Granada

Granada (Spanien)

(Sina Lucia KOTTMANN)

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Ein euro-mediterraner Erinnerungsort: Das Erbe von Al-Andalus

„Ich bin die lebendige Essenz einer stolzen Vergangenheit, die sich durch die Gegenwart hindurch in eine großartige Zukunft hinein fortsetzt, ich bin der Schrei vieler Generationen, ich bin Geschichte, ich bin real.“

Rocío, eine junge Granadina, 22 Jahre alt, auf einem Werbeplakat für die Milleniumsfeierlichkeiten des al-andalusischen Königreichs Granada Die Stadt Granada, Hauptstadt der gleichnamigen autonomen andalusischen Provinz, liegt ca. 270 km nordöstlich der Meerenge von Gibraltar, an welcher lediglich 14 Kilometer offene See Spanien von Marokko trennen.

Blick von Algeciras aus auf die Meerenge und Marokko gegenüber

Blick von Algeciras aus auf die Meerenge und Marokko gegenüber

Am Djebel at-Tariq (heute Gibraltar) setzte 711 n.Chr. Tariq, Statthalter des nordafrikanischen Regenten Musa ben Nusayr, von Tánger kommend mit einem ca. 9.000 Mann starken Heer von Berbern und Arabern an Land. Musas Sohn, Abd Al-Aziz nahm bereits ein knappes Jahr später Granada in Besitz.

Granada ist von allen andalusischen Städten diejenige mit der längsten islamisch geprägten Vergangenheit. Hier sind die Spuren von Al-Andalus – visuell gebündelt in den Palästen der Alhambra, den Gärten des Generalife und dem maurischen-moriskischen Viertel El Albaicín – bis heute sicht- und (be‑)greifbar.

Ansicht des Albaicíns

Ansicht des Albaicíns

Granada selbst ist ein Meer, ein Meer aus Erinnerungen, aus dem jede(r) diejenigen fischt, die ihm / ihr persönlich entsprechen. Hier wird an das prachtvolle Erbe des islamischen Al-Andalus erinnert (El Legado Andalusi – in interkulturellen Festivals, Konzerten, Stadt-Rundgängen, Publikationen etc.), die letzte Etappe der (Rück-)Eroberung des muslimisch al-andalusischen Territoriums durch die christlichen Könige, Kolumbus große Vision der Erschließung neuer Seewege, lokale Heldentaten, Literaten, Künstler… Granada ist Projektionsfläche für vielerlei Sehnsüchte, Anziehungspunkt für Touristen, Flamenco-Begeisterte, Sprachschüler, quirlige Durchgangsstation oder Lebensmittelpunkt für Intellektuelle, Studenten, Geschäftsleute, Handwerker, (Lebens-)Künstler und Immigranten unterschiedlichster Couleur. Hier prallen mitunter maurophile Nostalgien mit islamophoben Attitüden zusammen. Abwehr gegenüber muslimischen Immigranten aus dem Maghreb trifft auf Toleranz und Lust an der Mélange der Kulturen. Diffuse Ängste vor einer ‚Rückkehr des Islam‘ nach Spanien und einseitige Feindbilder (der ‚radikale Muslim‘) stehen Toleranz und einem reflektierteren Umgang mit der Geschichte und den komplexen Ursachen der aktuellen globalen Konflikte und Krisen gegenüber.[1]

Granada ist einer der symbolträchtigsten und bedeutendsten Orte in der (al-)andalusischen und spanischen Geschichte, ein mehr als Fünf-Sterne-Erinnerungsort.

  • Hier beeinflusste seit dem frühen 8. Jahrhundert mit den ansässigen arabischen und berberischen Kulturen ein lebendiger Islam das Leben der Menschen. Hier lag von 1231 bis1492 das pulsierende Zentrum des letzten muslimischen Emirats auf europäischem Boden.
  • Hier entstanden im 13. und 14. Jahrhundert die Alhambra und der unmittelbar daran anschließende Sommerpalast Generalife. Sie sind die meistbesuchtesten historischen Monumente Spaniens. 1984 wurden sie von der Unesco in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. 10 Jahre später wurde dieser Eintrag um das historische Viertel Albaicín erweitert.[2]
  • Hier besiegelte die Übergabe der Stadt Granada durch Muhammad XII. an das katholische Königspaar am 02.Januar 1492 das Ende des inzwischen acht Jahrhunderte bestehenden hispanischen Al-Andalus. Die politische Übernahme und Zentralisierung des Landes durch die christlichen Herrscher war somit vollzogen und für das junge Spanien brach die Neuzeit an. Die Verfolgung der spanischen Juden (Sepharden) intensivierte sich, eine tragische Geschichte der religiösen sowie kulturellen Unterdrückung und endgültigen Vertreibung der – jetzt zwangsgetauft – im Land lebenden Muslime (Morisken) folgte.
  • Hier traf Kolumbus, Cristóbal Colón, mit seiner Vision der Entdeckung einer Westroute nach Ostasien auf das Katholische Königspaar, um von ihnen schließlich die notwendige finanzielle Unterstützung für sein ehrgeiziges Vorhaben zu erhalten. Colóns Erfolg und die unerwartete Entdeckung des amerikanischen Kontinents bedeuteten den Beginn einer maßlosen Ausbeutung der Neuen Welt jenseits der den Westen des Mittelmeers säumenden ‚Säulen des Herakles‘.
  • In dem maurischen, später moriskischen Viertel Albaicín enzündete sich mehrmals die flammende Wut der unterdrückten und zu ‚Neuen Christen‘ zwangskonvertierten Bewohner der Region. 1568 war es der Ausgangspunkt einer Moriskenrebellion, die 1571 von den Christen niedergeschlagen wurde. Danach wurde gnadenlos gegen den Islam vorgegangen und 1609 per königlichem Dekret von Felipe III. die endgültige Expulsion aller Morisken aus Spanien erlassen.

Granadas Geschichte vor der Ära Al-Andalus wird über die viel diskutierten muslimisch-christlichen Begegnungen oft vergessen. Iberer, Phönizier, Karthager, Vandalen, Römer, Westgoten… sie alle haben hier ihre Spuren hinterlassen, die einen über die anderen gelagert. Jene Gesichter der Vergangenheit werden in der Gegenwart selten abgerufen. Was in all den Turbulenzen der Gegenwart eher anrührt, sind die jüngeren ‚Geister‘ der Geschichte, die sichtbaren Zeiten des historischen Mit- und Gegeneinanders von Moros[3] (Muslimen) und Cristianos (Christen).

Granada ist eine stark vom Tourismus geprägte und wirtschaftlich von ihm abhängige Stadt. Klima, mediterrane (Kultur-)Landschaft und Lebensgefühl, Fiestas, Flamenco und nicht zuletzt das maurische Erbe üben auf viele Touristen – insbesondere auch auf Besucher aus muslimisch geprägten Ländern des Mittelmeerraums und der arabischen Welt, auf europäische Muslime, Aussteiger und Altersimmigranten (zunehmend aus Nord- und Mittel-Europa) – eine große Anziehungskraft aus. So manch einer, der sich als Nachfahre der im 17.Jh aus Spanien vertriebenen Moriscos[4] betrachtet, begibt sich in Andalusien auf die Suche nach seinen „Wurzeln“. Zahlreiche junge Menschen aus dem nördlichen oder subsaharischen Afrika brennen nach den Chancen, die Europa scheinbar verspricht, und begeben sich – wenn sie nicht das Glück haben, frei reisen zu können – als Harragas (Flüchtlinge ohne Papiere) auf den gefahrvollen Weg an die nördlichen Küsten des Mittelmeers. Viele davon landen in Granada.

Granada ist Projektionsfläche für vielerlei Sehnsüchte, Anziehungspunkt, quirlige Durchgangsstation oder Lebensmittelpunkt für Reisende, Intellektuelle, Studenten, Geschäftsleute, Handwerker, (Arbeits- oder Bildungs-)Immigranten und (Lebens-)Künstler unterschiedlichster Couleur.


[1] Dietz, Gunther: Frontier Hybridization or Culture Clash? Transnational Migrant Communities and Sub-National Identity Politics in Andalusia, Spain, in: Journal of Ethnic and Migration Studies, No. 30(6), 2003, pp. 1087-1112 Dietz, Gunther & El-Shohoumi, Nadia: Door to Door With Our Muslim Sisters: intercultural and inter-religious conflicts in Granada, Spain, in: Studi Emigrazione, No. 39 (145), 2002, pp. 77-106 Kottmann, Sina Lucia: Mocking and Miming the „Moor“: Staging of the „Self“ and „Other“ on Spain’s borders with Morocco, in: Journal for Mediterranean Studies. JMS Special Issue Unfolding Perspectives in Mediterranean Anthropology, No. 1, Vol. 20, Malta 2011, pp. 107-136 Rosón Lorente, Francisco Javier: ¿El retorno de Tariq? Comunidades etnoreligiosas en el Albaicín granadino, Tesis Doctoral, Granada 2008
[2] Unesco: Liste des Weltkulturerbes: Alhambra, Generalife und Albaicín: http://whc.unesco.org/en/list/314/, zuletzt konsultiert am 02.Juli 2012.
[3] Der sehr ambivalente Begriff Moro lässt sich ethymologisch auf die Bezeichnung Maurus für die Bewohner der römischen Provinz Mauretania im Nordwesten Afrikas zurückführen (nicht kongruent mit dem heutigen Staat Mauretanien in der westlichen Sahelzone). „Mauren“ (lat. Mauri) war in der Antike die geläufige Bezeichnung für die ansässige Berber-Bevölkerung.
[4] Moriscos (dt. Morisken, „Kleine Moros“) oder „Neu-Katholiken“ (span. cristianos nuevos) wurden die ab 1499 unter Zwang der katholischen Kirche zum Christentum konvertierten Muslime Spaniens bezeichnet.
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