Las Alpujarras

Las Alpujarras (Spanien)– eine euro-mediterrane Erinnerungsregion

(Sina Lucia KOTTMANN)

Zurück Überblick Die andere Seite Bilder und Literatur Vor

Meere und Geschichten, die sich überlagern

An einem so friedvollen Morgen wie dem auf dem Titelbild ist selbst die Vorstellung der leisesten Uhruhe an den naheglegenen Küsten oder hier in den Bergen nicht existent. Die blutigen Aufstände der Christen unter der Führung von Ibn Hafsún gegen das muslimische Kalifat in Córdoba im 10.Jh., die Überraschungsangriffe, Raubzüge und Sklavenrazzien der aus den Küstenstädten des Maghreb nach Südspanien ausfallenden Korsaren, die Rebellion der Morisken (1569-73), die hier in Válor – im Herzen der Alpujarras – ihren Anfang nahm, die Niederschlagung der Moriskenaufstände durch die christlichen Heere unter dem Banner von König Philipp II., die Landung und der Aufmarsch der osmanischen Janitscharen, die nicht nur kamen, um ihre Glaubensbrüder im Kampf gegen die christlichen Heere zu unterstützen, sondern vor allen Dingen um sich an der Kriegsbeute zu bereichern… – immer wieder prägten Verfolgung, Angst, Flucht und Vertreibung das Leben in der Region, mit den Akteuren in wechselnden Rollen. Mal gaben Muslime den Anstoß zu diplomatischen oder kriegerischen Auseinandersetzungen, mal Christen; Und meist stand die Glaubenszugehörigkeit im Zentrum der Konfrontationen. Sie wurde zum Deckmantel der politischen und ökonomischen Beweggründe für Krieg. Unterdrückung und Fremdbestimmung riefen dabei zum einen Gegenwehr und subersive Kräfte auf den Plan, zum anderen aber auch subtile Praktiken der Annäherung, Konversion oder kulturellen und religiösen Anverwandlung.[1]

Die Alpujarras sind in der Geschichte immer ein Land der Abgeschiedenheit, der Mythen und Legenden gewesen – ländlich, einfach, wild… und vor allen Dingen rebellisch und ungezähmt. In Kriegszeiten wurden die Blicke und die Hoffnung häufig auf den Horizont gerichtet, auf das Meer. Die Bewegungen zwischen seinen nördlichen und südlichen Ufern wurden mal erbeten und erhofft (Hilfe für die Moriskenrebellen aus den Ländern des Maghreb und dem osmanischen Reich), ein ander Mal gefürchtet und unterbunden (Beutezüge der Korsaren entlang der spanischen Küsten; Abwanderung reicher Moriskenfamilien im 16.Jahrhundert in den Maghreb), und bei der endgültigen Expulsion der Morisken aus Spanien schließlich zwischen 1609 und 1614 durch einen Erlass des Königs Philipp III. erzwungen.

Bis heute ist die religiöse Überzeugung – sofern ‚kämpferisch‘ und wortgewaltig nach außen getragen ‑ ein Thema, welches die gesellschaftlichen Diskurse sensibilisiert und die Gemüter erhitzt. Solange es die Harragas gibt, diejenigen jungen, perspektivlosen und wütenden Männer aus Tunesien, Algerien, Marokko, die ihre Papiere und somit ihre Identität, die ‚Straße‘ hinter sich verbrennen (arab harraga: verbrennen) und illegal(isiert) auf dem riskanten Seeweg nach Europa gelangen, werden die Visionen eines freien, demokratischen Maghreb bröckeln und die Festung Europa immer mehr zum Bollwerk gemacht. Die Kontrolle der Süd-Nord-Bewegung über das Meer bleibt ein Politikum und Frontex auf dem Meer präsent.

Das Mittelmeer als natürliche Grenze und gleichzeitiger Verbindungsweg zwischen Europa und Afrika… kühne oder naive, erwünschte oder unterbundene Bewegungen zum jeweils anderen Ufer werden ein Thema sein, das aktuell bleibt, solange es das Meer selbst und die entsprechenden Impulse dazu an Land gibt. Die omnipräsenten Bilder und Rhetoriken der Kontrolle und Offensive verschlingen sich mit den immer wieder angestrengten Nostalgien bezüglich einer friedlichen und fruchtbaren Koexistenz von Christen, Muslimen und Juden im einstigen Al-Andalus. Und beide Diskurse – sowohl die der Abwehr, als auch die der Inkorporation des jeweils ‚Anderen‘ – sind, unter den Vorzeichen der mobilen und globalisierten Gegenwart, auf beiden Seiten des Mittelmeers (wieder) lebendiger denn je.

Das Wolkenmeer über den Bergen zieht sich langsam zurück und gibt die Sicht frei auf den Ort, die Berghänge und Schluchten und der Umgebung. Weit hinten am Horizont wird das Mittelmeer sichtbar.

Das Wolkenmeer über den Bergen zieht sich langsam zurück und gibt die Sicht frei auf den Ort,
die Berghänge und Schluchten der Umgebung. Weit hinten am Horizont wird das Mittelmeer sichtbar. – Abb. 2

 


[1] Barbara Fuchs beschreibt diese Strategien der „kulturellen Mimesis“ oder „pointierten Imitation“ in ihrem Artikel „Virtual Spaniards: The Moriscos and the fictions of Spanish identity“, 2001.

Zurück Überblick Die andere Seite Bilder und Literatur Vor