Las Alpujarras

Las Alpujarras (Spanien)– eine euro-mediterrane Erinnerungsregion

(Sina Lucia KOTTMANN)

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Ausschließendes Erinnern der Geschichte? Ambivalenz im Umgang mit der muslimischen Geschichte der Region

Seit der Verfolgung und Expulsion der Morisken aus den Alpujarras ab 1609 kursieren in den Bergen zahlreiche Legenden und Mythen über in versteckten Höhlen oder an markanten Stellen vergrabenen Schätze der ‚Moros‘ – so wurden auch die Morisken landläufig von den Christen genannt. Die Morisken sahen sich damals gezwungen, ihr Hab und Gut zurückzulassen. Man erzählt sich, dass viele ihren wertvollsten Besitz versteckt haben sollen, in der Hoffnung, bald zurückkehren zu können. So mancher späterer Bewohner der Alpujarras hat bereits emsig gegraben, und doch nichts gefunden.

In Narila bei Cádiar steht ein inzwischen weit über 400 Jahre alter Olivenbaum, unter dem der junge al-andalusische Adlige Aben Humeya 1568 zum König der gegen die Christen rebellierenden Morisken gekrönt worden sein soll.  Válor wirbt damit, Herkunftsort Aben Humeyas zu sein. Die Puente de Tableta ist ein Erbe aus der Zeit von Aben Humeya, das sich bis heute erhalten hat. Jeder Händler, Reisende oder Soldat, der damals die Strecke zwischen Almería und Granada zurücklegte, musste sie passieren. Sie lag auf dem königlichen Verbindungsweg zwischen den beiden wichtigsten Städten der Region.

Schmuckmauer für Válors moriskischen Helden Aben Humeya am Ortseingang; Gedenktafel für den Freiheitskampf der Morisken und Aben Humeya an seinem historischen Wohnort in Válor (gestiftet von der Yama'a Islamica de Al-Andalus); Al-Andalusische Brücke La Tableta aus maurischer Zeit

Schmuckmauer für Válors moriskischen Helden Aben Humeya am Ortseingang; Gedenktafel für den Freiheitskampf der Morisken und Aben Humeya an seinem historischen Wohnort in Válor (gestiftet von der Yama’a Islamica de Al-Andalus); Al-Andalusische Brücke La Tableta aus maurischer Zeit – Abb. 15

Szenen aus den jährlich von den Dorfbewohnern nachgespielten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen in der Region: Die Representaciones de Moros y Cristianos sind Teil der dreitägigen Feierlichkeiten zu Ehren des lokal sehr verehrten Santo Cristo de la Yedra (figürliche Darstellung aus dem 16. Jahrhundert), welcher gleichzeitig der Schutzpatron der gesamten Alpujarras ist.

Szenen aus den jährlich von den Dorfbewohnern nachgespielten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen in der Region: Die Representaciones de Moros y Cristianos sind Teil der dreitägigen Feierlichkeiten zu Ehren des lokal sehr verehrten Santo Cristo de la Yedra (figürliche Darstellung aus dem 16. Jahrhundert), welcher gleichzeitig der Schutzpatron der gesamten Alpujarras ist. – Abb. 16

Die Bewohner Válors zelebrieren jährlich die regionale Geschichte der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Morisken in einem öffentlichen Straßen-Schauspiel zu Ehren des in den gesamten Alpujarras sehr verehrten lokalen Schutzpatrons Santo Cristo de la Yedra (Heiliger Christus vom Efeu).

Immer wieder wird die Ambivalenz im Umgang mit der muslimischen Geschichte der Region offenbar. Zum einen sind in der historischen Verflechtung von maurischen/moriskischen und spanischen/alt-christlichen Kulturen die eigenen Wurzeln zu finden. Zum anderen wird das muslimisch ‚Fremde‘ der Vergangenheit immer noch symbolisch bekämpft und durch Konversion untergeordnet in das ‚Eigene‘ integriert – und wo die Ressourcen knapp sind begegnen viele Andalusier den muslimischen ‚Fremden‘ der Gegenwart eher misstrauisch als unvoreingenommen. So oszilliert das Erinnern zwischen dem Ausblenden der tatsächlichen kulturellen Mischungen und der Überbetonung der christlichen Stärken und Siege. Immer findet es im Zeichen lokaler, regionaler und nationaler Identitätsbildung auf gelenkte Art und Weise statt – und es wird gerade dort intensiver gefeiert, wo die Grenzen zwischen dem ‚Eigenen‘ und ‚Fremden‘ (wieder) prekär zu werden scheinen. Die vermehrte Einwanderung aus den muslimischen Ländern im Süden des Mittelmeers revitalisieren und resemantisieren die alten Bilder des ‚Moro‘, die sich seit Jahrhunderten so fest im kollektiven sozialen Gedächtnis, in Landschaft, Ortsbildern und Folklore verwurzelt haben.[1]

Laujar de Andaráx in den westlichen Alpujarras gilt als Zufluchtsort des 1492 aus Granada geflüchteten letzten Nasridenkönigs Boabdil (Abu Abdallah Muhammad XII., Sohn von Muley Hasán; auch ‚El Chico‘, der Kleine, oder ‚El Zogoibi‘, der Unglückliche, genannt) und seiner Gattin Morayma. Nach der endgültigen Übergabe der Stadt Granada an die Katholischen Könige erhielt Boabdil die Alpujarras im Gegenzug als abgelegenen Herrschaftsbereich. Hier starb Morayma, an die bis heute vielerorts dadurch erinnert wird, dass Cafés, Restaurants und Touristenunterkünfte nach ihren Namen tragen (z.B. der zu Touristenunterkünften umgestaltete Weiler Alquería de Morayma bei Cádiar[2]). Nach Moraymas Tod begab sich auch Boabdil auf dem Seeweg nach Fez, wo er einige Jahre später in einer Schlacht ums Leben gekommen sein soll.

Das Maurische entbehrt nicht einer gewissen Ästhetik, mit der gerne spielerisch umgegangen wird.

Wo früher eher die sozial schwächeren der lokalen Gemeinschaften während der Mauren- und Christenfeste die Moros mimten, weil die christlichen Rollen bevorzugt von den besser gestellten Herren besetzt waren[3], hat diese Figur heute an Reiz gewonnen. Die ‚Moro‘-Darsteller in Vélez de Benaudalla am westlichen Rand der Alpujarras haben sich in den letzten Jahren zu wahren Paschas gemausert, unterstreichen ihr orientalisches Aussehen gerne durch etwas Make-up, und zelebrieren im Vorfeld der Scheingefechte mit ihren christlichen ‚Gegnern‘ ganz ausgelassen ihre eigene ‚arabische‘ Tee-Zeremonie.

Regionales Treffen der 'Moros y Cristianos'-Darsteller in Picena 2008; die 'Moros' aus Vélez de Benaudalla stärken sich vor den Scheingefechten mit marokkanischem Minz-Tee.

Regionales Treffen der ‚Moros y Cristianos‘-Darsteller in Picena 2008; die ‚Moros‘ aus Vélez de Benaudalla stärken sich vor den Scheingefechten mit marokkanischem Minz-Tee. – Abb. 17

Aus der Region selbst und auch überregional wächst das Interesse an den Mauren- und Christenrepräsentationen und an deren langer Geschichte, die sich bereits bis in die historischen muslimisch-christlichen Grenzkriege zurückverfolgen lässt. Die ältesten schriftlichen Zeugnisse von einfachen schauspielerischen Nacherzählungen der christlichen Siege gegen die ‚Moros‘ stammen aus dem 13. Jahrhundert.[4]

In Eigeninitiative vernetzen sich die Organisatoren der einzelnen Orte, in denen die historischen reenactments, die sich nicht immer gezwungen an das historische Protokoll halten, sondern auch gern mit Anachronismen spielen, untereinander. Immer wieder finden regionale Treffen statt, in denen kleine Parts aus den einzelnen traditionellen Repräsentationen aufgeführt werden, man sich einfach austauscht und feststellen kann, auf wie vielfältige Weise die einzelnen Orte eine Tradition gestalten, die um denselben Inhalt kreisen: die bewegte Geschichte einer über Jahrhunderte in der Region real gelebten fruchtbaren aber auch sehr konfliktiven Begegnung unterschiedlicher Kulturen mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen.

 


[1] Hauschild, Thomas; Kottmann, Sina Lucia; Zillinger, Martin: Más allá de la política. Experiencias extáticas, fetichismo y el ‚choque de las civilizaciones‘ en el Mediterráneo, in: Dietz, Gunther; Carrera, Gema (coords. científicos): Patrimonio intangible y multiculturalidad, Sevilla 2005, pp. 108-127

Kottmann, Sina Lucia: Mocking and Miming the ‚Moor‘: Staging of the ‚Self‘ and ‚Other‘ on Spain’s borders with Morocco, in: Journal for Mediterranean Studies. JMS Special Issue Unfolding Perspectives in Mediterranean Anthropology, No.1, Vol.20, 2011 (Mediterranean Institute, University of Malta), pp. 107-136

[2] http://www.alqueriamorayma.com/

[3] Besonders die gesprochenen Haupt-Rollen der (Laien-)Schauspieler zu Pferde wurden über Generationen in denselben Familien vererbt.

[4] Siehe Albert-Llorca, Marlène & González Alcantud, José Antonio (eds.): Moros y Cristianos: representaciones del otro en las fiestas del Mediterráneo occidental, Toulouse/Granada 2003

und Kottmann, 2011.

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