Granada

Granada (Spanien)

(Sina Lucia KOTTMANN)

Zurück Überblick Die andere Seite Bilder und Literatur Vor

Ein Stadtrundgang heute – Relikte aus der Vergangenheit

oder die Lesbarkeit der Zeit im Raum

Nach der Kapitulation der Nasriden im Jahr 1492 wurde das maurische Stadtbild entscheidend verändert. Die Namen der Plätze und Straßen wurden christianisiert, der Stil der Architektur mit Zeichen des christlichen Glaubens überformt. Die Überreste der vorgefundenen Festungen, Stadtmauern, Moscheen und Wasserzisternen wurden im Laufe der Jahrhunderte überbaut mit Kirchen, Klöstern, Konventen und christlichen Palästen – und heute ergibt sich eine Stadt-Landschaft gleich einem Mosaik aus so unterschiedlichen Architekturstilen wie Mudéjar-Stil, Gotik, Renaissance, Barock und den Gebäuden der Moderne. Ein Spaziergang durch den Albaicín führt den Besucher am intensivsten in die al-andalusische Epoche zurück, in eine Zeit, die

„räumlich und geistig noch sehr nahe ist. Nostalgie: das tägliche Leben eines Volkes, des Volkes von Al-Andalus, das in seinem Viertel, dem Hügel des Albaicín, seine eigene dynamische soziale Struktur besaß und von hier aus die makellose Schönheit der (…) gegenüberliegenden Alhambra bestaunte. Ähnlich wie heute, viele Jahrhunderte und Umbrüche später, in denselben, vom Duft des Jasmins durchdrungenen, weißgekalkten Gassen und schattigen Winkeln; auf denselben sonnigen, gepflasterten Plätzen; auf den Terrassen und in den rätselhaft verschachtelten Moriskenhäusern, die hier ohne vorgefaßten Bauplan und nur den wechselhaften Bedürfnissen ihrer Bewohner folgend entstanden sind.“

So schwärmerisch wird das Viertel in dem von ‚El País‘ geförderten Reiseführer „Die Routen durch Al-Andalus“ beschrieben.[22]

Tatsächlich liefert der Albaicín, gleichsam als weißes Dorf (pueblo blanco) inmitten der modernen Großstadt Granada, mit seinem labyrinthischen Geflecht aus schmalen Gassen, die sich auf kleine und kleinste Plätze hin öffnen, mit seinen weißgetünchten hohen Mauern und den dahinter liegenden, Zypressen-bestandenen Gärten (Carmenes) und offenen Innenhöfen (patios), den flachen Dachterrassen, den gewölbten Aljibes (Wasserzisternen) und zu Kirchen umgeformten Moscheen bis heute das pitorreske Bild eines Relikts aus Granadas maurischer bzw. moriskischer Vergangenheit.

Dieses kleine weiße, nur scheinbar aus dem Jetzt gefallene Dorf ist heute durchaus auch geprägt von zunehmender Gentrifizierung, Immobilien-Spekulation, Kriminalität (Straßenraub) und Drogenkonsum.

Ganz besonders sichtbar wird das ziridische und nasridische Erbe der Stadt durch Gebäude wie die arabischen Bäder (Hammam al-Yawza) aus dem 11. Jahrhundert nahe der Puente del Cadí, welche sich über den Río Darro spannt und das Albaicín mit dem Alhambra-Areal verbindet, die moriskische Casa del Chapiz aus dem 16. Jahrhundert – eine perfekte Fusion von islamischer und christlicher Kunst – am Eingang zum Barrio El Sacromonte, heute Sitz der Escuela de Estudios Árabes oder den Carmen de las Victorias, heute Ort für besondere Veranstaltungen der Universität etc.

Gleichsam eingeschmolzen in das aktuelle Stadtbild finden sich hier auch zahlreiche Reste der Stadtmauern aus ziridischen und nasridischen Zeiten: zerfallene und teils restaurierte Türme und Stadttore von Al-Garnatha wie die Puerta de Monaita und der Arco de las Pesas, der Arco de Elvira, die Puerta de Fajalauza und die Puerta del Albaicín.

Arco de Elvira

Arco de Elvira

Unweit der Plaza San Miguel Bajo und des Aussichtspunkts Mirador de San Cristóbal befindet sich der kunstvoll gestaltete Palacio Dar-al-Horra aus dem 15. Jahrhundert, erbaut über den Fundamenten eines Palastes der Ziriden.

Die Real Chancillería, die Casa de Castril, die Casa de las Chirimías sowie eine Vielzahl von Kirchen und Klöstern im Albaicín (Convento de Santa Catalina de Zafra, Convento de las Tomasas, Monasterio de Santa Isabel la Real Iglesia de San Pedro y San Pablo, Iglesia de Santa Ana, Iglesia de San Miguel Bajo etc.) erzählen darüber hinaus stumm von der christlichen Überformung des Viertels in Renaissance und Barock.

An exponierter Stelle des Albaicín-Hügels, neben dem Mirador de San Nicolás, steht heute die neue Große Moschee (Mezquita Mayor), ein modernes Gebäude, das sich unauffällig in sein Umfeld integriert und sich nach Süden, zur Alhambra hin, in einem großen Garten im arabischem Stil erweitert. Der Blick auf die nasridische Festungs- und Palastanlage ist von hier aus atemberaubend.

Das Minarett und Teile der Außenmauern der Mezquita Mayor im Albaicín

Das Minarett und Teile der Außenmauern der Mezquita Mayor im Albaicín

Besucher der Mezquita Mayor, junge Sufis

Besucher der Mezquita Mayor, junge Sufis

Besucher der Mezquita Mayor

Besucher der Mezquita Mayor

Erst nach vielen Jahren der polemischen Auseinandersetzung um ihren Bau und einem mehrjährigen Baustopp vonseiten der Stadtverwaltung konnte sie schließlich mit Spenden aus Marokko, Malaysia und entscheidender finanzieller Hilfe aus den Arabischen Emiraten fertig gestellt und im Juni 2003 eröffnet werden. Seither ist sie – unter der Leitung der Mourabitoun Gemeinde – Treffpunkt für alle Muslime der Stadt, Lehrzentrum und Repräsentationsstätte der islamischen Kultur, Ethik und arabischen Sprache.

Die Mourabitoun sind eine Sufi-Gemeinschaft unter der spirituellen Führung von Dr. Abdelqadir As-Sufi, einem schottischen Konvertiten (ehemals Ian Dallas), der inzwischen in Südafrika wirkt. Der marokkanische Imam und ein nordspanischer Muslim als Direktor der Mezquita sind die Autoritäten vor Ort. Als Comunidad Islámica de Granada (Islamische Gemeinschaft Granadas) hat sich die Gründungs-Gemeinschaft inzwischen zu einer Gemeinde aus Muslimen (Sufis und Nicht-Sufis) ganz unterschiedlicher Nationalität erweitert. Meryem[23], eine gebildete deutsche Muslima, ist eine von ihnen. Sie ist als junge Frau im Senegal zum Islam konvertiert, hat dort geheiratet und lebt mit ihren drei Kindern seit 1998 unweit der Mezquita Mayor. Hier in Granada hat sie entscheidend an der Fertigstellung der Moschee mitgewirkt. Bis heute ist sie eine der Aktivsten der Gemeinde, begleitet Interessierte durch das Moscheegelände, wirkt an Bildungsmaßnahmen und öffentlichen Veranstaltungen mit. Es ist ihr ein großes Anliegen, das, was sie hier geschaffen haben und das, was sie an religiöser Orientierung im Alltag leben, auch nach außen hin zu zeigen.

Nachdem den anfänglichen Ängsten der Nachbarschaft, der Albaicín werde langsam arabischer als tragbar, hätte sich inzwischen ein Zusammenleben entwickelt, das geprägt ist von gegenseitigem Respekt und Toleranz, meint Meryem. Das Minarett durfte zwar nicht höher gebaut werden als der Kirchturm der benachbarten Iglesia de San Nicolás, aber der Gebetsruf, erklingt (als Kompromiss ohne künstlichen Verstärker) von hier fünf Mal am Tag. Und keiner der Nachbarn störe sich daran. Der Mihrab im großen Gebetsraum ist der Gebetsnische in der Moschee von Córdoba nachempfunden. Die Mezquita in Granada ist wie eine kleine Schwester der cordobesischen Schönheit gedacht. Auch hier wird ästhetisch und in lebendigen Diskursen die al-andalusische Blütezeit heraufbeschworen. Auf der Moschee-eigenen Website nutzt die Comunidad Islámica de Granada bezeichnenderweise genau das Vokabular der islam-kritischen Fronten: sie spricht von einer „Rückkehr des Islam nach Al-Andalus“ und davon, dass dieser Weg ein profetischer sei.[24]

Der Sacromonte im Osten des Albaicíns mit seinen Höhlenwohnungen, bis heute als emblematisches Zigeunerviertel mit Flamenco-Flair touristisch belebt, schmiegt sich westlich des Albaicín an die Berghänge unterhalb des Klosters Abadía del Sacromonte.

Blick auf den Sacromonte – Albaicín und Stadtzentrum im Hintergrund

Blick auf den Sacromonte – Albaicín und Stadtzentrum im Hintergrund

Flamenco Vorstellung in dem modernen Höhlenkomplex La Chumbera im Sacromonte

Flamenco Vorstellung in dem modernen Höhlenkomplex La Chumbera im Sacromonte

Südlich des Flusses Darro beginnt das Areal der Alhambra auf dem gegenüberliegenden Berghang, südöstlich davon liegt das ehemals jüdische Viertel Garnatha Al-Yahut, heute El Realejo. Auch der obere, an den Hängen des Sabika-Hügels erbauten Realejo besteht, ähnlich dem Albaicín, aus einem Gewirr enger Gassen. Dominiert wird das Viertel von den imposanten Torres Bermejas. Ein kleiner Platz mit dem offenen historischen Waschhaus aus Stein El Lavadero de la Puerta del Sol, der große Platz Campo del Píncipe, das Herschaftshaus Casa de los Tiros und eine Reihe von Konventen und Kirchen wie die Iglesia de Santo Domingo sind emblematisch für den Realejo. Jüdische Relikte sind hier kaum noch zu finden, von den ehemaligen Zugangstore Puerta de Fajjarín, de Neched, de los Alfareros und de Molinos ist nichts mehr erhalten.

Der Realejo und der Albaicín rahmen ihrerseits den Stadtkern (Centro), der eine besonders hohe Dichte von Schmuckbauten aus Gotik und Renaissance aufweist. Hier thront ein wie für die Ewigkeit gemachtes Monument des christlichen Sieges über die Nasriden ein einmaliges Renaissance-Bauwerk: die große Kathedrale.

Außenfassade der Kathedrale, plaza de las pasiegas

Außenfassade der Kathedrale, plaza de las pasiegas

Nebenan, in der Capilla Real stehen die marmornen Sarkopharge des Katholischen Königspaars Isabel I. und Fernando V. und weiterer Mitglieder des Königshauses.

In der Umgebung der Kathedrale finden sich steinerne Zeugen aus den verschiedenen Epochen der Stadtgeschichte. Aus der al-andalusischen stammt beispielsweise der innere Kern des Palacio de la Madraza (im 13. Jahrhundert als Qur’an-Schule und Ort der Weitergabe islamischer Lehren erbaut), die Alcaicería (der nasridische Seidenmarkt, der nach einem Brand im 19. Jahrhundert wieder rekonstruiert wurde) und der Weizen-Umschlagsplatz El Corrál de Carbón aus dem 14. Jahrhundert mit Wohnstätten für die Händler und Stallungen für die Last- und Reit-Tiere. Die Plaza de Bib-Rambla erinnert an zahlreiche Autodafés von potentiellen Ketzern und Ungläubigen und an die Verbrennung aller nach 1499 in Granada aufgefundenen arabischen Bücher und Schriftstücke durch die Inquisition. Ein ganz besonders düsteres Kapitel in der Geschichte Granadas.

Die Gran Vía de Colón, die das Zentrum vom Albaicín trennt, führt zu den Gartenanlagen des Plaza del Triunfo und zum Hospital Real, 1504 als königliches Krankenhaus gegründet, heute Sitz der bereits kurz darauf gegründeten Universitäts-Rektorats.

Die Basílica de San Juan de Dios, das Kloster des Heiligen Hieronymus und die vom Jesuitenorden erbaute Stiftskirche der Heiligen Justo und Pastor sollten sichtbare Marker der neuen christlichen Stadt-Landschaft sein.

Im Stadtviertel La Cartuja, nördlich des Zentrums, befindet sich nicht nur der Großteil der Universitätsgebäude, sondern auch das namensgebende Karthäuserkloster mit seinem üppig barocken Inneren.

Inzwischen ist die auf 734 Metern Höhe über dem Meeresspiegel liegende Stadt um einen breiten Gürtel moderner Viertel gewachsen. Ca. 273.000 Einwohner zählt sie heute, davon knapp 27.000, also 10%, ausländischer Herkunft.[25]

Neben dem Tourismus ist die sehr traditionsreiche Universität der Stadt (gegründet 1526) ein bedeutender Aspekt ihrer Lebendigkeit und Dynamik. An der Universidad de Granada sind gut 80.000 Studenten immatrikuliert. Die Arbeitslosigkeit in Granada ist, wie überall in Spanien, gegenwärtig sehr hoch (über 106.000)[26]. Insbesondere Jugendliche, auch akademisch gebildete, sehen sich mit Perspektivlosigkeit konfrontiert.


[22] Siehe: Routen durch Al-Andalus. Madrid 1995, p.276
[23] Name geändert.
[24] Siehe http://www.mezquitadegranada.com/index.php?id=sobre-la-mezquita und http://www.mezquitadegranada.com/lareconciliacindeespaacon/, zuletzt konsultiert am 07.07.2012. Die muslimische Gemeinde Granadas wird zunehmend größer und lebendiger. Seit der Fertigstellung der Mezquita Mayor erhält sie großen Zulauf. Bereits seit den späten 1970ern siedeln Sufis und othodoxe Muslime diverser Nationalitäten in der Provinz Granada. Eine größere Gemeinde des Yerrahi Sufi-Ordens lebt mit ihrem spirituellen Oberhaupt, einem deutschen Sheyk, in Quéntar, einem kleinen Ort ca. 15 km östlich von Granada. Auch in der Bergregion der Alpujarras um Órgiva leben zahlreiche Muslime.
[25] Siehe: Fuente: CPD. Ayuntamiento de Granada. Padrón Municipal de Habitantes a 01 enero 2011 (Elaboración 16/05/2011), unter http://www.granada.es/inet/wgr.nsf/wwayu/0fe22f3b89024d85c1256e31007ba3a7, zuletzt konsultiert am 07.07.2012.
Zurück Überblick Die andere Seite Bilder und Literatur Vor

Schreibe einen Kommentar