Granada

Granada (Spanien)

(Sina Lucia KOTTMANN)

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‚Moros no!‘ oder ‚Es darf ein wenig maurisch sein‘: Nostalgien und ein kollektives Imaginarium

Im Granada des 21. Jahrhunderts, ist immer noch – inmitten der Dynamik eines zunehmend beschleunigten und transnationalisierten Lebens – der Puls des historischen Al-Andalus spürbar. Mehr als anderswo. Das Erinnern an vergangene Zeiten geschieht in Granada ganz natürlich, im Vorbeigehen, Stehenbleiben, aufmerksamen Betrachten. Die Geschichte ist gegenwärtig, die Zeit im Raum lesbar.[5]

Reminiszenzen des Maurischen erzählen von der langen muslimischen Präsenz vor Ort und neo-maurisches Pastiche legt sich wie ein künstlich verstärkendes Rot-Filter darüber. Orientalisch-arabische Ästhetik ist neuerdings wieder gefragt, von der autochthonen Bevölkerung ebenso wie von den unzähligen Touristen, die sich gerne in den schmalen, ansteigenden Gassen des Albaicín Viertels tummeln, in der Calderería Vieja und Nueva, in denen arabische Teehäuser, moriskische Konditoreien, libanesische Schnellimbisse und Läden mit Schmuck, Babuschen, Wasserpfeifen, Düften, Tüchern und sonstigem Allerlei aus Ländern von Marokko bis Indien anbieten. Ansässige Handwerker und Geschäftsleute mit ’spanischem‘ Angebot haben hier in den letzten 15 Jahren den Platz geräumt für Händler aus dem Maghreb und europäische Muslime, die mit ihren farbenfrohen, orientalisch anmutenden Waren zunehmend das Stadtbild prägen – nicht nur hier im unteren Albaicín, nahe am Herzen der Stadt. A little bit Mo(o)re(ish) sells. Es darf ein wenig Maurisch sein. Das passt einfach in diese Stadt zu Füßen der Sierra Nevada.

Schild 'Feliz Ramadán' im Schaufenster einer Konditorei im Albaicín, die maurische Süßigkeiten anbietet

Schild ‚Feliz Ramadán‘ im Schaufenster einer Konditorei im Albaicín, die maurische Süßigkeiten anbietet

Marokkanische Accesoires im Verkaufssortimen

Marokkanische Accesoires im Verkaufssortiment

Die Calderería Nueva im Albaicín

Die Calderería Nueva im Albaicín

Die Wieder-Entdeckung des islamischen Erbes der Stadt, verbunden mit einer weitreichenden – auch spielerisch das Maurische mimenden oder mit eigenen Stilelementen mischenden – Kommerzialisierung, ist jedoch ein junges Phänomen, ungefähr zwei Jahrzehnte alt.[6] Spanien hat lange Zeit seine nordafrikanischen Wurzeln verdrängt. Wo die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte von Amnesie gezeichnet war, hat sich heute das offizielle Geschichtsbewusstsein in einem Aspekt entscheidend gewandelt. Ungeachtet der bestehenden islamophoben Ressentiments haben sich seit Mitte der 1990er Jahre spezielle Formen supralokaler Diskurse über die

Eres parte del legado. Vívelo.

Eres parte del legado. Vívelo.- Du bist Teil des kulturellen Erbes. Lebe es.

gemeinsame muslimisch-christliche Vergangenheit herausgebildet. Sie wird wieder erweckt und enthusiastisch vermarktet. „Eres parte del Legado. Vívelo“ – ein Aufkleber mit dieser Aufforderung schmückt ein Schaufenster in Granadas historischem Zentrum im Umfeld der Kathedrale:“Du bist Teil des historischen Erbes. Lebe es.“

Ebenso wie die staatliche Stiftung El Legado Andalusí (dt.: Das Erbe von Al-Andalus), die seit ihrer Gründung im Jahre 1995 wissenschaftlich gestützte Bildungsarbeit leistet (Publikationen, Ausstellungen, Bildungsreisen etc.) und entscheidende touristische Anreize für eine reflektierte Auseinandersetzung mit der al-andalusischen Geschichte bietet, hat sich auch die Plattform Milenio de Granada zum Ziel gesetzt, das kulturelle Erbe und die reiche Geschichte der Stadt samt ihres historischen Einflussbereiches auf nationaler und internationaler Ebene ins Bewusstsein derjenigen Köpfe zu rufen, die auf die eine oder andere Weise in Berührung mit Granada sind – ob aus der Ferne, virtuell, oder ganz nah, auf unmittelbarer Tuchfühlung. Granada wurde vielfach als Mythos beschrieben, als eine Legende – ein al-andalusischer „Rubin“. Der Granatapfel (span. Granada) ist Namensgeberin der Stadt, eine üppige Frucht, hinter dessen fester Schale sich rubinrote Süße verbirgt, Sinnbild für Fruchtbarkeit, Fülle, Versuchung.[7]

Granatapfel, span. Granada

Granatapfel, span. Granada

Seit dem Niedergang von Al-Andalus war Granada Brennpunkt der Sehnsüchte vieler Morisken, Muslime Nordafrikas und Ottomanen. Für manch einen ist sie bis heute das ‚verlorene Paradies‘. Osama Bin Ladens angebliches Statement im Nachfeld des 11.Septembers 2001, die muslimische Welt könne nicht zulassen, dass sich die Tragödie der Vertreibung aus Al-Andalus im 21. Jahrhundert in Palästina wiederhole, hat auch in Granada für äußerst erhitzte Diskurse gesorgt.

Für manche(n) ist der Traum dieser Zeit noch nicht ausgeträumt. Leila zum Beispiel, eine der wenigen muslimischen gitanas[8] in Granada, conversa mit Unternehmergeist, elegant gebundenem Kopftuch und dezent fließendem Kleidungsstil, lebt diesen Traum. Sie eröffnete vor inzwischen über 20 Jahren die erste arabische Tetería (Teestube) im unteren Albaicín – und hat einen Trend ins Leben gerufen, der das Erscheinungsbild des Viertels heute entscheidend prägt. Die Stadt zieht immer mehr Menschen an, die ähnlich empfinden wie sie.[9]

Im Albaicín siedelt seit den 1990er Jahren eine wachsende muslimische Gemeinschaft von europäischen Muslimen (vornehmlich Sufis) und Neuen Muslimen (Konvertiten) aus Spanien und anderen Teilen der Welt, die sich insipiriert und zuhause fühlen in dem Ambiente der Stadt, in der das muslimische Erbe von damals besonders sichtbar und (erneut) so lebendig ist. Wo die europäischen Muslime einen hispanischen, weltoffenen Islam in Verbundenheit mit den Wurzeln der europäischen Kultur im florierenden Al-Andalus propagieren, Freundschaften pflegen nach Marokko und in die arabische Welt und Neu-Konversionen ihre Gemeinschaft ständig vergrößern, besteht im alltäglichen Miteinander jedoch eine gewisse Divergenz zwischen ihnen und den muslimischen Arbeitsimmigranten aus dem Maghreb. Die europäischen Muslime legen Wert auf ihre Bildung. Und insbesondere die Neuen Muslime nehmen ihre Glaubenspraxis und eine ethische Lebensausrichtung sehr ernst. Es entstehen neue Zentren, Schulen und Bildungseinrichungen, in denen sich interessierte Muslime religiös, kulturell und sprachlich weiterbilden können. Sie organisieren öffentlich zugängliche Konferenzen mit internationalen Referenten, Festivals, kulturelle Veranstaltungen und zeichnen so das Bild eines selbst-bewußten Islam vor Ort.

Inzwischen leben in Granada ca. 30.000 Muslime, mehr als 1.100 davon sind Neue Muslime, also Konvertiten der ersten Generation.[10] Die muslimischen Bewohner und Besucher der Stadt Granada werden vielfach undifferenziert als ihre modernen ‚Mauren‘ wahrgenommen. Insbesondere aber Immigranten – Arbeits- ebenso wie Bildungsimmigranten – aus dem Maghreb oder arabischen Ländern werden von der authochthonen Bevölkerung im Straßenjargon nach wie vor als Moros bezeichnet und vielfach mit Misstrauen oder offener Abwehr bedacht.

Wandgraffiti in Granada – Moros No, Moros sind hier nicht erwünscht

Wandgraffiti in Granada – Moros No, Moros sind hier nicht erwünscht

Der Moro, der ewige Freund-Feind muslimischen Glaubens, ist eine vertraute Größe in der kollektiven Vorstellungswelt der Granadiner.[11]


[5] Kottmann, Sina Lucia: Karl Schlögel liest die Zeit im Raum: Flanieren auf alten Wegen in Richtung neuer Horizonte , in: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 6(2), Art.12, verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/a5b6c7/05-2-12-d.htm, 2005 Schlögel, Karl: Im Raume lesen wir die Zeit. München 2003
[6] Siehe auch Rogozen-Soltar, Mikaela: Al-Andalus in Andalusia: Negotiating Moorish History and Regional Identity in Southern Spain, in: Anthropological Quarterly, No. 3, Vol. 80, 2007, pp. 863-886
[7] Als Symbol für Granada ist der Granatapfel seit dem Mittelalter auf Kartenmaterial und bis heute auf dem Stadtwappen abgebildet.
[8] Gitanos nennen sich die andalusischen Zigeuner.
[9] Siehe hierzu auch Dietz & El Shouhoumi, 2002.
[10] Siehe Bahrami, Beebe. A Door to Paradise: Converts, the New Age, Islam, and the Past in Granada, Spain, in: City and Society, No. 10(1), 1998, pp. 121-132.
[11] Diese Figur ist wandelbar, ambivalent, aber in ihren verschiedenen Aspekten immer präsent: der herausfordernde arabische oder berberische Eindringling des 8. – 11. Jahrhunderts, der aristokratische Moro des nasridischen Königreichs Granada, der Moro als marokkanischer Söldner in Francos Diensten. Siehe hierzu auch: Carrasco Urgoiti, María Soledad: El moro retador y el moro amigo: estudios sobre fiestas y comedias de Moros y Cristianos. Granada 1996
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