Bizerta

Bizerta (Tunesien) – ein mediterraner Erinnerungsort

(Mohamed Ali ELHAOU)

Zurück Überblick Die andere Seite Bilder und Literatur Vor

Ghar El Melh :

Während man in Ras Jebel eher das menschliche Leben und Treiben in seinem langsamen Rhythmus, seiner Routine, seinen Strukturen beobachten sollte, kann man in Ghar El Melh nicht umhin, insbesondere den Reichtum seiner historischen Bauten wahrzunehmen. Er verbindet sich ganz natürlich mit dem bäuerlichen Leben, der Möglichkeit, ein Seebad zu nehmen und die Ruhe zu genießen. Es ist, als ob der Ort bereit wäre, mit seinen Besuchern Zärtlichkeiten auszutauschen.

Borj El Woustani (Fort Médian) in Ghar El Melh (Region Bizerta) Foto: Amine Said

Borj El Woustani (Fort Médian) in Ghar El Melh (Region Bizerta) Foto: Amine Said

Der Zugang zu Ghar El Melh ist nicht leicht. Der Ort liegt abgeschottet auf einem schmalen Streifen zwischen Gebirge und Meer und beherbergt mehrere Festungen. Auf Arabisch bedeutet Ghar so viel wie ‚Ort der Einsamkeit‘, wohin man sich zur inneren Einkehr zurückzieht, fern von der alles verschlingenden und elend machenden Hektik der Städte. In der Sprache Molières wird Ghar El Melh ‚grotte du sel‘, ‚Salzgrotte‘ genannt, was auf die nahe gelegenen Salinen hindeutet. Die Spanier und Italiener, die im Mittelalter immer wieder hier präsent waren, nannten der Ort Porto Farina, der ‚Mehlhafen‘.

Zwei Mädchen, die gerade vom Bäcker kommen  Foto: Amine Said

Zwei Mädchen, die gerade vom Bäcker kommen Foto: Amine Said

Jenseits all dieser verschiedenen Namen ist Ghar El Melh ein Ort der Ruhe und der Einkehr, wo man zu sich selbst zurückfindet und mit seinen Gedanken und Gefühlen in Eintracht leben kann. Die Ruhe, die der Ort ausstrahlt, kam allerdings zu einem vorläufigen Ende durch ehrgeizige Unternehmungen, die den Charakter des Orts zunächst veränderten. Es ist hier die Rede von Bey Ahmed I. (1837-1855), der sich unter dem Einfluss Frankreichs anschickte, das Dorf zu einem Militärhafen ähnlich wie Toulon in Frankreich zu machen. Tatsächlich entwickelte Ahmed Bey den Ort zu einem Militär- und Handelshafen, mit einem neuen Arsenal und mit dem Erwerb von sechs Kriegsschiffen in Frankreich und Italien. Trotz der zu jener Zeit erheblichen Verschuldung des Landes ließ er aufwändig bauen: neue Molen, neue Kais, Lagerhallen, Werkstätten, Kasernen und Befestigungen, und dies zu einem Zeitpunkt, wo im tunesischen Volk wegen der ständig wachsenden Korruption, der Verschuldung und weiterer Verarmung der Zorn wuchs und sich die Menschen gegen die Militarisierung im Norden Tunesiens auflehnten.

Der Hafen von Ghar El Melh Foto: Frei

Der Hafen von Ghar El Melh Foto: Frei

Aufgrund der Schwäche des tunesischen Staates haben zahlreiche Ausländer, die sich auf der Flucht vor Strafverfolgung in ihren Ländern befanden, Unterschlupf in Tunesien gefunden. Ab 1840 hat sich eine ganze Gemeinschaft von Maltesern, Italienern und Franzosen in der Ghar El Melh niedergelassen, übrigens zur selben Zeit, als sich die Franzosen die algerischen Nachbarn unterwarfen. Italiener betätigten sich im Wesentlichen als Schmuggler, Malteser versuchten, sonst irgendwie zu überleben und bildeten mit anderen ein anarchisches Element in der Region.

Junge Tunesierin am Alten Hafen von Ghar El Melh Foto: Amine Said

Junge Tunesierin am Alten Hafen von Ghar El Melh Foto: Amine Said

Ende des 19. Jahrhunderts wurde diesem Treiben durch die Schaffung eines Zollregimes ein Riegel vorgeschoben. Dies zwang die Schmuggler, sich nolens volens als Fischer oder kleine Gemüsebauern niederzulassen und die lokalen Märkte zu beliefern. Der Ort gewann seinen alten langsamen Rhythmus, seine ruhige Lage am Meer zurück und verdrängte sanft auch die militärischen Bestrebungen, die auf ihm lasteten.

Ghar El Melh unter militärischem Aspekt  Foto: ???

Ghar El Melh unter militärischem Aspekt Foto: ???

So hat sich die natürliche und bescheidenere Eignung von Ghar El Melh als Badeort gegenüber den unter vielen Aspekten aggressiven, sich aber langsam abschwächenden Bestrebungen, das Gebiet zu militarisieren, mit Erfolg durchgesetzt. Der heutige Besucher der Region kann sehen, wie der Strand von Sidi Ali El Mekki die Spuren der Europäer einhegt und gewissermaßen überwacht.

Der Strand von Sidi Ali El Makki in Ghar El Melh Foto: Amine Said

Der Strand von Sidi Ali El Makki in Ghar El Melh Foto: Amine Said

Zurück Überblick Die andere Seite Bilder und Literatur Vor