Las Alpujarras

Las Alpujarras (Spanien)– eine euro-mediterrane Erinnerungsregion

(Sina Lucia KOTTMANN)

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Vernachlässigt vielleicht, aber keinesfalls vergessen – das Erbe

„Vielleicht leben wir hier in einer abgeschiedenen Gegend, aber vergessen, nein, das wird sie nie sein“, sagt ein alter Mann, der mit seinem gutmütigen Muli auf den neuen Asphaltstraßen reitet wie damals sein Vater und sein Großvater auf den einfachen Feldwegen. Einer der Anblicke, die sich aus der Vergangenheit herübergerettet zu haben scheinen.

Alpujarreñische Straßenszenen: Transport mit Mulis, einer der Ältesten, Muse am frühen Morgen

Alpujarreñische Straßenszenen: Transport mit Mulis, einer der Ältesten, Muse am frühen Morgen – Abb.12

Auch wenn die Alpujarras infrastrukturell immer noch abgelegen sind, das Interesse an ihrer Geschichte lebt jetzt, im Zuge des 400-jährigen Gedenkens an die Expulsion der Morisken aus ganz Spanien (zwischen 1609 – 1614), wieder auf.

Nicht nur findige Unternehmer aus der Tourismusbranche, begabte Schriftsteller, Staatliche Stiftungen oder Forschungseinrichtungen wie der wissenschaftlich fundiert arbeitende Legado Andalusí und die Casa Árabe in Madrid reiten diese Welle und sensibilisieren die Menschen für die geschichtsträchtige Bergwelt im Süden der Alpujarras. Seit der spanische Bestseller-Autor Ildefonso Falcones seinen Roman „La Mano de Fatima“ („Die Hand der Fatima“ 2009; dt. „Die Pfeiler des Glaubens“) veröffentlicht hat, in dem ein junger Moriske aus Juviles die charismatische Hauptfigur darstellt, ist auch Juviles stärker gefragt. „Vorher fragten die Touristen nach unserem Schinken“, meint María Lourdes Molina, die Bürgermeisterin dieses kleinen Ortes in den Oberen Alpujarras. „Aber jetzt kommen viele und wollen die Kirche sehen, die plaza oder die Festung. Das haben wir dem Roman zu verdanken.“[1] So begleitet ein literarischer Tourismus das Interesse an den sich vor allem an das gebildete Publikum gut verkaufenden historischen Routen durch das ehemalige Al-Andalus. Auch Schriftsteller wie José Guglieri, Pío Navarro Alcalá Zamora und Antonio Gala lassen mit ihren Büchern die Geschichte der Alpujarras sehr lebendig werden.

Reisende, Künstler und Literaten lassen sich bis heute von der Schönheit dieser abgelegenen Bergwelt inspirieren. In einer Fülle von Literatur sind die Alpujarras immer wieder als eine Gegend beschrieben worden, in der die Zeit stillsteht oder nur sehr langsam vergeht. An einem Morgen wie dem Wolkenmeer‑Morgen im Januar in Nechite könnte man davon ausgehen, dass das der Wirklichkeit entspricht.

Bereits im 12. Jahrhundert hat Al-Idrisi, der berühmte Kartograph, Geograph und Botaniker aus Ceuta, die Alpujarras als „Yabal Sulair“ (Schneeberge) beschrieben. Ibn al-Jatib, ein al-andalusischer Gelehrter, Dichter und Politiker am Hof der Nasriden in Granada (1313-1374), schwärmte in poetischen Tönen von ihrer Schönheit und ihrer fruchtbaren Erde.

Im Siglo de Oro, dem „Goldenen Jahrhundert“ der Hochblüte der spanischen Kultur im 16. und 17. Jahrhundert, steht besonders die tragische Geschichte der Akkulturation, Verfolgung, Rebellion (1568-70) und Expulsion der Morisken in/aus den Alpujarras im Vordergrund. Die Werke der drei Zeitzeugen und Literaten Diego Hurtado de Mendoza (La Guerra de Granada), Luis del Mármol y Cárvajal (Historia de la rebelión y castigo de los moriscos del Reino de Granada, 1600) und Ginés Pérez de Hita (Las guerras civiles de Granada, ein historischer Roman, der Fiktion und Fakten verbindet) waren sowohl für nachfolgende spanische als auch ausländische Autoren, die zu dieser historischen Epoche (1492 – 1614) schrieben, von bedeutendem Einfluss.

Als geheminisvoll und mysteriös sind die Alpujarras, ihre Ortschaften mit Berber-Flair und ihre Menschen mit naturnahem Charme insbesondere von den Reisenden der Romantik im 19. Jahrhundert beschrieben worden.

Auch der volks- und erdnahe andalusische Poet Federico García Lorca besuchte die westlichen Alpujarras in den 1920er Jahren vielfach mit seinem Freund Manuel de Falla. Ihre Landschaften sind zum Stoff seiner Gedichte geworden.

Im Übergang von der Romantik zum Realismus schildert der andalusische Schriftsteller Pedro Antonio de Alarcón y Ariza in seinem Werk „La Alpujarra: Sesenta leguas a caballo en diligencia“ seine Reise zu Pferd durch diese Bergwelt und beschreibt darin deren Bevölkerung, Landschaften und Traditionen differenziert und lebendig. „Indómita y trágica“ nennt er diese Gegend: widerspenstig und tragisch.[2]

Weitere bedeutende Werke über Lebensbedingungen und Traditionen in den Dörfern der Alpujarras im 20. Jahrhundert verfassten der britische Schriftsteller und Hispanist Gerald Brenan (u.a. South from Granada, 1957) sowie der Schweizer Ethnologe und Soziologe Jean-Christian Spanhi (L’Alpujarra: secrète Andalousie, 1959). Der britische Autor Chris Stewart, der seit den 1990ern auf einem abgelegenen Gehöft bei Órgiva lebt, hat mit seiner autobiografischen Trilogie (1999-2006) entscheidende Impulse dafür gesetzt, dass sich seit gut 10 Jahren mehr und mehr Engländer in der Region niederlassen.

Die Anzahl an Chronisten, interessierten (sowohl professionellen als auch Hobby-) Historikern und Archäologen ist bemerkenswert groß, diejenige der öffentlichen Archive und Museen für lokale Geschichte bedauernswert gering. Die beiden von don José Antonio Jiménez Tovar (1943 in Ugíjar geboren) und seiner Frau eingerichteten und privat finanzierten Museen in Jorairátar und Ugíjar sind voller Bücher, historischer Dokumente und Schätze aus der moriskischen und nach-moriskischen (alt-christlichen) alpujarreñischen Alltags-, Festtags- und Kirchenkultur der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte. Es ist zu hoffen, dass auch sie in Zukunft mehr Besucher sehen. Angelita, die begeisterte Wächterin der ‚Schatzkammer‘ in Jorairátar, zumindest würde sich freuen, ihre Geschichten über die zwar schweren, aber doch glücklichen alten Zeiten noch mehr Menschen zu erzählen.

Museales Erinnern: Angelita zeigt die historischen Gegenstände im Museum der Regionalgeschichte in Jorairátar; Rohseide und Seiden- und Woll-Webstühle aus der Tradition der Morisken in einem privaten Ausstellungsraum in Válor

Museales Erinnern: Angelita zeigt die historischen Gegenstände im Museum der Regionalgeschichte in Jorairátar; Rohseide und Seiden- und Woll-Webstühle aus der Tradition der Morisken in einem privaten Ausstellungsraum in Válor – Abb. 13

Miguel Carrascosa Salas, Alpujarreño aus Órgiva, Akademiker und Vorsitzender des Centro UNESCO de Andalucía in Granada (1994-2012) hat vielfach über die Alpujarras und den granadinischen Albaicín publiziert. Er begrüßt die Zeitreife für das neu erwachte Interese für die Region. Sie habe es sich verdient aus ihrer seit Generationen andauernden Vernachlässigung geholt zu werden. Ihre unvergleichliche landschaftliche Schönheit und einzigartige Geographie, ihre reiche Geschichte und ihre alten Traditionen, ihre unter- und überirdischen natürlichen mineralischen und archäologischen Schätze und, ganz besonders, die Warmherzigkeit und die Noblesse ihrer Bewohner sind Gründe genug.[3]

Es gibt zwar eine Fülle an spanischer Literatur zur regionalen Geschichte nach dem Fall Granadas (1492) bis zur endgültigen Vertreibung der letzten zwangsgetauften Neu-Christen aus Spanien und der Wiederbesiedelung des Gebietes durch Alt-Christen aus Jaén, Kastilien und anderen Gebieten Spaniens im 17. Jahrhundert. Da diese Literatur jedoch vornehmlich in akademischen Kreisen rezipiert wird und die in den Schulen gelehrten Geschichtsbilder weitgehend verkürzt und großteils eher muslimo-/arabophob sind, ist das reflektierte Wissen um die eigene Geschichte unter der Bevölkerung immer noch ein Manko.

Es kann schon passieren, dass die Einwohner der kleinen Orte zunächst ins Grübeln kommen, wenn man sie fragt, was man unter dem Begriff Moriscos versteht, ob sie sie als ihre Vorfahren betrachten und was sie mit dem muslimisch geprägten Al-Andalus heute noch verbindet.

Lokale Wissensbestände tradieren sich nicht aus Kopf-Wissen, sondern vielmehr aus dem Tun, dem direkten Bezug zur Erde dieser Gegend und zu den sich – im Sinne einer mediterranen longue durée – bemerkenswert lange haltenden Traditionen. Die haben sich im Laufe der Jahrhunderte aus den kulturellen, religiösen und sprachlichen Praktiken der ursprünglich arabisch-berber-stämmigen Bevölkerung ergeben und gespeist: allen voran das Handwerk, die Küche und Gastronomie, die Musik und bestimmte sprachliche Ausdrücke. Allein hunderte von Wörtern arabischer Herkunft sind nahtlos in den spanischen Sprachgebrauch integriert worden. Sie werden ausgesprochen, ohne dass über ihre Herkunft nachgedacht werden müsste. Viele davon bezeichnen Erzeugnisse aus der Landwirtschaft, welche Jahrhundertelang von den Al-Andalusiern betrieben und verfeinert wurde: azúcar zum beispiel (Zucker), azafrán (Safran), albericoque (Aprikose), cacahuete (Erdnuss), zanahoria (Karotte); Ebenso Berufsbezeichnungen wie alcalde (Bürgermeister), alguacil (Büttel, Gerichtsvollzieher), alférez (Leutnant), acequiero (Wasserwart) oder andere Begriffe wie azahar (Zufall), ajedrez (Schach), dinero (Geld; von ‚Dinar‘) oder ojalá (hoffentlich; von: que Allah lo quiera, „wenn es Gott will“). Auch das so typisch spanische Olé hat seine Wurzeln im arabischen Wort Allah.

Trovos – Musiker, Gesang, Tänze. Private Feier bei Albuñol/Adra.

Trovos – Musiker, Gesang, Tänze. Private Feier bei Albuñol/Adra. – Abb. 14


[1] Quelle: Granadinische Lokalzeitung El Ideal vom 13.04.2008: http://www.ideal.es/granada/20080413/opinion/objetivo-alpujarra-20080413.html, zuletzt konsultiert am 06.11.2012

[2] Alarcón, Pedro Antonio de (2006 [1873]). La Alpujarra: Sesenta leguas a caballo en diligencia. Barcelona: Lingkua Ediciones.

[3] Quelle: El Ideal online http://www.ideal.es/granada/20091004/cultura/turismo-literario-medio-alpujarra-20091004.html, zuletzt konsultiert am 05.11.2012.

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