Las Alpujarras

Las Alpujarras (Spanien)– eine euro-mediterrane Erinnerungsregion

(Sina Lucia KOTTMANN)

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Das Gestern und die Gegenwart: Die große Vertreibung und neue Wanderungen

Besonders bekannt sind die Alpujarras als Rückzugsort der muslimischen Bevölkerung von Al-Andalus nach dem Fall des nasridischen Königreichs Granada im Jahr 1492. Und ihr Erscheinungsbild ist bis heute deutlich von seiner maurischen und moriskischen Vergangenheit geprägt.

Dass bereits um 790 n.Chr. Araber jemenitischer Herkunft in dieser abgelegenen Region siedelten und mit der „Busarra de los Banú Hassán“ (die weitläufige Bergwelt der Familie Hasán) eine der frühen al‑andalusischen Gemeinden bildeten, ist kaum bekannt. Die Banú Hassan waren Verbündete der Omayaden von Córdoba, der Herrscher über das damals gerade einmal 80 Jahre junge Al-Andalus.[1]

„Das Wissen um die Vergangenheit erleichtert uns das Verständnis für die Gegenwart. Und es lässt uns die Anstrengungen wertschätzen, unter denen unsere Vorfahren die Grundlagen dessen geschaffen haben, was wir heute leben“, erklärt Lorenzo Barrionuevo vom Centro Virgitano de Estudios Históricos (dem Institut für Historische Forschungen in Berja, an den Ausläufern der Alpujarras Bajas, der Unteren Alpujarras). Er ist der Initiator einer im Jahr 2007 vor Ort gezeigten Ausstellung über die Alpujarras der Banu Hassan. Die materiellen Objekte (Keramiken, Werkzeuge aus der Seidenproduktion und des Webereihandwerks, Kleidung etc.) und Inhalte der Ausstellung (Geschichte, religiöse Praktiken und Alltagskultur) sind zweisprachig beschriftet: in Spanisch und in Arabisch. Eine Geste des Respekts und ein Entgegenkommen an arabisch-sprachige Besucher. Vielleicht ist ja der ein oder andere Nachfahre al-andalusischer Morisken aus dem Maghreb unter ihnen.

Aufgrund ihrer geographischen Isoliertheit, umgeben von Meer und Bergzügen als natürliche Grenzen und durchzogen von unzugänglichen Schluchten und tiefen Tälern dienten bereits Ende 9. und Anfang 10. Jahrhundert auch die Alpujarras den Rebellen unter Führung des (zunächst muslimischen, später aber zum Christentum konvertierten) al-andalusischen Adligen Umar ibn Hafsún im Kampf gegen das Emirat von Córdoba[2] als Rückzug.

Die arabisch-stämmigen Herrscher über das muslimische Al-Andalus teilten die Alpujarras im 11.Jahrhundert in zwölf Verwaltungseinheiten (Tahás). Sie verfeinerten die Landwirtschaft durch Terrassenfeldbau und ein ausgeklügeltes System an miteinander verbundenen Bewässerungskanälen und machten die Berghänge fruchtbarer als je zuvor. Die Landwirtschaft und die Seidenindustrie florierten.

1228 tobten in den alpjarreñischen Bergen weitere Kämpfe, dieses Mal zwischen zwei unterschiedlichen muslimischen Parteien: die ansässige muslimische Bevölkerung rebellierte gegen die in Al-Andalus an Einfluss gewinnende radikale Almohadendynastie.

Beinahe weitere drei Jahrhunderte später eroberten die Katholischen Könige Fernando II. von Aragón und Isabel I. von Kastilien im Jahr 1492 das letzte verbleibende muslimische al-andalusische Herrschaftsgebiet, das nasridische Granada. Die Al-Andalusier wurden gezwungen, ihren muslimischen Glauben aufzugeben und eine neue christliche Identität anzunehmen. Fortan wurden sie als Cristianos Nuevos (Neu-Christen mit nicht-christlichem Stammbaum) oder Moriscos („kleine Mauren“) stigmatisiert und gezwungen, kompromisslos die christliche Lebensweise anzunehmen.

Von der noch 1492 proklamierten religiösen Toleranz sollte in der Praxis wenig bis nichts spürbar sein. Zwangskonvertierungen zum Christentum, Massentaufen und die strenge Kontrolle der Präsenz und der gezeigten Hingabe der „Neu-Christen“ während der Gottesdienste waren an der Tagesordnung.

Ihre arabische Sprache und muslimischen Essgewohnheiten mussten sie aufgeben, sich entsprechend christlicher Kleidungssitten kleiden, und ihre arabischen Namen gegen spanische (mit meist deutlich christlichem Anklang) eintauschen. Viele wurden bereits während der Moriskenrebellion versklavt. Bald erzeugte die intolerante Vorgehensweise und die Feudalherrschaft der Christen in den Alpujarras heftige soziale Spannungen, die sich schon im Jahr 1500 in gewaltsamen Aufständen entluden.

Mit der Herrschaft Philipps II. verschärfte sich die Unterdrückung der islamischen Bevölkerung. Jegliche öffentliche und auch im Verborgenen ausgeführte muslimische Glaubenspraxis führte zur Vorladung vor das Inquisitionsgericht und im Anschluß zu schweren Strafen (vom öffentlichen Tragen des Büßerhemdes bis zum Autodafé). Die Arabische Sprache und muslimische Kleidungssitten waren verboten. Die starke Kontrolle, die harten Lebensbedingungen und das extreme Misstrauen gegenüber den Morisken führte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts dazu, dass diese sich organisierten und einen bewaffneten Aufstand gegen die Christen ausriefen. Die Führung der Morisken hatte don Fernando de Córdoba und Válor übernommen, ein junger Grande aus einer ehemals muslimischen Adelsfamilie, welche ihre Wurzeln auf die Omayaden-Kalifen Córdobas und somit auf den Propheten selbst zurückführten. Er wurde am 27. Februar 1568 in Válor zum König ausgerufen und wenig später bei Cádiar gekrönt. Im April 1569 übernahm Juan de Austria, der Halbbruder des spanischen Königs, den Befehl über die spanischen Truppen und schlug mithilfe weiterer andalusischer Heerführer nach und nach den Aufstand nieder. Im Oktober 1569 fiel Aben Humeya einer familiären Verschwörung zum Opfer. Er wurde hinterrücks ermordert. Kurz vor seinem Tod soll er zum christlichen Glauben übergetreten sein. Sein Nachfolger Abén Aboo erlitt das gleiche Schicksal wie Aben Humeya. Auch er war Opfer eines Komplotts aus den eigenen Reihen. Im Oktober 1570 unterlagen die letzten 300 aufständischen Morisken.

Rebelión morisca de Las Alpujarras (1568-1571) Graphik erstellt von Wikipedia Commons User 'Té y kriptonita', 2008 Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rebeli%C3%B3n_de_Las_Alpujarras.png

Rebelión morisca de Las Alpujarras (1568-1571) – Abb. 7

Es folgte die Ausweisung der überlebenden etwa 80.000 Morisken zumeist nach Westandalusien, la Mancha oder Kastilien. 1609 schließlich erließ Philipp II. ein königliches Dekret, in dem verfügt wurde, dass alle Morisken des Landes verwiesen wurden. Die Expulsion erstreckte sich über knapp 5 Jahre. Zuerst wurden die Morisken in Valencia gezwungen, Spanien zu verlassen (ca. 100.000), dann diejenigen in Andalusien und im Königreich Murcia, schließlich die aus Aragón, Kastilien und der Extremadura. Es wird davon ausgegangen, dass es 300.000 Morisken sind, die mit großen Schiffen kontrolliert und erzwungen von den Häfen des Landes in eine ungewisse Zukunft und nicht selten in den Tod oder in ein Leben als Sklaven an die südlichen Ufer des Mittelmeers aufbrachen.

Von den etwa 400 Orten in der weiten Umgebung der spanischen Sierra Nevada wurden 270 neu besiedelt mit Bauern aus Asturien, Galizien, León, Kastilien und Jaén. Die übrigen Ortschaften blieben verlassen.

Da die meisten Neusiedler (repobladores) keine Bauern waren, verfiel die Landwirtschaft mit dem ausgeklügelten Bewässerungssystem zusehends, die Region verarmte und geriet in den folgenden Jahrhunderten weitgehend in Vergessenheit.[3]

Im spanischen Bürgerkrieg waren die Berge südlich der Sierra Nevada, die Guerilleros natürlichen Schutz boten, erneut Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen. Ab 1936 blieben der Ost- und der Mittelteil der Alpujarrras zunächst unter republikanischer Kontrolle, während die Franquisten das Gebiet von Granada bis Lanjarón kontrollierten. Órgiva lag zwischen den Fronten.[4]

Innerhalb und außerhalb der Dörfer in den Alpujarras sind noch viele historische Bauten erhalten. Über vier Jahrhunderte alte Wohn- oder Waschhäuser beispielsweise, Brunnen, Zisternen, Wasserräder zum hydraulischen Antrieb von Olivenmühlen, zahlreiche am Rand der Terrassenfelder verlaufende Bewässerungskanäle, Herrenhäuser oder religiöse Gebäude (heute christliche Gotteshäuser, früher Moscheen).

Bis heute sind entlang der Route durch die Alpujarras die Ruinen zahlreicher Brücken, Burgen, Wehrtürme und Festungsanlagen zu sehen. Nur noch wenige sind aus prähistorischer Zeit erhalten, manche sind römischen Ursprungs, die meisten stammen aus dem Mittelalter. Reste maurischer Befestigungsanlagen stehen in Lánjaron, Juviles, Válor, Bayárcal, Laujar de Andaráx und Canjáyar, andere von Christen erbaute in der Schlucht von Poqueira, in Fondón und Beires; Die mittelalterliche Festung bei Juviles im Zentrum der granadinischen Alpujarras diente sowohl während der Christenaufstände unter Ibn Hafsún (10. Jahrhundert) als auch während der sechs Jahrhunderte später stattfindenden Moriskenrebellion (16. Jahrhundert), den Empörten in den Bergen als Zufluchtsort.

Die meisten Ruinen sind nurmehr sehr spärlich erhalten, da sämtliche Wehranlagen im Verlauf der muslimisch-christlichen Auseinandersetzungen radikal geschliffen wurden.[5] Hier und das sind die Überreste von römischen oder arabischen Bädern zu sehen. Und der geübte Blick entdeckt auch außerhalb der Überreste der frühen muslimischen Friedhöfe so manch ein muslimisches Grab, ein Erdloch – von West nach Ost gezogen, das heißt nach Mekka ausgerichtet – mit einer einfachen Steinplatte obenauf.

Manch besondere Stellen in der Landschaft, Felsen, Aussichtsstellen, tiefe Schluchten erinnern allein durch ihre Namen an ihre früheren Bewohner oder an bemerkenswerte Ereignisse in der Vergangenheit. Da ist die ‚Barranco de la Sangre‚ (die „Blut-Schlucht“) in den westlichen hohen Alpujarras beispielsweise, Schauplatz eines besonders grausamen Massakers zwischen Christen und Muslimen während der Moriskenrebellion. Oder auch ein besonders schöner Aussichtspunkt bei Yegen, der „Sillón del Moro“ genannt wird, „Sessel des Mauren“.

Ein Aussichtspunkt bei Yegen mit dem Namen

Ein Aussichtspunkt bei Yegen mit dem Namen „Sillón del Moro“. Blick in Richtung Südosten.
Im Hintergrund ist die leicht schneebedeckte Sierra de Gádor zu sehen. – Abb. 8

Bis vor einigen Jahren ruhte die Wirtschaft der Region klar auf der landwirtschaftlichen Selbstversorgung durch kleine Familien-Anwesen (Fincas und Cortijos). Alle weiteren wirtschaftlichen Bereiche wie Handel, Kunsthandwerk, Gastronomie, Transport- und Kommunikationswesen sowie der Bausektor und alle sozialen Belange hingen vom Ertrag in der Landwirtschaft ab. Eine schlechte Ernte bedeutete immer eine schwere Einbuße für den gesamten wirtschaftlichen und sozialen Kontext eines jeden Ortes.

Im Zuge der sich wandelnden Lebensbedingungen (Technisierung, Mobilisierung, Lockerung des sozialen Bezugsrahmen der Großfamilie), der massenhaften Arbeitsemigration in den 1950ern und 1960ern (in den Nordosten Spaniens und ins zentraleuropäische Ausland) und der starken Abwanderung der Jugend hat sich inzwischen auch hier die Subsistenzwirtschaft der Kommerzialisierung und dem Wirken größerer Unternehmen gebeugt. Heute stützt sich die Wirtschaft der Region insbesondere auf selbständige Tätigkeiten oder kleine (Familien-)Betriebe mit einem bis fünf Mitarbeitern, die hauptsächlich im Dienstleistungssektor oder im Fremdenverkehr angesiedelt sind.

Viele der von den Mauren und Morisken in den Alpujarras angelegten schmalen Bancales (Terrassenfelder) liegen seit etwa zwei Generationen brach. Die aus den wasserreichen Gebirgsbächen gespeisten hydraulischen Mühlen und über Jahrhunderte hinweg gepflegten Acequias (Bewässerungskanäle) und Balates (Stützmauern der Terassenfelder aus lose aufeinander gelegten Steinen) verfallen, wo sie zur Bewässerung oder Befestigung der Felder nicht mehr genutzt werden. Nur noch wenige der älteren und alten Bewohner der Region bewirtschaften ihr Land mit den einfachen Mitteln, die sie seit von ihren Eltern und Großeltern kennen.

Blick von Pampaneira auf Capileira, links die tiefe Schlucht Barranco de Poqueira, im Vordergrund brach liegende Terrassenfelder, im Hintergrund links der markante Pico de Veleta (3.392m)

Blick von Pampaneira auf Capileira, links die tiefe Schlucht Barranco de Poqueira, im Vordergrund brach liegende Terrassenfelder, im Hintergrund links der markante Pico de Veleta (3.392m) – Abb. 9

Alpujarreños in Aktion in der Landwirtschaft: Der Acequiero (Bewässerungs-Wart) Juan in Nechite; traditionelles Dreschen in Murtas; ein Murteño holt Futter für seine Ziegen.

Alpujarreños in Aktion in der Landwirtschaft: Der Acequiero (Bewässerungs-Wart) Juan in Nechite; traditionelles Dreschen in Murtas; ein Murteño holt Futter für seine Ziegen. – Abb. 10

Für den modernen Tourismus ist das Gebiet inzwischen gut erschlossen. Aussichtspunkte, ein weites Netz von Wanderwegen, kurze und längere Routen mit bestimmten kulturellen Foki, Abenteuer-Touren, nachhaltiger Tourismus, Thermalbäder und Wellness, Märkte, Festivals, Konzerte, Unterkünfte aller Klassen und Kategorien… die Berge locken mit einem breitem Freizeitangebot.

Das Straßennetz durch die Alpujarras und die größeren Orte Quelle: http://www.legadoandalusi.es/es/fundacion/principal/rutas/ruta-alpujarras

Das Straßennetz durch die Alpujarras und die größeren Orte – Abb. 11

Viele der Dörfer im deutlich sichtbaren Stil maurischer Architektur mit Berber-Einflüssen tragen heute noch, ebenso wie bestimmte Landschaftsmarker oder Flüsse der Region, Namen mit deutlich arabischem Anklang (Rio Guadalfeo, Nechite (arabisches Wort, das „Freude“ bedeutet), Mulhacén (Benennung nach dem vorletzten nasridischen König des al-andalusischen Königreiches Granada) etc.) oder Bezeichnungen, die auf die maurische Vergangenheit hinweisen.


[1] Cara Barrionuevo, Lorenzo: La Alpujarra de los Banu Hassan. Una aproximación a la historia de la comarca en la Edad Media (Collección Patrimonio de la Alpujarra N°2), Berja (Centro Virgitano de Estudios Históricos) 2008

[2] Die Aufstände (880 – 918) erstreckten sich über weite Teile Andalusiens und (Granada, Málaga und Jaén). Unterstützt wurden sie insbesondere von Berbern und Mozárabern (Christen unter muslimischer Herrschaft). Emire von Córdoba waren zu dieser Zeit. Mohammad I., al-Munhir, Abdallah von Córdoba und Abderrahman II.

[3] Einschlägige Literatur zum Leben und Rebellieren der Morisken in den Alpujarras hat die Wissenschaftswelt in Spanien und dem Maghreb in großer Zahl verfasst. Klassiker dazu sind von Diego Hurtado de Mendoza, Ginés Pérez de Hita, Luis del Mármol y Cárvajal, Pedro Antonio de Alarcón y Ariza; weitere von Julio Caro Baroja (Madrid), Bernard Vicent (Paris/Madrid), Manuel Barrios Aguilera (UGR, Granada), Enrique Soria (Uni Córdoba), Luis F. Bernabé Pons (Uni Alicante), Mikel de Epalza (Alicante), Benítez Sánchez Blanco (Valencia), Chakib Bennafri (Algier, Algerien), Raja Yassine Bahri (Uni Manouba, Tunesien), Miguel Ángel de Bunes (CSCI Madrid), Dolors Bramón (Uni Barcelona), Ricardo García Cárcel (Uni Barcelona), Chakib Benafri (Algerien), Raja Yassin Bahri (Universidad de Manouba, Túnez), Gema Martín y José Maria Perceval (Casa Árabe, Madrid), José Angel Tapia Garrido (Almería) – um nur einige zu nennen.

[4] Baumann, Roland: The ‚Moors and Christians‘ of Valor: Folklore and Conflict in the Alpujarra (Andalusia),  Doctoral dissertation at Tulane University, 1995, pp. 388-738

[5] Sánchez, 2004, p. 164f.

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