Córdoba

Orientalische Pracht und convivencia – Córdoba als Sinnbild des friedlichen Zusammenlebens in Al-Andalus? (Spanien)

(Marion KRÜGER)

Zurück Überblick Die andere Seite Bilder und Literatur Vor

Córdoba, ein euro-mediterraner Erinnerungsort : Convivencia und Konflikt

Córdoba steht für convivencia – für das friedliche Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen während Al-Andalus[1], der maurischen Herrschaft in Spanien (711-1492). Córdoba war die Hauptstadt des Emirats und späteren Kalifats auf der iberischen Halbinsel. Die Stadt entwickelte sich zum Zentrum für Kunst, Medizin und Wissenschaft.

Im Mythos Córdoba wird aber auch die Fragilität und Vergänglichkeit dieser Pracht lebendig: Nach der relativ frühen Rückeroberung durch die Christen im Jahr 1236 (zum Vergleich: in Granada dauerte die maurische Herrschaft bis 1492) gab es immer mehr Auseinandersetzungen mit und Einschränkungen für Juden und Muslime bis hin zu deren Ghettoisierung und schließlich Zwangskonversionen und Vertreibung ab 1492.

2006 hatte Mansur Escudero :, der Präsident der islamischen Junta in Spanien gefordert, dass die Kathedrale, ehemals die berühmte prächtige Moschee der Stadt, von Christen und Muslimen gemeinsam genutzt werden kann. [2]Groß war damals das Interesse der Medien. Aber nicht alle muslimischen Vereinigungen in Spanien teilen die Ansicht Escuderos. Abdallah Mhanna, Sprecher des Zentrums der Imame und Imam von Almería, spricht sich für eine Trennung zwischen den Religionen aus, um Konflikte zu vermeiden. Er ermahnt, nicht zur Vergangenheit zurückkehren zu wollen und betont, dass eine gemeinsame Nutzung des Gotteshauses kein Zeichen der convivencia darstelle.[3] Dass Konflikte vermieden werden sollen, verdeutlicht die Brisanz, die auch heute noch Äußerungen zukommt, die als ‚Besitzanspruch‘ des Islams oder der arabischen bzw. maghrebinischen Kultur interpretiert werden könnten. Auch heute noch herrschen bezüglich der maurischen Herrschaft Empfindlichkeiten, die angesichts massiver Immigration aus dem Maghreb immer wieder an Aktualität gewinnen.

In der Moschee verdichtet sich diese Geschichte der convivencia und des religiösen Konflikts, weil sich hier sowohl die maurische Pracht und die Zeit der convivencia manifestiert, als auch der Rückeroberung symbolisch Ausdruck verliehen wurde, indem man die Mitte der Moschee mit einer christlichen Kathedrale überbaute. Eine offizielle Forderung der Nutzung der Kathedrale und ehemaligen Moschee durch Muslime greift also an einem Punkt an, an dem sich symbolisch sowohl die convivencia und der Glaubenskonflikt der Vergangenheit verdichten, als auch die Gegenwartssituation verhandelt wird – erst recht, wenn, wie in diesem Fall, die Forderung von einem Neomuslim, einem spanischen Konvertit kommt, der zu allem Überfluss noch den Namen Mansur, der Siegreiche trägt, den Namen, den einer der erfolgreichsten Feldherren der maurischen Herrschaft trug.

Gleichzeitig zeigt die Distanzierung von Mhanna gegenüber Escuderos Forderung, dass sowohl die Vergangenheit, die Erinnerung, und auch die jetzige Situation von verschiedenen Parteien in unterschiedlicher Weise interpretiert und bewertet werden und dass verschiedene Mythen in den Vordergrund gestellt werden.

2

Geistliche und Touristen vor dem Eingang der Kathedrale/Moschee


[1] Die Bezeichnung Al-Andalus bezieht sich hier nicht auf das heutige Gebiet Andalusiens, sondern auf die Gebiete der iberischen Halbinsel, die unter muslimischer Herrschaft standen. Je nach Epoche umfasste das muslimische Reich ein größeres oder kleineres Gebiet.

[2] Ideal, 29. Dezember 2006, S. 27 und S. 52

[3] Ideal 31.12.06, p. 68.

Zurück Überblick Die andere Seite Bilder und Literatur Vor

Schreibe einen Kommentar