Córdoba

Orientalische Pracht und convivencia – Córdoba als Sinnbild des friedlichen Zusammenlebens in Al-Andalus? (Spanien)

(Marion KRÜGER)

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Die „Zierde der Welt“: Narrative, Mythen, Vorstellungen

Córdoba gilt als Inbegriff der maurischen Blütezeit und als Symbol für convivencia während Al-Andalus. Córdoba hatte den Ruf, die herrlichste Stadt neben Konstantinopel zu sein. Die Stadt wurde Magnet für Intellektuelle, Handwerker, Künstler, Wissenschaftler und Mediziner aus den verschiedensten Regionen Europas und des Orients. Diese Besucher trugen wiederum dazu bei, dass der Mythos Córdobas als Zentrum der convivencia, des friedlichen Zusammenlebens und gegenseitiger wissenschaftlicher, kultureller und künstlerischer Befruchtung der verschiedenen Kulturen und Religionen in der Welt verbreitet wurde. Es soll 600 Moscheen, 300 öffentliche Bäder, 80 Schulen und 17 Hochschulen (in der Regel madrasas) gegeben haben, darüber hinaus zahlreiche Krankenhäuser und Bibliotheken. Bedeutende Figuren des maurischen Córdobas waren, um nur zwei von vielen zu nennen: Ziryab (789-857), ein vom Hof in Baghdad verbannter Musiker, der ab 822 in Córdoba, lebten und der die andalusische Musik maßgeblich beeinflusst hat. Und

– Ibn Rushd (1126-1198), genannt Averroes, Philosoph, Arzt und Mystiker, der auch die Philosophie des Abendlandes durch seine Aristoteles-Rezeption wesentlich mit geprägt hat. Auch einem jüdischen Gelehrten aus Cordoba verdankt Europa wichtige Impulse: Maimónides (1138–1204) war ein einflussreicher jüdischer Religionsphilosoph, Arzt und Rechtsgelehrter, der zahlreiche medizinische, moralische und philosophische Schriften verfasste und zentrale Elemente jüdischen Glaubens mit der Philosophie Aristoteles verknüpfte.

Doch nicht nur bedeutende Menschen und herausragende Institutionen müssen Besucher beeindruckt haben, auch die Größe und der Reichtum der Stadt selbst: wohnen heute gerade einmal etwas mehr als 300 000 Menschen in der Provinzhauptstadt, war Córdoba während des Kalifats eine Millionenstadt, darüber hinaus waren die Straßen beleuchtet und gepflastert. Dies führte dazu, dass z.B. Roswitha von Gandersheim im 10. Jahrhundert die Stadt als „Zierde der Welt“ bezeichnet hat.[4] Dieses Bild klingt auch heute noch im Namen Córdobas nach und führt zu Nostalgien und Sehnsüchten bezüglich Al-Andalus im Allgemeinen und Córdobas im Besonderen – denn Córdoba war lange Zeit Machtzentrum und Mittelpunkt von Al-Andalus.

Allerdings entspricht dieser Mythos nur zum Teil den historischen Fakten. Denn es gab auch während Al-Andalus immer wieder Phasen, in denen das Zusammenleben der Kulturen nicht so reibungslos verlief wie uns der Mythos Glauben macht. Zum Beispiel gerieten die Christen bereits in der Mitte des 9. Jh. in Bedrängnis,. Dies führte zu der Bewegung der „Märtyrer von Córdoba“ (850-859). Diese nahmen mit ihrer Provokation und öffentlichen Kritik am Islam bewusst den Tod in Kauf, mit dem dann auch die meisten dieser Märtyrer bestraft wurden. Die historischen Fakten sind allerdings umstritten. Allerdings verloren die christlichen Gemeinden zunehmend an Bedeutung, bis sie im 12. Jh. fast gänzlich aus der Geschichtsschreibung verschwinden.[5] Dagegen ist die große Bedeutung von Juden in Wirtschaft, Verwaltung und Kulturleben besonders im 10. und 11. Jh. gut dokumentiert.[6]

Der Mythos von convivencia fokussiert das friedliche Zusammenleben verschiedener Religionen und Kulturen und verschleiert damit die Tatsache, dass auch die verschiedenen Glaubensgemeinschaften bei weitem keine homogenen Gruppen darstellten und es auch innerhalb dieser immer wieder zu schwerwiegenden Konflikten kam.[7] Dies trifft insbesondere auf die muslimische Gemeinschaft zu, die aus Berbern und Arabern unterschiedlicher Herkunft zusammengesetzt war. Jede dieser Gruppen gehörte wiederum unterschiedlichen religiösen Ausrichtungen, Stämmen und Klans an. Politische, wirtschaftliche und soziale Interessen wurden so immer wieder über religiöse Solidarität gestellt. Das heißt, die Geschichte von Al-Andalus ist auch die Geschichte ständig wechselnder Allianzen, auch über Religionsgrenzen hinweg.

Damals wie heute fasziniert insbesondere die (ehemalige) Moschee, die auch von Christen in ihrer Einzigartigkeit bestaunt wurde/wird. Sogar Karl V., der als junger Mann den Auftrag für den Bau der Kathedrale erteilt hatte, soll später gesagt haben: „Ihr habt etwas gebaut, was man überall hätte bauen können, und etwas zerstört, das einmalig war“. In solchen Äußerungen schwingt immer auch etwas Wehmut über ein verlorengegangenes Zeitalter mit. Damit wird die christliche Rückeroberung aber zum „moralischen Verlierer“. Die Überbauung der Moschee mit einer Kathedrale findet allerdings auch Verteidiger: Erst diese Umfunktionierung und Überbauung habe es ermöglicht, dass die Moschee die Reconquista überlebt habe und nicht, wie in anderen Städten, einem Abriss zum Opfer gefallen sei.

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Blick in die Moschee

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Verzierungen an den Vierpassbögen im Hauptschiff der Moschee


[4] Burmeister, Hans-Peter: Andalusien, Köln 1998, p.294.

[5] Guichard, Piere: Al-Andalus. Acht Jahrhunderte muslimischer Zivilisation in Spanien, Tübingen & Berlin 2005,p. 62-66. Guichard erwähnt außerdem, dass lediglich bis zum 11.Jh. noch Bischöfe erwähnt sind (Vgl. p. 155).

[6] Ibid., 156-157.

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