Kairuan

Kairuan / Qairauân (Tunesien)

(Dr. Mounir FENDRI)

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„Grosse“ Geschichte und ihr Ende

Paradoxerweise zum Besuchsverbot für Nicht-Muslim, das Kairuan/Qairawân, wohl erst in späterer Zeit, in den Ruf eines Horts „muslimischen Fanatismus“ brachte, zeigt eine Reihe von christlichen Grabschriften, die daselbst 1928-1961 entdeckt wurden und von 1007, 1017 und 1046 datiert sind, dass in hochislamischer Zeit Christen in der islamischen Metropole leben und Kult praktizieren durften.[7]

Seine Blütezeit erlebte Kairuan/Qairawân vor allem im 9. Jahrhundert unter der Dynastie der Aghlabiden, die es trotz des Vasallenverhältnisses zu den Abbassiden-Kalifen in Bagdad zur weitgehenden Autonomie brachten und eigenmächtig nach Sizilien und Süditalien expandierten. Aus innenpolitischen und wirtschaftlichen Interessen zogen sie „gegen das byzantinische Besitztum Sizilien zu Felde“, das sie „im Laufe des 9. Jahrhunderts (unter Beteiligung spanischer Freiwilliger) eroberten, ferner, freilich nicht für lange, Süditalien bis Bari.“[8] „Ihre Erfolge“, so Gudrun Krämer, „machten die Aghlabiden zu einer bedeutenden Macht im westlichen Mittelmeer und begünstigten einen wirtschaftlichen Aufschwung, wie ihn Ifriqiya (also „Afrika“, wie das westislamische Gebiet mit dem heutigen Tunesien im Mittelpunkt, unter Einschluss Ostalgeriens und Tripolitaniens einst hieß) seit römischer Zeit nicht gesehen hatte: Bewässerungsanlagen wurden instandgesetzt, Öl- und Obstbaumplantagen angelegt, von den Römern noch nicht genutzte Bodenschätze abgebaut, Handwerk und Gewerbe gefördert.“[9] Heute noch sind die Handwerkprodukte Kairuans, besonders die wollenen Knüpfteppiche und Lederartikel, in der Tourismuswirtschaft viel geschätzt. Damit ging ein hochwertiger, nach wie vor bewunderter kultureller Aufschwung einher. Lange behauptete sich Kairuan/Qairawân als ein strahlendes Zentrum muslimischer Gelehrsamkeit. Hier, zumal in den Theologenkreisen unter Führerschaft des Imam Suhnun, entschied sich die Festlegung des nordafrikanischen Islam auf die „mâlikiya“, die auf Mâlik Ibn Anas (8. Jh.) zurückgehende Rechtsschule (zur „praxis- und theoriebezogenen Interpretation der kanonischen Texte“).

Außer der theologischen und anderen geisteswissenschaftlichen Schulen erlangte Kairuan/Qairawân nachhaltigen Ruhm durch seine medizinische Schule. Ihr hervorragendster Vertreter ist Ibn al-Jazzar (10. Jh.), der einen ehrenvollen Platz in der universellen Medizingeschichte einnimmt. Sein Werk „Zad al-musafir wa-qut al-hadir“ (Verpflegung für den Reisenden und Nahrung für den Sesshaften) wurde 2010 (wie andere Texte von ihm zuvor) in Zusammenarbeit zwischen der FU-Berlin (Prof. G. Mensching) und der Uni Köln (Prof. Gerrit Bos) als DFG-gefördertes Projekt mit dem Ziel herausgegeben, „einen bedeutenden medizinischen Text zu veröffentlichen, der durch seine Bezugnahmen auf antike griechische Ärzte einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis des Fortlebens der antiken Medizin im islamischen Mittelalter liefert“.

Mit der zugleich in den juristisch-theologischen Kreisen Kairuans/Qairawâns mit beschlossenen, 827 in Gang gesetzten Eroberung Siziliens (sowie Malta und Sardinien) konnte diese Gelehrsamkeit auf europäischem Boden Fuß fassen. Besonders ausführlich hat sich der italienische Arabist Michele Amari (1806-1889) mit diesem Kapitel arabisch-europäischer Kultur auseinandergesetzt. „In und um Palermo“ führte die Einnahme Siziliens „zu einer lebendigen islamischen Kultur, welche die normannische Eroberung des 11. Jahrhunderts überdauern sollte.“[10] Es genügt in diesem Zusammenhang an „Das Buch Rogers“[11] zu erinnern, die berühmte Kosmo- und Kartographie, die der arabische Gelehrte al-Idrisi für den normannisch-sizilischen Herrscher Roger II. um 1130 verfertigte. Der wichtige Platz arabisch-islamischer Wissenschaft am Hof des Stauferkaisers Friedrich II., über hundert Jahre später, wird vielfach dokumentiert. „Nach Sizilien“, so wird noch über den süd-nordmediterranen Wissenstransfer zu dieser Glanzepoche Kairuans/Qairawâns berichtet, „werden die Papyrusherrstellung und die Zucht des Seidenwurms eingeführt.“ (C. Cahen). In seinem 2-bändigen Werk „ Poesie und Kunst der Araber in Spanien und Sicilien“ (1865) rühmt der deutsche orientalisierende Dichter Adolf Graf von Schack (1815-1894) in Darstellung und einfühlsamer Nachdichtung die arabische kulturelle Blüte in Sizilien (und Andalusien).[12]

Auch mit den Auswanderungswellen Kairuaner Familien nach Andalusien (besonders infolge der völkerwanderungsartigen, verheerenden Strafinvasionen arabischer Stämme aus dem Osten um Mitte des 11. Jh., mit denen der Niedergang Kairuans/Qairawâns und des gesamten Ifriqiya entscheidend eingeleitet wurde) erfolgte der Transfer Kairuaner Kultureinflüsse nach Europa.

Nach dem Fall der Aghlabiden Ende des 10. Jh. behielt Kairuan/Qairawân, unter den schiitischen Fatimiden und ihren Vasallen, den berberischen Ziriden, noch ein halbes Jahrhundert einen Teil seines politischen Ansehens und kulturellen Glanzes, bis es um 1050 dem verheerenden Ansturm der wilden Araberstämme der Banû Hilal aus dem Osten zum Opfer fiel und damit endgültig den fatalen Abschied von der „großen“ Geschichte nehmen musste.


[7] Siehe F. Mahfoudh, a.a.O., S. 56f.

[8] C. Cahen, Der Islam I (Fischer Weltgeschichte), Frankfurt/M. 1968, 226f.

[9] G. Krämer, Geschichte des Islam. München 2005, S. 110.

[10] C. Cahen, a.a.O.

[11] Eigentlich : Nuzhatu’l mushtâq fî’ ikhtirâqi’l âfâq (etwa : Lustwanderung des Wissbegierigen zur Durchquerung der Horizonte)

[12] A. F. v. Schack, Poesie und Kunst der Araber in Spanien und Sicilien. 2 Bde. Berlin 1865.

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