Goletta

La Goulette (Tunesien)

(Dr. Mounir FENDRI)

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Geschichte: Der Kaiser vor Tunis

Bis zum Bau des Kolonialhafens von Tunis 1893 und dann wieder seit November 1967 ist La Goulette/ Goletta das wichtigste maritime Bindeglied zwischen der Landeshauptstadt und der übrigen euro-mediterranen Welt. Im friedlichen Verständnis als Landeplatz aller Tunis-Besucher und den Karthago-Touristen aus den europäischen Bildungseliten bis Ende des 19. Jh. und als Umschlageplatz für den Warenaustausch mit Europa. Aber auch im transmediterranen kriegsgeschichtlichen Zusammenhang, wobei zuallererst an den Tunis-Feldzug Karls V. gedacht wird, das „große, kriegerische Unternehmen“, so eine Darstellung des 19. Jh., „welches im Jahre 1535 die Gemüther im christlichen Europa erregte, so weit nur die Kunde davon drang.“ (Bensen)

Bevor er unbesorgt landen und sich der Stadt Tunis bemächtigen konnte, musste der spanische König und deutsche Kaiser, im Rahmen seiner epochalen Auseinandersetzung mit der osmanisch-türkischen Großmacht im 16. Jh., erst diese Festung, erobern, die der Hafsidenkönig 1504 den zu Hilfe gerufenen türkischen Seeabenteurern zur Verfügung gestellt hatte.[4] Wie ein Brief Karls V. aus diesem Ort berichtet, gelang es „ce jourdhui“, den 14. Juli 1535, nach dichter Belagerung durch die über 300-Schiffe starke allchristliche Armada und eine heftige Beschießung, die vom türkischen Korsarenchef Khayreddin Barbarossa verteidigte Festung „la Goulette“, wörtlich erwähnt als „chasteaul dicelle Goulette“, im Sturm einzunehmen.[5]

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„Empire of the Sea“ by Roger – Abb. 2

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Jan Cornelisz Vermeyen, Willem de Pannemaker Crowley – Abb. 3

In der Christenheit erschallte die Nachricht nachhaltig als einen großen christlichen Sieg. Auch im mittelmeerfernen Deutschland erregte die kaiserliche Glanztat großes Aufsehen. Sogenannte „Zeitungen“ trugen unverzüglich zur breiten Publizität bei. Eine davon, mit einer Skizze des Kriegsschauplatzes zwischen Goletta und Tunis geschmückt, trug den Titel: „Warhafftige Newe zeitung des Kayserlichen Sigs zu Galetta und Thunis geschehen. M.D.XXXV“. Noch in Ladislav Pyrkers Heldenepos „Tunisias“ (1820) wird „die Fahne des Siegs von Goletta“ in pathetisch glorifizierendem Ton besungen. Ein bleibendes Kunstdenkmal vom kaiserlichen Triumph in La Goulette/ Goletta und Tunis 1535 hinterließ vor allem der niederländische Maler Vermeyen, der im Auftrag Karls V. als „künstlerischer Reporter beim Heer in Afrika“ (G.J. Kugler) am Kriegsschauplatz zugegen war. Seine unmittelbaren Skizzen und Entwürfe liegen einer Reihe farbprächtiger großformatiger Tapisserien im Besitz des Wiener Kunsthistorischen Museums zugrunde. Unter der Kolonialverwaltung bis 1956 hielt ein Teil des Goletter Hafens als „Quai Charles-Quint“ die Reminiszenz an die kreuzzugsartige Tat des katholischen Königs und Kaisers in Erinnerung.

Wie auch im Vertrag zwischen Karl V. und Muley Hassan, dem wieder inthronisierten König von Tunis, festgelegt wurde, blieben La Goulette/ Goletta und seine restaurierte Festung in spanischer Hand, bis sie 1574 von einer osmanischen Flotte zurückerobert wurden. Ein Jahr zuvor erlebte der Ort noch einmal die Landung eines mächtigen, gegen Tunis gerichteten spanisch-christlichen Heers mit Karls V. unehelichem Sohn, Don Juan de Austria, an der Spitze.

Mit der Machtergreifung der Türken und der Konsolidierung der sogenannten „Barbaresken-Herrschaft“ verstärkte sich auch der üble Ruf von La Goulette/ Goletta als Korsarenhafen. Auch nach Ende dieser Ära im ersten Viertel des 19. Jh., endgültig mit der Kolonialeroberung Algiers 1830, blieb der Ruf noch lange im europäischen Kollektivgedächtnis hängen. Einem Tunis-Besucher rief 1865 der Anblick des Hafens vom Schiffsdeck folgende Erinnerung wach: „Ganz vorn am Meer und vor der Rhede erhebt sich das Fort Goletta mit scharfen Umrissen auf einer niedrigen Landspitze. Seine zerbröckelnden Bastionen tragen alte bronzene Geschütze aus allen Zeitaltern, aus allen Ländern und von jedem Kaliber, Trophäen aus den schönsten Tagen der Seeräuberei, die den Venezianern, Genuesen und Johannitern abgenommen worden sind. Sie haben keine Aufgabe mehr, als den Salutschüssen zu antworten, welche alle ankommenden Kriegsschiffe dem Bey zu Ehren abfeuern.“[6]

Nachdem La Goulette/ Goletta ab 1893 die Rolle als Hafen von Tunis entnommen wurde, ist der Ort seit 1967 wieder ein wichtiger Knotenpunkt im euro-mediterranen Menschen- und Warenverkehr. Hier liegen die großen Touristenschiffe aus Europa am Quai. Fährverbindungen bestehen nicht nur zum sizilianischen Trapani, sondern weiter bis Palermo, Genua und Marseille.


[4] N. Djelloul, Les côtes du Maghreb à l’époque médiévale. Tunis 2011, T. 1, p. 45.

[5] Siehe K. Lanz (Hrsg.), Correspondenz des Kaisers Karl V. 2. Bd. (Reprint) Frankfurt/M. 1966, S. 186ff.

[6] Anonymus, Eine Barbaresken-Station. In: Europa, Leipzig 1865, Sp. 49-58.

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