Granada

Granada (Spanien)

(Sina Lucia KOTTMANN)

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Kulturelles Leben und Inszenierte Identität in Granada

Kulturelles Leben in Granada

Granada inspiriert. Viele Künstler, Literaten, Poeten, Tänzer und Musiker hat die Stadt am Fuße der Sierra Nevada hervorgebracht und beherbergt. Aufgrund von Granadas Nähe zu Marokko haben sich zahlreiche Künstler auf beiden Kontinenten beeindrucken lassen. Hier folgt lediglich eine sehr begrenzte Auswahl der bekanntesten Söhne und Töchter der Stadt, die internationale Anerkennung erlangt haben:

Bildende Künste: Diego de Siloé (Renaissance); Alonso Cano und Juan de Sevilla Romero (Barock); Ismael de la Serna, Manuel Rivera, José María Rodríguez-Acosta, Manuel Ángeles Ortiz, José María López Mezquita und José Guerrero (20.Jh.) etc.

Literatur: Fray Luis de Granada (16.Jh.); Pedro Antonio de Alarcón und Ángel Ganivet (19.Jh.); Elena Martín Vivaldi, Federico García Lorca, Francisco Ayala, Luis Rosales und Luis García Montero, (20.Jh.) etc.

Musik: Carlos Cano, Ángel Barrios, Manuel de Falla, Blanca Li, Miguel Rios; und Flamenco-Größen wie Enrique und Estrella Morente, Juan Carmona ‚Habichuela‘, Manolete, Juan Andrés Vargas etc.

Filmemacher: Chus Gutiérrez, José Val del Omar, Miguel Hermoso etc.

Bis heute ist das kulturelle Leben Granadas sehr lebendig und vielfältig. Diverse Archäologische, ethnologische, volkskundliche Ausstellungen erzählen von seiner Geschichte. Kulturelle Veranstaltungen in Museen, historischen Monumenten (inklusive Alhambra und Generalife), in den Gemeindezentren (Centros Cívicos) der einzelnen Stadtviertel, in Tanzschulen und Theatern sind gut besucht. Unter den Konzerten und Musik-Festivals ist besonders das jährliche Festival de Música y Danza hervorzuheben, das internationale Größen auf verschiedene Bühnen in der ganzen Stadt präsentiert.

Katholisches Brauchtum

Zutiefst als ‚authentisch‘ andalusisch und identitätsstiftend wird seit dem 16. Jahrhundert in Granada die Verehrung unzähliger christlicher Heiliger und Christus- sowie Madonnen-Figuren gesehen. Insbesondere die aufwändigen Prozessionen der kostbaren Bildnisse durch die Straßen, über die Plätze und Hügel der Stadt während der Semana Santa (Karwoche) werden als eindrückliche Identitätsmarker gefeiert.

Prozession während der Karwoche

Prozession während der Karwoche

Granadas Festkalender ist das ganze Jahr über dicht gedrängt. Er beginnt mit dem Día de la Toma (dem Jahrestag der christlichen Eroberung der Stadt 1492) am 02. Januar, gefolgt vom Fest des Stadtpatrons San Cecilio mit einer Wallfahrt zur Abadía del Sacromonte. Danach tauchen die Karwoche und die Cruces del Mayo, Corpus Cristi (Fronleichnam) und Ende September dann das populäre Fest der weiblichen Patronin Granadas, der Virgen des las Angustias, die Stadt in Menschenmengen, katholischen Pathos, Musik, ein Konzert aus Farben und Düften – und nebenbei auch in Kommerz und Exzess.

Día de la Toma – Der jährliche ‚Sieg‘ der Christen

Jedes Jahr am zweiten Januar wird in liturgischen und offiziellen Festakten in der Kathedrale und auf dem Rathausplatz die christliche Eroberung Granadas im Jahre 1492 und des damit einhergehenden endgültigen politischen Niedergangs des muslimischen Al-Andalus zelebriert. Begleitet werden die weltlichen und kirchlichen Festakte des Dia de la Toma, an denen zwischen 5000 und 6000 Aktive und Zuschauer teilnehmen, von Militärparaden und dem Aufmarsch lokaler politischer sowie klerikaler Autoritäten. Auf die offiziellen Akte des Erinnerns an den „Sieg“ über die ‚Mauren‘ und die sie begleitende Präsenz faschistischer und Falange-treuer Gruppen reagieren die Izquierda Unida, die Linkspartei der Stadt, eine Vielzahl von NGOs und Menschenrechtsorganisationen sowie die Vereinigung Plataforma de una Granada abierta a la tolerancia (dt.: Plattform eines Granadas, das offen ist für Toleranz) unter der Schirmherrschaft andalusischer Intellektueller mit einer Reihe von kulturellen Veranstaltungen und Gegendiskursen. Sie weisen auf die vielfältigen muslimischen Einflüsse auf die heutige andalusische Kultur hin und fordern zur interkulturellen und interreligiösen Annäherung zwischen Muslimen und Christen auf.

Auch die traditionelle Verkörperung der ‚Figuren‘ Cristiano (spanischer Christ) oder Moro (hier als Muslim der al-andalusischen Vergangenheit) in den alljährlich vielerorts in der Provinz Granada gefeierten ‚Mauren- und Christen‘-Festen[27] holt die gemeinsame euro-mediterrane Vergangenheit immer wieder in das Bewusstsein der Granadinos und Granadinas – oder verursacht zumindest ein bestimmtes (Körper-)Gefühl. In sehr freier Anlehnung an die lokale Geschichte stehen sich in diesen Festen die Dorf-/Stadtbewohner als Mauren und Christen in kämpferischen Wort- und Waffengefechten gegenüber. Zunächst erobern die Mauren den Ort, bevor sie anschließend wiederum von den Christen besiegt und vertrieben oder symbolisch zwangsbekehrt werden. Bereits die ganz Kleinen inkorporieren und perpetuieren am Rande des Geschehens das Bild des christlichen ‚Siegs‘ – und nebenbei die äußerst ambivalenten Bilder des ‚Islam in Spanien‘, die sich die Gegenwart von der Geschichte spielerisch und ernsthaft immer wieder selbst entwirft. Das Islambild oszilliert bis heute zwischen einem attraktiven orientalischen und einem beängstigend vereinnahmenden Gegenüber. Irgendwo dazwischen wird der al-andalusische Muslim von manchem nicht als ausschließlich fremd, sondern als Teil der eigenen Kultur, der eigenen Wurzeln und der eigenen Identität erinnert.

Mora und Moro, auf dem Mauren- und Christenfest in Quéntar, ca. 15 km von Granada entfernt

Mora und Moro, auf dem Mauren- und Christenfest in Quéntar, ca. 15 km von Granada entfernt


[27] Siehe Kottmann, 2011
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