Bizerta

Bizerta (Tunesien) – ein mediterraner Erinnerungsort

(Mohamed Ali ELHAOU)

Zurück Überblick Die andere Seite Bilder und Literatur Vor

Einige historische Daten und die Frage: Wie geht Bizerta mit seinem mittelmeerischen Erbe um?

In der Region Bizerta wimmelt es geradezu von historischen Daten. Schon allein in der Stadt Bizerta lässt sich die dreitausendjährige Geschichte Tunesiens zusammenfassen. Aber anstelle einer ermüdenden Bilanz all dieser Jahre wird man sich besser auf das 19. Jahrhundert mit seiner industriellen Revolution und deren Auswirkungen auf die Länder des Südens, insbesondere den Norden von Tunesien, konzentrieren; sowie auf das 20. Jahrhundert, das Jahrhundert der meist erzwungenen Modernisierung der Länder, die bis dahin abseits des Fortschritts und der Freiheit standen. Daher soll auch die Frage nach Pflege und Verwaltung des Kulturerbes nur kurz anhand der zeitlich gegenläufigen Analyse dieser beiden Jahrhunderte behandelt werden.
Von einem kleinen, von Versandung bedrohten Hafen im Nordosten Tunesien entwickelte sich Bizerta seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und mit Beginn der ersten
Durchbrucharbeiten für einen Zugang zum Lac Bizerte im Jahre 1890 bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs zu einem der bedeutendsten französischen Marine-Stützpunkten im Mittelmeerraum.

Aufgrund seiner außergewöhnlichen geografischen und geostrategischen Lage, die die . Errichtung einer maritimen Infrastruktur mit hohem Entwicklungspotential begünstigte, profitierte der Hafen von Bizerta seit Beginn des 20. Jahrhunderts von dem starken Zufluss finanzieller und technischer Mittel. Zweck war der Ausbau zu einem Marinestützpunkt, der zu einer wichtigen Figur auf dem strategischen Schachbrett Frankreichs und der europäischen Mächte der damaligen Zeit wurde. Für Tunesien aber stellte Bizerta bis zum Jahre 1963 ein Gebiet dar, das zur Verwirklichung seiner vollen nationalen Souveränität fehlte. Im Juli 1961 fielen Bomben auf Bizerta und in den Straßen wurde geschossen. Damals bekämpften sich Frankreich und Tunesien in einem asymmetrischen Konflikt, der zugleich stark von Symbolik beherrscht war. Für die Tunesier ging es darum, ihre schon 1956 erklärte Unabhängigkeit des Landes zu vollenden und damit das französische Protektorat über das Land zu beenden. Für Frankreich stand entscheidend seine eigene Sicherheit und die Sicherheit der nach dem deutsch-französischen Bruderkrieg im Aufbau befindlichen Europäischen Union auf dem Spiel. Der tunesische Widerstand, der Bizerta in ein Kampfgebiet verwandelte, erfuhr, nolens volens, Unterstützung durch auf die Kämpfe in Algerien, die das Ziel hatten, dieses Land wieder zu einem algerischen zu machen.

Während des französischen Protektorats über Tunesien wohnten die Kolonisatoren längs
des Kanals um die Kirche herum und in der Nähe des Strandes. Dahinter schloss sich
ein von Maltesern und Sizilianern bewohntes Gebiet an, dann kam die arabische Stadt Letztere ist bekannt für die nimmermüde, lebhafte Betriebsamkeit ihrer Märkte. Französinnen
gingen donnerstags am Morgen dorthin, um arabische Spitzen zu kaufen, die die
Frauen mit der Nadel auf Kissen anfertigten. Die arabischen Frauen lebten zu dieser
Zeit hinter verschlossenen Türen, was sie allerdings nicht daran hinderte, über alles, was sich auf lokaler und nationaler Ebene ereignete, Bescheid zu wissen.

Das Problem der Versandung, das sich schon zur Zeit der französischen Kolonisierung Tunesiens stellte, ist inzwischen immer stärker zu einem Problem dieses nördlichen Gebietes geworden. Es gliedert sich ein in die gesamte Problematik des Landes bei der Entwicklung seiner Infrastruktur – und auch beim Erhalt seiner historischen Monumente. Die Anstrengungen auf diesem Gebiet sind notwendige Voraussetzung für Pflege des Erbes.

Verlassener Strand in Ghar EI Melh  Foto: Amine Said

Verlassener Strand in Ghar EI Melh Foto: Amine Said

Inzwischen wird der Umgang mit dem Kulturerbe in dieser Gegend wesentlich nicht mehr unter dem Gesichtspunkt der Wiederherstellung historischer Monumente betrachtet – was beträchtliche finanzielle und auch wissenschaftliche Anstrengungen erforderlich machen würde – sondern unter dem Blickwinkel der Modernisierung durch Großvorhaben, die so genannte touristische Cluster schaffen. Dies enthält Konfliktpotential. Der Zugang zum Alten Hafen und die Verbesserung seiner Wasserqualität zum Beispiel stellen einen Zankapfel dar, der das Vorhaben ‚Marina Bizerta/ Cap 3000‘ behindert. Die Verwaltung von Bizerta hat 10 Millionen Dinar für die Erneuerung des phönizischen Hafens – des ‚alten‘ Hafens -bereitgestellt sowie für seine beiden Bewacherfiguren, darüber hinaus für den Quai Khmais Tarnen (dem ein berühmter tunesischer Sänger zu Beginn des 20. Jahrhunderts seinen Namen gegeben hat), für die die Ksiba, den Andalusischen Turm sowie die Zaouias (geistlich-kulturelle Zentren, Anm. d. Red.) der Heiligen Sidi Mostari, Sidi Jaloudi und Sidi Salem. An einigen Erneuerungsarbeiten in der Region, insbesondere in Ghar EI Melh mit seinen berühmten ottomanischen Türmen, sowie am berühmten Museum von Utica – wie erwähnt, der ersten phönizischen Kolonie im 12. Jahrhundert v.Chr. und wichtiger Hafen zur Zeit Julius Cäsars – sind Promoter und junge Hochschulabsolventen der Wirtschaftswissenschaften beteiligt.

Beim Thema Erbepflege bestehen allerdings, wie angedeutet, starke Unstimmigkeiten über die Zuständigkeiten, die Modalitäten der Budgetverwaltung und die Arbeitskultur. Es mangelt an wechselseitiger Information zwischen den verschiedenen Akteuren, insbesondere zwischen dem Ministerium für Ausrüstung und Raumordnung einerseits und der städtischen Verwaltung sowie der ‚Agentur für Schutz und Gestaltung der Küste ( APAL)‘ andererseits. Zwischen diesen Akteuren treten ständig Spannungen auf, beispielsweise wegen der Beseitigung von Funktionsmängeln im Alten Hafen, wegen der Behandlung der Abwässer, von denen ein Großteil vom Fischmarkt stammt, wegen der Wartung der Schiffe im Hafen, wegen der die Wasserprobleme in der Pumpanlage und die Erneuerung der Hafengewässer.

Einst initiiert, um die Wirtschaft der Region in Schwung zu bringen, in erster Linie ihren Tourismus, ist es dem Projekt ‚Bizerte Cap 3000‘ bis heute nicht gelungen, die entgegenstehenden Hindernisse zu überwinden. Mit dem Projekt soll der Yachthafen erneuert und um 850 zusätzliche AnlegesteIlen erweitert werden, auch will man 250 Luxuswohnungen sowie mehrere 5-Steme-Hotels errichten. Darüber hinaus will man Platz für touristische Animationen und Raum für Künstler und Handwerker schaffen. Auch ein Meeresmuseum ist geplant.
Die Stadt Bizerta sieht sich schließlich noch einem alten Problem gegenüber: Wie soll man die Fremden aufnehmen? Wie soll ihnen Handlungsspielraum eingeräumt werden, ohne dass die lokale Kultur beeinträchtigt wird? Diese ist gleichzeitig sowohl fragil als auch hartnäckig in dem Bestreben, Lebensformen zurückzuweisen, die nicht den Besonderheiten der tunesischen Gesellschaft entsprechen.

Übersetzt von Katinka und Gerd Heidelberg

Zurück Überblick Die andere Seite Bilder und Literatur Vor