstmäzen, Maler, Musikkundler und Orientalisten Baron Rodolphe d’Erlanger (1872-1932), der 1912 mit dem Bau eines Palais begann, in dem er die Erforschung und Pflege der arabischen und mittelmeerischen Musik praktizierte und seine umfangreiche Sammlung an historischen Musikinstrumenten unterbrachte. Im Todesjahr von Erlanger 1932 wurde der Bau offiziell zum „Zentrum für arabische und Mittelmeermusik“ ernannt, in dem auch Bela Bartok und Paul Hindemith verkehrten und das bis heute als Forum internationaler Musik existiert. Erlanger sorgte auch dafür, dass das ganze Sidi Bou Saïd auf dem Hügel 1915 unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Ein aus heutiger Sicht elementares Ereignis war der Besuch der später weltberühmten Maler August Macke, Louis Moillet und Paul Klee am 13. April (Ostermontag) 1914, die dem Ort legendären Ruf verlieh. „Die Stadt liegt so schön da oben und blickt weit ins Meer …“ (Tagebuch Paul Klee). Die Bedeutung des Aufenthalts der beiden Maler wurde gleichwohl mythifiziert, insofern nur ein (vor Ort?) entstandenes Aquarell von August Macke existiert, das ein Motiv von Sidi Bou Saïd zeigt. „Vor der Moschee“: de facto vor der Fassade des „Café des Nattes“, aber dennoch nicht ganz zu Unrecht betitelt, als der Bau tatsächlich einmal eine Moschee beinhaltete.

Abb. 2: August Macke, Händler mit Krügen (1914)

Abb. 2: August Macke, Händler mit Krügen (1914)

Abb. 3: Café des Nattes

Abb. 3: Café des Nattes

Die Fassade des „Café des Nattes“ war schon seit dem 19. Jahrhundert beliebtes Motiv der Orientromantik und ist es bis heute geblieben. Das äußere Ambiente ertrinkt in touristischer Souvenirkultur; das Innere des Cafés ist aber immer noch mehr Insidern vorbehalten. Über dieses touristische Massenziel hinaus ist freilich Sidi Bou Saïd Ziel vielfältiger kultureller Aktivitäten geblieben. Anderweitige Cafés wie die Freiluftterrassen des Café Sidi Chabâane sind Ausflugsziel und Zentrum der Jugend der Region, die Gebäude sind im Eigentum jüdischer, italienischer oder französischer Besitzer. Michel Foucault, André Gide und Jean Durignand lebten zeitweilig hier. Vor allem ist Sidi Bou Saïd in der Nachfolge von Macke und Klee ein „Künstlerort“ geworden, der zahlreiche Galerien und Ateliers beherbergt. Auch eine kommunale Galerie mit anspruchsvollem Programm gehört dazu. Unter den zahlreichen privaten Galerien sei „Ammar Farhat“ sowie das benachbarte Atelier von Faten Rouissi zu nennen, die derzeit für die imposante Präsenz und Motorik der jungen tunesischen Kunst im internationalen Kontext sorgen. Aber auch ausländische Künstler haben nach wie vor bis heute ihre Ateliers in Sidi Bou Saïd eingerichtet.

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