Bizerta

Bizerta (Tunesien) – ein mediterraner Erinnerungsort

(Mohamed Ali ELHAOU)

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Bizertas Imaginaire

Die geschichtlich tiefsten Spuren von Bizerta befinden sich vornehmlich in Utica, aber auch in Kalâat el-Andalous.

Zuerst Utica: In der punischen Sprache bedeutet der Name ‚Altstadt‘ und ist somit das Gegenteil des Namens Karthago, der ‚Neustadt‘ bedeutet. Utica ist in der Tat ein mediterraner Erinnerungsort, die erhaltenen Monumente dort legen Zeugnis ab von den Spuren, die Phönizier, Römer, Byzantiner und andere hinterlassen haben

Archäologische  Ausgrabung in Utica  Foto: frei

Archäologische Ausgrabung in Utica Foto: frei

Der Bezirk Utica befindet sich in der Nähe von Henchir Bou Chateur, einem Gelände, das im Altertum durch das Mittelmeer geprägt war. Das Meer reichte damals bis zu den heute noch erhaltenen Ruinen heran. Nach und nach, begleitet von immerwährendem Immobilismus und ohne menschliches Einwirken, trennten die Ablagerungen des Oued Medjerda die Ruinenstadt vom Inneren des Landes – als ob sie den Ort bestrafen wollten. Das Imaginaire von Utica ist geprägt durch die Ankunft von Fremden. Sie waren meist Erneuerer oder gar Reformatoren, sie brachten Wissenschaft oder, allgemeiner gesprochen, Zivilisation und eine verfeinerte Kultur, und begannen sogleich die vorhandene lokale Kultur zu erweitern und zu verbessern – meist verbunden mit dem Leid der Betroffenen.

Das gilt insbesondere für die Phönizier, die gegen 1100 v. Chr. ihre Lebensart, ihren Glauben, ihre Architektur, ihre Instrumente und Werkzeuge, ihre Kochkünste ins Land brachten. Sie verliehen dem südlichen Mittelmeerufer nach und nach zwar keine hervorragende Strahlkraft, schufen ihm aber doch einen Hoffnungsschimmer.
Zu den Gebäuden von Utica, die heute an der Oberfläche sichtbar sind, zählen unter anderen das ‚Haus des WasserfaIIs‘ (Maison de la Cascade), Tempel, ein Forum, Thermen, Spuren von Theatern, Zirkussen und Amphitheatern. In den unterirdischen Anlagen findet der Besucher eine punische Nekropole mit Grabstätten, die bis ins 7. Jahrhundert v. Chr. zurückreichen, wertvolle Bestattungsgegenstände, die Auskunft geben über die vorherrschenden Glaubensgegenstände dieser Zeit sowie über Lebensweise und Tätigkeiten der Bevölkerung.

Zu den Mäandern mediterraner Erinnerung gehört auch das antike Rusucmona, das gleich nach der Ankunft der Phönizier in Tunesien gegründet wurde und das, als Teil von Ghar El Melh, ein wesentlicher Bestandteil der Landschaft Utica ist. Dieser Ort bringt die Gründung von Utica zu Ende und bildet seinen Vor-Hafen. Als sich die Welt im 16. Jahrhundert unter spanischer Herrschaft befand, wurde das antike Rusucmona zu einer bedeutenden Basis für Korsaren der Barbareskenstaaten, ganz so wie Ifriqiya (der alte Name von Tunesien), das sich aber längerfristig nicht der spanischen Macht über das Mittelmeerbecken entziehen konnte. 1534 wollte Karl V. ein wenig Ordnung in die Seeräuberei bringen, die am südlichen Mittelmeerufer herrschte – insbesondere wegen des Goldzuflusses aus dem neuen Kontinent Amerika nach Neapel, Genua und Venedig. Er ordnete den Bau einer Festung an, die die Piraterie unterbinden sollte, weil sie den innereuropäischen Handel bedroht. Die Festung wurde allerdings erst 1654 von dem britischen Admiral Robert Blake zu Ende gebaut.

Die mediterrane Memoria in Bizerta steht gleichzeitig für Entspannung wie für Konflikt und Konfrontation mit dem europäischen Nachbar-Feind. In der genannten Epoche gewann dieser durch Anhäufung unvorstellbarer Mengen an Silber und Mangelwaren an Stärke. Seinen Reichtum benutzte dieser Nachbar am nördlichen Mittelmeerufer, um seinen Machtwillen auf dem gesamten afrikanischen Kontinent auszuüben.
Nach Utica nun Kalâat el-Andalous: Dies ist eine Ortschaft am Fuße des Djebel
Nadour mit einem Hafen, der am Ende einer Lagune liegt. Teil des Gebiets sind die
natürlichen Ablagerungen des Flusses Medjerda, dessen Mündung sich sechs Kilometer weiter südlich am Golf von Utica befindet.

Fort Lazurite in Ghar EI Melh (Region Bizerta)  Foto: frei

Fort Lazurite in Ghar EI Melh (Region Bizerta) Foto: frei

Kalâat el-Andalous ist stark geprägt durch die große Erzählung von der Vertreibung der Mauren aus Spanien und den Kämpfen zwischen Muslimen und Christen. Der überwiegende Teil der Bewohner dieser ‚andalusischen Zitadelle‘ (das ist die Übersetzung von Kalâat el-Andalous) sind Abkömmlinge von Mauren. Diese waren um die Wende zum 17. Jahrhundert, in Kürze gesagt, verarmte Bürger Spaniens, deren Grundbesitz enteignet worden war. In Spanien, das Nord-und Südamerika erobert hatte, das nach Vorherrschaft und Welteroberung trachtete und daher im eigenen Land verstärkt Stabilität benötigte, wurden die andersgläubigen Mauren nach und nach als eine Gefahrenquelle betrachtet. Die Mauren praktizierten den Islam, eine kleine Minderheit auch den Judaismus. Wegen ihres sozialen Abstiegs und des Niedergangs ihrer Kultur, die sie sechs Jahrhunderte lang hochgehalten hatten, wurden sie zu einer Belastung, ja zu einem überflüssigen Bestandteil einer in tiefer Umwandlung befindlichen christlichen Zivilisation.

Mit der Thronbesteigung König Philipps III. beschleunigte sich die Politik der ethnischen Säuberung gegenüber der maurischen Bevölkerung. Am 4.März 1609 billigte der Staatsrat unter dem einflussreichen Herzog von Lenna, dem Favoriten des Königs, den Plan einer seit 1580 diskutierten Ausweisung der Mauren. Das Dekret zu ihrer Vertreibung aus dem Königreich Valencia wurde am 22. September 1609 veröffentlicht. Die ausgewiesenen Mauren fanden vornehmlich im Norden des Maghreb Zuflucht. In Tunesien haben neben kleineren Orten vor allem die Städte Bizerta, Tunis und Testour eine große Anzahl von maurischen Flüchtlingen aufgenommen.

Kulturtage in Ghar EI Melh  Foto: Amine Said

Kulturtage in Ghar EI Melh Foto: Amine Said

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