Goletta – Die andere Seite

La Goulette (Tunesien)

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Dr. Mounir FENDRI

Professor für Germanistik an der Universität La Manouba/Tunis

Gelesen von

Dr. Bernd THUM

Professor für Mediävistik und Interkulturelle Germanistik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

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Am Strand von La Goulette – Abb. 1

Die Gassen von „Klein-Sizilien“ kann man immer noch besuchen, auch wenn dort kaum noch Italiener leben. La Goulette ist heute im Erleben des Europäers ein Vorort von Tunis, dessen Seepromenade und Badestrand kaum mehr das internationale, multikulturelle Flair besitzt, das Mouni Fendri beschreibt, sondern eher als regional volkstümlich zu bezeichnen ist. Dennoch scheint es, als hätte La Goulette mit seinen vielen Restaurants, wo man auch auf der Straße bis vor kurzem noch öffentlich Wein trinken konnte, selbst in unmittelbarer Nachbarschaft einer Moschee, etwas von der alten mediterranen Lässigkeit bewahrt. Doch kämen heute nur wenige Europäer auf die Idee, einen „Sommer in La Goulette“ zu verbringen. Das quirlige Leben von Menschen vieler Völker, Kulturen und Religionen, wie es einst La Goulette gekannt hat, gibt es gewiss noch, aber ist es heute nicht eher in Europa zu Hause, und zwar überall, wo Einwanderer aus dem Süden in großer Zahl leben? Europäer in La Goulette heute – Zeugen einer Zivilisation, Zivilisation verstanden als funktionales gesellschaftliches Regelsystem. Sie kommen mit den großen Kreuzfahrtschiffen, besteigen die Busse nach Tunis, vielleicht ist noch Zeit für ein Gruppenfoto.

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Abb. 2

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Abb. 3

Allerdings sind diese Reisenden nicht mehr Akteure einer mediterranen Kultur, wie die Europäer im ‚alten‘ La Goulette, das Mounir Fendri beschrieben hat. Das heißt, einer vielgestaltigen, dynamischen, unkontrollierbaren Kultur, die ein freies Sich-Treibenlassen ermöglichte, die aber, weil die sozialen Regeln feiner waren und situativ ausgelegt werden mussten, immer wieder rasche persönliche Entscheidungen erzwang, manchmal auch außerhalb enger zivilisatorischer Normen. Europäer begegnen in La Goulette den Spuren der alten euro-mediterranen, vom Kolonialismus geprägten Welt, der Corniche, dem Strand, den Strandrestaurants, den christlichen Kirchen. Man kann nicht sagen, dass es sich dabei stets um leere Carcassen einer früheren Lebensform handelt. Die tunesische Jugend hat das Meiste in Besitz genommen und hält es am Leben, wenn es auch ein anderes ist. Die Kirchen allerding sind stumm gewordene Zeugen der kolonialen Vergangenheit.

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Kirche und Moschee in La Goulette – Abb. 4

Kaiser Karl V. – der Sieger von Tunis. Die meisten Touristen aus Europa, vielleicht mit Ausnahme der spanischen, gehen am spanischen Fort Caraca vorüber, ohne es als ein im Ursprung europäisches Werk besonders zu beachten. Wenn es ihnen überhaupt um ältere Geschichte geht, dann doch eher um die karthagische oder die maghrebinische, nicht um die ‚eigene‘. Die ältere Geschichte ihrer europäischen Länder oder gar Europas als Ganzes ist den Europäern so nah oder so fern wie die Karthagos oder die der Beys von Tunis. Intellektuell und moralisch achtsame Reisenden aus Europa ist die Erinnerung an die afrikanische Unternehmung Karls, an der übrigens auch Tausende deutscher Söldner teilnahmen, eher peinlich. Niemand käme auf die Idee, daraus eine politische Genealogie zum konstruieren. Eher fände das Unternehmen im Rahmen einer anderen ‚Erzählung‘ Interesse, dem Epos der Geopolitik des Mittelmeers.[1] Im 16. Jahrhundert ging es um die Vorherrschaft im westlichen Mittelmeer. Dies war ein Kampf, den Spanien und andere europäische Mächte gegen die Herren des östlichen Mittelmeers, die Osmanen, führten. Die religiöse Grundierung der Unternehmung, so wichtig für die Zeitgenossen, betrachtet man als Europäer eher mit Befremdung. Verständnis allerdings findet ein anderes, von den Zeitgenossen Karls ebenfalls ins Licht öffentlicher Wahrnehmung gerücktes Motiv: die Befreiung der von Korsaren verschleppten und mit Blick auf möglichst umgehende Lösegeld-Zahlungen meist schlecht behandelten christlichen Gefangenen.

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Tapisserie 16. Jahrhundert im Kunsthistorischen Museum Wien: Eroberung von Tunis, Befreiung von 20 000 Sklaven – Abb. 5

Weniger bewusst ist den Europäern, dass die Galeeren europäischer Mächte, vorneweg die der Johanniter auf Malta, ebenfalls auf Menschenjagd gingen.[2]

 


[1] Vgl. das klassische Werk von Braudel, Fernand : La Méditerranée et le monde méditeranéen à l’époque de Philippe II. Paris 1949 (Habilitationsschrift 1947). Deutsch als: Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II.. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990 (3 Bände).
[2] Vgl. Bono, Salvatore: Corsari nel Mediterraneo. Cristiani e musulmani fra guerra,schiavitù e commercio. Verlag Mondadori, Milano 2004. Deutsch als : Piraten und Korsaren im Mittelmeer. Seekrieg, Handel und Sklaverei vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Stuttgart, Klett-Cotta 2009.

Abbildungen

Abb. 1: „Am Strand von La Goulette“ – Creative Commons – Urheber: Anatiomaros
Abb. 2: Quelle: Flickr: DSC_0198 – Urheber: Bengt Nyman
Abb. 3: Creative Commons – Urheber: Bahnfrend
Abb. 4: „Kirche und Moschee in La Goulette“ – Commons: Quelle: smbolfoto – Urheber: Karl Schreiber Abb 2: Creative Commons – Urheber: Anatiomaros
Abb. 5: „Tapisserie 16. Jahrhundert im Kunsthistorischen Museum Wien: Eroberung von Tunis, Befreiung von 20 000 Sklaven“ – Public domain
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