Bizerta

Bizerta (Tunesien) – ein mediterraner Erinnerungsort

(Mohamed Ali ELHAOU)

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Bizerta: Ein mittelmeerischer Erinnerungsort

Das Bild, das Bizerta auf den ersten Blick vermittelt, ist geprägt durch seine von hohen Mauern umgebene Medina und seinen hübschen kleinen Hafen. Etwas entfernt liegt der große Handelshafen. Im Lauf der Jahrhunderte hat sich Bizerta trotz seiner Randlage gegenüber der europäischen Wohlstandszone langsam zu einem Hafen für riesige Schiffe, Anlagen und Container entwickelt. An der Hafenausfahrt finden sich Wohnviertel im europäischen Stil. Aus geschichtlichen Gründen sind die Einwohner Bizertas sind im Vergleich zur übrigen Bevölkerung Tunesiens in gewissem Sinne durch Lebens- und Denkformen des Militärs geprägt. Man kann aber auch sagen, dass sie in markanter Weise eine Kultur der Arbeit entwickelt haben. Tunesier sind im Allgemeinen arbeitsam und gewissenhaft, und obwohl die Gegend um Bizerta nur über wenig Ressourcen verfügt, hat das kaum Einfluss auf die Bewohner im Norden Tunesiens und ihr ein robustes Streben nach Fortschritt und Verbesserung des täglichen Lebens.

Bizerta entwickelte sich erst mit der Ankunft der Franzosen, also in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zu einer Stadt im modernen Sinne. Sie wird das „Venedig Afrikas“ genannt und kann zu Recht als mediterraner Erinnerungsort bezeichnet werden. Es handelt sich bei der Region Bizerta um einen natürlichen geographischen, auf das Mittelmeer hin geöffneten Raum, in den im Lauf der Zeit Einwanderer aus Spanien, der Türkei, Frankreich, Italien, Griechenland und Malta – um nur diese zu nennen – zugezogen sind. Die Hafenstadt Bizerta liegt am Fuß des Cap Blanc im äußersten Nordosten und ist somit der nördlichste Hafen Nordafrikas.

Obwohl der kürzeste Seeweg zwischen Gibraltar und Suez zwangsläufig über Bizerta führt, ist es dieser Hafenstadt nicht gelungen, zum ‚Herz‘ des Mittelmeerbeckens zu werden. Seine Lage am Rand der europäischen Wohlstandszone im Zeitalter des ausgehenden Mittelalters und der Renaissance machten Bizerta und seinen Hafen zu einem Bindeglied des Verkehrs nach Sizilien, Malta, Genua, Marseille, Griechenland und anderen mittelmeerischen Orten. Der Hafen von Bizerta war im Kreuzpunkt interner europäischen Kommunikationslinien, als Italien, die Niederlande, Frankreich und England ihre Glanzzeiten erlebten. Dies war insbesondere im Zeitalter der Industrialisierung und der endlosen Kämpfe um diplomatisch-kolonialistischen Einfluss der Fall.

Vom arabisch-islamischen Kulturraum und besonders vom Osmanischen Reich einmal mehr, einmal weniger vernachlässigt, zog der Hafen von Bizerta zu Ausgang des 19. Jahrhunderts allmählich ein verstärktes geostrategisches Interesse auf sich, und zwar erstmals im Jahr 1887 seitens einer der beiden damals führenden Kolonialmächte, nämlich Frankreichs. Damals begann die französische Marine, die von der Kraftlosigkeit und der Verzettelung der Hohen Pforte profitierte, sich im Alten Hafen Bizertas einzurichten, indem sie dort eine Basis für kleine Torpedoboote von 40 Tonnen errichtete. Dies war ein Bestandteil der so genannten poussières navales, des maritimen ‚Feinstaubs‘, wie der französische Admiral Aube seine Politik der kleinen Kriegsschiffe nannte. Über die Präsenz der französischen Marine wird noch zu sprechen sein.

Das Terrain der Kasbah von Bizerta ist schon an sich ein reiches mittelmeerisches Mosaik. Auf dem Gelände der ehemaIigen Zitadelle erhob sich die alte Stadt Hippo (Diarrhytus), deren Mauem von Karthagern und Byzantinern errichtet worden waren. Diese haben also zwischen den Befestigungswällen des alten Hafens ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Die Zitadelle, ehemals Befestigung eines großen Korsarenhafens, erlebte unter der Herrschaft Suleimans des Prächtigen einen Wandel. Unter seiner Herrschaft wollte das Osmanische Reich aus Bizerta einen Ort machen, mit es seine strategische Präsenz im Mittelmeerraum zur Schau stellen konnte.
Ganz nah an Europa gelegen, und durch seinen auch für Hochseeschiffe befahrbaren See, den Lac Bizerte, in besonderer, privilegierter Lage bietet der Hafen von Bizerta der Schiffahrt besonderen Schutz. Das einzige Stadttor der Kasbah, Bab eI-Medina, stellt schon eine kleine Festung dar, und auf der anderen Seite des Hafenkanals prägt die Ksiba als weitere Festung die Einfahrt zum Hafen. Etwas weiter entfernt erhebt sich über dem so genannten Andalusier-Viertel, wo Bizerta seit 1492 zahlreiche aus Spanien Vertriebene ansiedelte, eine größere türkische Festung, heute das Spanische Fort genannt. Auf diese die Geschichte Nordtunesiens prägende Episode werden wir noch zurückkommen. Osmanen und Andalusier haben die Stadt Bizerta und ihre Europa zugewandte Identität.de facto deutlich geprägt.

Amine Said, Lehrbeauftragter an der Ecole Supérieure d’Ingénierie et de Technologies am Alten Hafen von Ghar El Melh

Amine Said, Lehrbeauftragter an der Ecole Supérieure d’Ingénierie et de Technologies am Alten Hafen von Ghar El Melh

Im Folgenden werden wir anhand dreier beispielhafter Orte der Region Bizerta, nämlich Ras
Jebel, Ghar EI Melh und EI Alia, näher darauf eingehen, auf welche Weise Bizerta mittelmeerisch Erinnerung veranschaulicht.

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