Goletta

La Goulette (Tunesien)

(Dr. Mounir FENDRI)

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Erzählungen: „Eine einzige Familie“

Dass das Bild gesellschaftlicher Eintracht und multikultureller Harmonie, das der Film widerspiegelt, nicht nur Fiktion und purer Romantik sei, bekräftigt das Zeugnis eines nicht-muslimischen „Gouletter“ in einer Darstellung über den Ort und seine Gesellschaft aus dem Jahr 1969, wonach „alle Einwohner, einschließlich sogar der bescheidensten unter ihnen, einer einzigen Familie anzugehören scheinen, die dieselbe Sprache gebraucht, dieselben Sagen kennt, dieselben Traditionen teilt“.[1]

Die mediterran multiethnische und -kulturelle Entwicklung des Ortes begann nicht erst mit der französischen Kolonisierung Tunesiens Anfang der 1880er. Schon lange vorher stach dieser recht kosmopolitische Aspekt ins Auge der europäischen Tunis-Besucher. Im Herbst 1875 wähnte sich ein Dr. K. Th. Rückert im bunten Straßengewimmel und Völkergemisch von La Goulette/Goletta „Zeuge des Merkwürdigsten, was ich jemals gesehen hatte: Mohammedaner, Juden und Christen, Afrikaner und Europäer, Geschäftsleute und Pilger, Frauen und Kinder zogen an mir vorüber und bekundeten durch ihre verschiedenen Trachten, Vermummungen und Farben, dass man nicht nur in einem neuen Lande, sondern auch in einem neuen Welttheile sei.“[2] Ein ähnliches Zeugnis lieferte der deutsche Orientreisenden Heinrich von Maltzan ein Vierteljahrhundert zuvor. Treffend ist zunächst die Erläuterung, die er vom Ortsnamen gibt: „Der Landungsplatz heißt die Goletta oder in französischer Form ‚La Goulette‘, unter welcher Benennung er uns Europäern fast allein bekannt ist, während seine arabische ‚Halq el Uëd‘ nur bei den Einheimischen im Gebrauch zu sein pflegt. Halq el Uëd bedeutet ‚Mündung des Flusses‘, soll aber so viel als ‚Mündung des See’s, bedeuten, denn an der schmalen Meerenge, welche die Bâhira mit dem Golf verbindet, liegt das kleine Hafenstädtchen, welches diesen Namen führt.“ Dann widmet er sich der Ortsbevölkerung, die, abgesehen von den Hafenbehörden, vor allem aus „hier ansässigen Europäern“ bestand, einem, nach seiner Beobachtung, „ganz namenlosen Lumpengesindel, aus aller Herren Länder zusammengewürfelt (…). Ein großer Theil dieser Leute lebt vom Ab- und Aufladen, sowie vom Stehlen der hier ein- und ausgeschifften Waaren, besorgt nebenbei Schifferdienste für die an’s Land zu setzenden Passagiere, trägt ihre Koffer an die Wagen, in die Schiffe, in’s Zollhaus u.s.w.“[3]


[1] Raoul Darmon, La Goulette et les Goulettois. Tunis 1969, p. 9 : „Tous les habitants même les plus humbles y paraissent appartenir à une seule famille qui use du même langage, qui sait les mêmes légendes, qui partage les mêmes traditions. »

[2] K. Th. Rückert, Nordafrika. Würzburg 1884, S. 178.

[3] H. v. Maltzan, Reise in die Regentschaft von Tunis und Tripolis. Leipzig 1870, Bd. I, S. 2ff.

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