Las Alpujarras

Las Alpujarras (Spanien)– eine euro-mediterrane Erinnerungsregion

(Sina Lucia KOTTMANN)

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Aparte Bergwelt außerhalb der Zeit?

« Las Alpujarras » oder « La Alpujarra »

Dieses Toponym wird von manchen in den Plural, von anderen in den Singular gekleidet. Beide Varianten sind geläufig – je nachdem, ob man ihre Einheit oder ihre Vielfalt und die Ausdehnung auf die zwei aneinandergrenzenden andalusischen Provinzen Granada und Almería betonen mag.[1] Zur Ethymologie der bereits in historischen Texten auftauchenden Bezeichnung Alpujarras lässt sich viel spekulieren.

„Ihr Name stammt aus dem Iberischen und kondesniert die ganze Schönheit der bezeichneten Wirklichkeit: Alp, „Gipfel“, und Ujar, „Göttin des Lichts“, ist in einem von der Junta de Andalucía verfassten Reiseführer zu lesen.[2]

Der britische Reisende Richard Ford dagegen führte sie auf das arabische Wort „Al-Basherah“ („Grasland“ oder „Weideland“) zurück. Pedro Antonio de Alarcón y Ariza jedoch präsentierte schon 1873 in seinem Buch „La Alpujarra: Sesenta leguas a caballo en diligencia“ viele weitere Versionen zur Herkunft des Namens dieser Bergregion: die Lesarten von Luis del Mármol Carvajal und dem Arabisten Miguel Lafuente Alcántara beispielsweise, die den Ortsnamen Alpujarra auf das arabische Wort „Abuxarra“ zurückführten („streitlustig“, „widerspenstig“ oder „unbezähmbar“). Eine dritte Hypothese brachten die Arabisten Romey und Silvestre de Sacy auf, welche – in Bezug auf den arabischen Geschichtsforscher Suar el-Kaicí – das arabische Wort „Albordjela“ („die gut Befestigte“) als Ursprung des heutigen Toponyms annahmen. Der Orientalist Francisco Javier Simonet y Baca wiederum war der Meinung, der arabische Begriff „Albuxarrat“ („Schneeberge“ oder „Weiße Berge“) sei Vorläufer der heutigen Bezeichnung gewesen. Eduardo Saavedra erweiterte die Liste der Deutungen 1881 noch um seine indogermanische und keltische („alp“ als keltische Wortwurzel mit der Bedeutung „Höhe“, „Berge“), gaelische („sreath“) und lateinische („serra“) (Aneinanderreihung, Serie, Gruppe), entsprechend derer bereits in vor-al-andalusischer Zeit die Alpujarra als eine Reihe hoher Berge beschrieben worden sein könnte.[3]

Bereits die Vielzahl der Ursprungsvarianten für die Bezeichnung der Region spiegelt ihre bewegte Geschichte und die Prägung durch Einflüsse unterschiedlicher Kulturen wieder. Im Kern umschreiben alle Varienten jedoch nicht nur die geographische und ökologische Beschaffenheit dieser abgelegenen Region (hohe Berge; Abgeschiedenheit und natürliche Begrenzung durch hohe Pässe im Norden und das Meer im Süden, nur wenige Zugänge im Osten und Westen; landwirtschaftliche Nutzung), sondern auch den Charakter ihrer Bewohner als widerspenstig und rebellisch.[4]

Pittoreske an die Berghänge gewürfelte Dörfer, die kubische Architektur, das Spektrum an Farben vom Weiß der aneinandergeschachtelten Häuser über leuchtendes Grün bis zum trockenen Ockerrot der Canyons…

Schweift der Blick durch die Alpujarras, trifft er auf vieles, was vom maurischen und moriskischen Erbe im Außen noch lebendig, sichtbar und sinnlich erlebbar ist: die Toponoymie, die Architektur, maurische Bewässerungskanäle und kunstvoll angelegte Terrassenfelder, das Kunsthandwerk, die Gastronomie.

Bemerkenswert aber ist vor allem das Erscheinungsbild dieses Landstrichs an sich! Landschaften von beeindruckender Schönheit, gekrönt von den schneebedeckten Gipfeln der Sierra Nevada… Malerische Szenerien als Ausdruck einer – nach dem Vorbild der maurischen Kultur von Al-Andalus – bis heute bestehenden perfekten Symbiose zwischen Mensch und Natur. Damit wird gehandelt, denn das sind die werbe-kräftigen Leckerbissen, mit denen die Alpujarras in Hochglanzbroschüren und TV-Sendungen präsentiert werden. Jeder, der hierher kommt, sucht sie, und hat sich im Vorfeld schon einmal darauf eingestimmt – mit einem ersten literarischen oder medialen Apéritif.

Hier an den Südhängen des Sierra Nevada-Bergmassivs, dem Mittel-Meer zugewandt schliefe die Zeit selbst ihren Dornröschenschlaf, so werben die Touristen-Magazine. Das Leben verliefe hier in den Bergen so viel ruhiger, die Träume seien aus einfachem, aber robustem Stoff gewoben, die Gedanken klarer als anderswo, meinen die Pensionäre und jüngeren Immigranten aus Zentral- und Nordeuropa, von denen seit Ende der 1990er Jahre immer mehr in diese Gegend ziehen. Sie gönnen sich hier, im milden Klima der Berge am Mittelmeer ein neues Zuhause an der Sonne. Die Menschen in den Bergdörfern lebten gesünder, so die Wochenendausflügler, die sich ein paar Tage in die weißen Dörfern jenseits des Stadt-Stresses zurückziehen – nicht so gehetzt von den sich immer rasanter beschleunigenden Rhythmen des modernen Lebens, denen sie selbst sich so stark unterworfen fühlen.

Die vier Jahreszeiten in den Alpujarras bei Válor

Die vier Jahreszeiten in den Alpujarras bei Válor – Abb. 3

Die Alpujarras, die ‚weißen Dörfer‘ – wo ist das?

Die Alpujarras erstrecken sich über die beiden aneinandergrenzenden Provinzen Granada (über deren Zentrum und Südosten) und Almería (im Südwesten). Ihre West-Ost-Ausdehnung beträgt ungefähr 80 km, ihre Gesamtfläche in etwa 2.600 km². Im Norden begrenzen die Hohen Gipfel der Sierra Nevada ihr Gebiet, 14 von ihnen sind über 3000 Meter hoch, der höchste, der Mulhacen 3482 Meter. Im Süden reichen sie bis über die niedereren Bergrücken der Sierra de la Contraviesa bis an die Mittelmeerküste (vom Cabo Sacratif bis zur Punta Entinas).

Lage der Alpujarras in Andalusien

Lage der Alpujarras in Andalusien – Abb. 4

Da die Alpujarras vielfältige und sehr diverse klimatische Charakteristika vereinen, umschließen sie eine ganz besondere Vielfalt an Ökosystemen: von den Buschregionen und Sandstränden der Küste angefangen bis hinauf zu den Pinienwäldern, den kargen Weideflächen und den in der Regel von November bis Mai mit Schnee bedeckten Höhen der Sierra Nevada. Bedingt durch seine Lage zwischen den bis zu knapp 3500 Meter hohen Gipfeln im Norden und der Meereshöhe im Süden oszilliert das Klima in den Alpujarras von subtropischen Verhältnissen bis zu tundrischen und alpinen Bedingungen in seinen höchsten Lagen. Aufgrund ihrer botanischen sowie landschaftlichen Einzigartigkeit und ihrer enormen Biodiversität sind die Alpujarras im Jahr 1986 von der Unesco zum Biosphärenreservat und von der Junta de Andalucía (der Regierung der Autonomen Region Andalusien) zum Naturpark (Parque Natural) erklärt worden.

Ausnehmend attraktiv sind die weißen Dörfer der Alpujarras, deren traditionelle Architektur deutliche Spuren ihrer arabisch-berberischen Geschichte zeigt. Ähnlich dem maurischen Viertel Albaicín in Granada sind auch hier die kubischen Häuser dicht aneinander gebaut und nur von schmalen Gässchen und steilen Sträßchen voneinander getrennt. Die Häuser sind nach Süden ausgerichtet, was – in Ergänzung zu den dicken Mauern aus Steinen und Mörtel – in den langen und kalten Wintern in den Bergen etwas mehr Wärme garantiert. Ein entscheidendes Charakteristikum der Häuser sind ihre begehbaren Flachdächer („terraos“), die mit einer auf natürliche Weise isolierenden Schicht aus grauer Launa-Erde bedeckt und an den Außenkanten mit Schieferplatten befestigt sind. Auf ihnen thronen die großen weißen Kamine, ebenfalls mit einer Schieferplatte abgedeckt, und an sonnigen Tagen werden auf ihnen Gemüse, Nüsse, Sämereien und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse getrocknet.

Heute sind die Außenfassaden zur Verschönerung und als hygienische Maßnahme weiß gekalkt. Eine eher modernere Erscheinung. Früher fügten sich die erdfarbenen Lehmwände in einer Art Camouflage perfekt in ihre natürliche Umgebung ein. Einzelne kleine Landhäuser – Cortijos – stehen verstreut an den Berghängen außerhalb der kompakten Anordnung größerer Wohnhäuser in den Pueblos, in welche meist die Stallungen und Lagerräume für die Ernte und das Viehfutter (corrales und secaderos) direkt integriert waren.

Vogelperspektive auf Pampaneira; die charaktersitischen terraos (Flachdächer) mit großen Kaminen in Bubión; Blick auf Válor

Vogelperspektive auf Pampaneira; die charakteristischen terraos (Flachdächer) mit großen Kaminen in Bubión; Blick auf Válor – Abb. 5

Details: Paprika-Ketten trocknen in der Sonne an einer Hauswand in Mairena; Tinaos mit schieferplatten-gedeckter Überdachung in Pampaneira

Details: Paprika-Ketten trocknen in der Sonne an einer Hauswand in Mairena; Tinaos mit schieferplatten-gedeckter Überdachung in Pampaneira – Abb.6

Im Gegensatz zu der Mehrzahl der kleinen Dörfer sind die größeren Ortschaften wie Órgiva, Cádiar und Ugíjar bereits moderner gestaltet, mit geräumigeren, mehrstöckigen und frei stehenden Häusern, weiterführenden Schulen, größeren Gesundheitszentren usw.


[1] Ich habe mich für „Las Alpujarras“ entschieden, weil ich der Meinung bin, dass dieser Begriff gerade die Vielfalt dieser Region und ihre wechselfällige Geschichte besser fasst als sein Begriffspendant im Singular.

[2] Die Routen durch Al-Andalus. Madrid: El Pais, Aguilar 1995: 204.

[3] Saavedra, Eduardo: La Geografía de España del Edrisi, Madrid 1881, p.31

siehe hierzu auch: http://es.wikipedia.org/wiki/La_Alpujarra;

Carrascosa Salas, Miguel J.: La Alpujarra. 2 vols, Granada 1992

Castro Maldonado, Eduardo: Guía General de la Alpujarra, Granada/Jerez de la Frontera 1995, pp. XI-XIV

Rodríguez Monteoliva, Faustino: El topónimo „Alpujarra“, in: Isla de Arriarán, No.6, 1995, pp. 277-294

[4] Erwähnenswert ist, dass die andalusischen Las Alpujarras nicht die einzige Region ist, die diese Bezeichnung erhalten hat. Auch im nordspanischen Galizien gibt es eine Bergregion mit demselben Namen, und ebenso in Kolumbien und Mexiko. (Castro, 1995, p. XIV).

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