Tanger imaginaire

Tanger imaginaire (Marokko)

(Dr. Fadoua CHAARA)

Zurück Überblick Die andere Seite Bilder und Literatur Vor

Geschichte – so alt wie die Geschichte des Mittelmeerraumes

Tanger — eine der ältesten Städte am Mittelmeer

Die Geschichte der Stadt Tanger ist so alt wie die Geschichte des Landes, wie die Geschichte des Mittelmeerraumes insgesamt, sie ist nur zum Teil bekannt und zum anderen Teil unbekannt. Trotzdem bleibt die Zeitepoche vom 10. Jh. v. Chr. bis ins 7. nachchristliche Jahrhundert eine markante Epoche in der Geschichte des Landes, in der die Phönizier, die Griechen, die Römer und die Wandalen das Land betraten. Einige erreichten nur die Küste Marokkos, andere sind bis tief ins Innere des Landes eingedrungen. „Da diese Zeitepoche nur in der griechisch- römischen Literatur belegbar ist, lernen wir die Ureinwohner Marokkos – die Berber – nur „nebenbei“ auf dem Umweg über die Geographen, Geschichtsschreiber oder Reisenden kennen, die [eigentlich] über andere Völker sprechen“, so Laroui[1]. Die historischen Befunde und Überreste, die bis jetzt in Marokko und im Maghreb entdeckt und studiert wurden belegen hauptsächlich ebenfalls die Kulturen der großen Mächte des Mittelmeerraumes in dieser Zeit.

Tanger in der Zeit der Phönizier und Karthager

Einige archäologische Befunde und historische Stätten, die in der Region von Tanger entdeckt wurden, wie die phoenizischen Nekropolen[2], belegen, dass Tanger einer der Handelsstützpunkte auf dem Handelsweg von Sabrata (westlich von Tripolis) nach Mogador (Essouira heute, Marokko) war. Dieser Handelsweg wurde von den Phöniziern zwischen 1300 und 1000 v. Chr. angelegt. Die Entdeckung der phönizischen Nekropolen[3] in Tanger im Jahre 1964 durch den französischen Archäologen Michel Ponsich brachte ans Licht, was lange im Dunkel gelegen war: nämlich die Spuren, die die Phönizier zwischen dem 12. und 5. Jh. in Tanger hinterlassen haben und wir bekommen vor allem über den „Alltag“[4] in Tanger Kunde.

Die wirtschaftlichen Bestrebungen der Phönizier und ihrer Nachfolger, der Karthager, verbunden mit den ganz speziellen und einzigartigen Erfahrungen der Phönizier in allen Bereichen der Seefahrt brachten sie an bisher völlig unbekannte Küsten Afrikas (mit dem Periplus von Hanno in 5. Jh. v. Chr.). Unter der karthagischen Herrschaft standen in Marokko viele Handelsstützpunkte an der Küste des Mittelmeeres und des Atlantik.

Tanger in der Zeit der Römer. Die Hauptstadt von Mauretania Tingitana

Rund um die Zerstörung Karthagos im Jahr 146 v. Chr. nahm der Einfluss der Karthager auf die Handelsstützpunkte in Marokko ab. Verschiedene Berberstämme übernahmen die Herrschaft über das Binnenland und die Küste. Dies konnte Rom nicht gleichgültig sein, und da ein Wiedererstarken seines Erzfeindes an anderer Stelle, der eine überregionale politische und wirtschaftliche Rolle spielen könnte nicht auszuschließen war, leitete Rom Bestrebungen ein, seinen Einfluss auch auf diese Region auszuweiten. In dieser Zeit war nur eine Bündnis- bzw. Klientelpolitik mit den lokalen Mächten möglich.[5] In der Zeit der Kriege zwischen Rom und Karthago gab es bereits im 3. Jh. v. Chr. in Nordafrika zwei wichtige Berberkönigreiche, Mauretanien und Numidien[6], die einmal vereint und dann wieder autonom waren. Rom konnte die Auseinandersetzungen zwischen den rivalisierenden Berberkönigreichen zu seinen Gunsten nutzen und seinerseits wirtschaftlichen, politischen und dann auch militärischen Druck auf das ganze Gebiet ausüben. Das Königreich Mauretanien wurde gegen Ende der Herrschaft von Caligula in das römische Imperium direkt eingegliedert und dann wieder von Claudius 42 n. Chr. in die Provinzen Mauretania Tingitana und Mauretania Caesariensis [7]. Die Tingitana umfasste dabei den westlichen Teil, vor allem das Gebiet des heutigen Nordmarokko inklusive Ceuta und Melilla. Wichtig anzumerken ist, dass im Gegensatz zum zentralen und östlichen Maghreb (Algerien und Tunesien) der westliche Maghreb nie vollständig romanisiert wurde.[8] Tanger gab also Mauretanien Tingitana seinen Namen „Tingis“ und wurde der Verwaltungssitz[9] (Hauptstadt) der ganzen Provinz und zugleich ein wichtiger Handelshafen. Tanger liegt wegen seiner geographischen Lage sowohl für die Phönizier als auch für die Römer an einer wichtigen Kreuzung von Seehandelswegen im Mittelmeerraum. In der Zeit der Römer gehen zwei wichtige Handelswege von Tanger aus, der eine ist ein Küstenweg, der bis Rabat führt und der andere zieht sich durch das Landesinnere über Oppidum Novum (das heutige El-Ksar el-Kebir)[10] nach Volubilis. Augustus erklärte Tingis zu einer freien Stadt, die das römische Stadtrecht erhielt und dann erhob Kaiser Claudius die Stadt sogar in den „Rang einer Metropole 42. Ch.“[11] So „wurden ihre Bewohner als römische Bürger betrachtet und hatten alle Vorteile und Privilegien römischer Bürger, vor allem, dass sie von der Bezahlung von Tributen befreit wurden“[12].

Tanger in der Zeit von Vandalen und Byzantinern (429 bis zum Ende des 7. Jhs.)

Im „weltlichen Machtkarussell“ begann sich Anfang des 5. Jhs. die römische Herrschaft abzuschwächen. Die westlichen Teile des römischen Reiches fielen in die Hände der Vandalen, in die germanischer Stämme und Stammesgruppen, die 429 von Spanien kommend die Meeresenge von Gibraltar mit dem Ziel überquerten, ihre Herrschaft auf die gesamte Küstenregion des Mittelmeers einschließlich Karthagos auszudehnen. Die Vandalen[15] sahen sich als Erbfolger der Römer und eroberten die West- und Ostteile des Reiches, bis sie 455 nach Rom marschierten. In Mauretania Tingitana stiessen die Vandalen auf den Widerstand einiger Berberstämme gegen sie als die Eroberer, fanden aber da und dort auch „Sympathie“ von Seiten mancher Bevölkerungsteile, „die sich danach sehnten, die strenge römische Verwaltung zu erschüttern und sich von den harten Anforderungen seines Steuersystems zu befreien“ (Miège et all, 1992, S.9). In den Turbulenzen dieser historischen Ereignisse verlor Tanger nicht nur seine Stabilität sondern auch seine Stellung als Hauptstadt und als Handelshafen zugunsten von Ceuta. 

Tanger in der frühen arabisch-islamischen Zeit (Ende 7. Jh. und 8. Jh.)[16]

Vor dem ersten Eindringen der Araber in Marokko gegen Ende des 7. Jhs. waren Tanger und Ceuta (früher Septem) die letzten byzantinischen Hochburgen in Marokko unter der Herrschaft des sogenannten „Comte Julian“[17]. Tanger und möglicherweise auch ganz Nordmarokko war in dieser Zeit, wenn auch nur formell, an Byzanz gebunden und stand unter dem Einfluss des westgotischen Reiches auf der iberischen Halbinsel. Die ersten arabischen Eroberungswellen unter der Führung von Oqba ibn nafi‘[18] gingen zwischen 670-650 von Ägypten aus über Tripolis bis zu dem in dieser Zeit noch „unbekannten“ Nordafrika und erstreckten sich bis zum mittleren Osten Marokkos[19]. Ob Uqba mit seinen Truppen die Mittelmeer- oder Atlantikküste tatsächlich erreicht hat, und in Tanger ankam, ist noch nicht belegt[20]. Nach seinem Sieg über Byzanz bei Karthago stieß er durch den inneren Maghreb, aber wegen des unsicheren Nachschubs und der Aufstände einiger Berberstämme musste er sich wieder nach Kairouan zurückziehen. Die nachfolgenden arabischen Eroberungen unter der Führung von Musa Ibn Nusair zwischen 704 und 785 bewirkten einen wichtigen und entscheidenden historischen Wendpunkt in der Geschichte Marokkos, weil nämlich die Bevölkerung Marokkos dabei eine neue Weltreligion kennen lernte und sich zu eigen machte. Tanger war der Schauplatz dieser historischen Ereignisse. Im Jahre 707 erreichte Musa Ibn Nusair Tanger, wo er als Gouverneur der Provinz Ifriqya (Afrika)[21] sein befestigtes Lager errichtete und von dort aus das Eindringen in die iberische Halbinsel vorbereitete. In Tanger legte er auch den Stein für die ersten Koranschulen in Marokko, um der Bevölkerung die Grundsätze der neuen Religion näher zu bringen. Er ernannte den Berber Tariq Ibn Ziyad zum Gouverneur von Tanger und auch zum Truppenführer, der 711 die Eroberung der iberischen Halbinsel (arabisch al-Andalus) leitete. In Tanger versammelten sich die Truppen, aber von Ceuta aus brachen sie unter der Führung von Tarik Ibn Ziyad nach Gibraltar (arabisch, Djebel Tariq (Berq des Tariq) auf und innerhalb von zwei Jahren gelang es dem arabisch-berberischen Heer, nahezu das ganze heutige Spanien in seinen Besitz zu bringen. In den folgenden Jahrzehnten kam es in Marokko zu mehreren Aufständen, die unter dem Namen „die Revolution von Kharidjiten[22]“ in die Geschichte eingegangen sind und zur Bildung von kleinen Berber-Königreichen in Marokko und zur Loslösung vom Umayyaden-Khalifat in Damaskus führten . Die Ausbreitung dieser Bewegung in Tanger und in ganz Nordmarokko kann darauf zurückgeführt werden, dass die zum Islam übergetretenen Berber gleich in den Anfängen der frühislamischen Zeit den Unterschied zwischen dem ungerechten Verhalten von Gouverneuren und Statthaltern unter dem Umayyaden-Kalifat in Damaskus und den islamischen Grundsätzen erkannt haben, die zu Gleichberechtigung, Gerechtigkeit, Freiheit und Sicherheit aufrufen. Dies erinnert an die frühen Aufstände der Berber, die sich gegen die Unterdrückung und Ausbeutung durch die Karthager, Römer, Vandalen und Byzantiner zur Wehr gesetzt haben, allerdings mit dem Unterschied, dass sich die Berber in ihren Aufständen[23] auf die Grundsätze des Islam gestützt haben, wie Laroui (2009, S. 132) erklärt und auf die christliche Bewegung in Marokko, den Donatismus[24]. In den Jahren vor dem Zusammenbruch des römischen Reiches stellt sich ferner die Frage, ob „der Donatismus, nicht doch den gleichen Erfolg hätte erzielen könnte, wenn [er] nicht durch einen „Komplott“ zwischen dem Kaiser und der katholischen Kirche vernichtet worden wäre“. (Laroui, 2009, S.132).

Für diesen Zeitraum stellt sich die Frage, ob es Marokko nach dem Machtwechsel im Mittelmeerraum, der durch die Araber aus der Halbinsel angeführt worden war in den nachfolgenden Jahrhunderten gelingen würde, die soziale Stabilität, Gerechtigkeit und die lange ersehnte politische Freiheit und Unabhängigkeit zu erreichen. Bezogen auf Tanger: ob die ehemalige Hauptstadt von Mauretania Tingitana weiterhin seine wichtige politische und wirtschaftliche Rolle im sich stets politisch verändernden Mittelmeerraum behalten würde.

Straße von Gibraltar Foto: NASA

Straße von Gibraltar – Abb. 6

Tanger und al-Andalus: Zwei Ufer der Meeresenge und eine Geschichte

In den ersten Jahrzenten nach dem Vordringen des Islam in Nordafrika versuchte das Umayyaden-Khalifat (mit Hauptsitz Damaskus) mit Hilfe seiner Gouverneure die ferngelegenen Gebiete der islamischen Herrschaft, nämlich Ifriqia (heute Tunesien) und Nordmarokko unter seine politische und wirtschaftliche Kontrolle zu bringen. Nach dem Beginn des Zusammenbruchs dieses Khalifats[25] und dem Erfolg der Berber-Aufstände in der ersten Hälfte des 8. Jhs. trennte sich Marokko politisch vom arabischen Osten und es entstehen infolgedessen eigenständige Kleinstaaten bzw. Fürstentümer, gegründet von Dynastien arabischer und berberischer Herkunft[26]. Kulturell sind die Berber der neuen Religion treu geblieben und so begannen die ersten richtigen Islamisierungs- und Arabisierungswellen im Norden und Süden von Marokko. Die Epoche zwischen dem 8. und 13. Jh. n. Chr. ist gekennzeichnet durch die vehementen Versuche der arabischen Dynastie der Idrissiden (789–985 n. chr.) sowie der berberischen Dynastien der Almoraviden und Almohaden ihr Herrschaftsgebiet in Marokko auszudehnen, um die politische Einheit zu verwirklichen. Parallel zu diesem Prozess der Vereinigung des Landes lief ein anderer, nämlich die Entwicklung einer gemeinsamen kulturellen Identität in Marokko, die trotz einiger Rückfälle in die politische Zerrissenheit weiterhin Bestand hat.

Auf dem anderen Ufer der Meeresenge „al-Andalus“ können wir ein politisch ähnliches Bild beobachten. Dort herrschte seit der Flucht von Emir 300 Jahre lang (752-1031) die Umayyaden-Dynastie. Mit dem Beginn ihrer Herrschaft begann zugleich ihre Loslösung von dem neuen Kalifat in Bagdad und sie bildete in al-Andalus einen unabhängigen Staat. Diese politische Loslösung vom islamischen Zentrum im Osten war der Auslöser zur späteren Ausbildung einer spezifisch andalusisch-arabischen Kultur.

Mosaik in einem arabischen Badehaus (um 735) Foto: The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002.

Mosaik in einem arabischen Badehaus (um 735) – Abb. 7

Ende des 11. Jhs. kamen, getrieben von ihrer religiösen Reformbewegung die Almoraviden, eine berberische Dynastie aus Südmarokko an die Macht. Nachdem sie unter der Führung von Sultan Youssef Ibn Tachfine ihre Vorherrschaft in ganz Marokko und Westalgerien verfestigt hatten, setzten sie von Tanger, ihrem neuen Heerlager aus nach Andalusien über, um den hilferufenden Kleinstaaten-Königen (muluk at-tawif) nach der Eroberung von Toledo durch Alfons VI. von Kastilien und León beizustehen. Den Almoraviden war es gelungen große Teile der iberischen Halbinsel unter ihrer Herrschaft zu bringen. So stellten die Almoraviden und ihre Nachfolger, die Almohaden[27] (1142) die Einheit der beiden Ufer der Meeresenge wieder her. Unter den Almoraviden wurde der andalusische Einfluss sehr stark spürbar.

Die politisch-religiösen Interessen gingen Hand in Hand mit den wirtschaftlichen. So wurde Tanger zwei Jahrhunderte lang wieder einer der wichtigsten Häfen, die die afrikanischen Teile mit den europäischen Teilen des marokkanischen Reiches verbanden[29] und einer der wichtigsten Handelsstützpunkte im Fernhandel, die Marokko wirtschaftlich mit dem Osten (Algerien), al-Andalus und mit dem Süden (Sudan) verbanden.[30] Auch unter der Herrschaft der Meriniden[31] (1247) blieb Tanger ein Handelshafen und gleichzeitig ein Heerlager, von dem aus die Meriniden nach Andalusien übersetzten, um die Nasriden[32] von Granada im Kampf gegen Kastilien zu unterstützen. Im 14. Jh. war die Stadt zu einem der wichtigen Handelsplätze für die Seemächte im Mittelmeer geworden, an dem sich Handels- und Seeleute aus allen Enden der Welt trafen. Nach Laroui (1992, S. 353)

Tanger unter fremder Herrschaft (1471-1684)

Nach dem Zerfall des Almohaden-Reiches, das sich über den gesamten Westen der islamischen Welt erstreckt hat, versuchten ihre Nachfolger, die Meriniden, das Reich im Osten (Algerien und Tunesien) und im Norden (al-Andalus) wiederzubeleben, um die politische Einheit des islamischen Westens aufrechtzuerhalten. Nach einigen Erfolgen mussten sich die Meriniden Mitte des 14. Jahrhunderts aber aus diesen Gebieten zurückziehen und sie den lokalen Mächten überlassen.

Während der islamische Westen in bittere innenpolitische Konflikte und infolgedessen in eine zunehmende wirtschaftliche Krise geriet, erlebte der christliche Westen im Mittelmeerraum – vor allem die Königreiche von Aragon, Kastilien und Portugal, unterstützt von italienischen Handelsstädten wie Genua und Pisa – ein militärisches und wirtschaftliches Wiedererstarken. Ihr Interesse an der Nutzung und somit Eroberung von Handelsstädten an der marokkanischen Mittelmeer- und Atlantikküste war nicht nur wirtschaftlich sondern auch religiös motiviert. Das Ziel der Kreuzzüge im westlichen Mittelmeerraum war es, den Islam auf der iberischen Halbinsel zu bekämpfen und mit dem Fall von Granada (1492) sogar endgültig zu vertreiben sowie auch die christliche Herrschaft auf die wichtigsten Handelsstützpunkte im Mittelmeerraum auszubreiten. Nach mehreren Versuchen der Iberer und der Italiener von Genua sowohl mit politisch-wirtschaftlichen als auch mit militärischen Mitteln den Handel in den Küstenstädten im Mittelmeerraum unter ihre Kontrolle zu bringen, kam es in der zweiten Hälfte des 15. und Anfang des 16. Jhs. zur tatsächlichen Eroberung von Städten an der nordwestlichen Küste wie Ceuta, Asilah und Tanger (1471) und an der Atlantikküste wie Sale, Safi, Azemmour und Mazagan durch die Portugiesen. Die Küstenstädte im östlichen Teil des Maghrebs wie Melilla, Oran und Tripoli fielen den spanischen Besatzern zu.

Unter der portugiesischen Besatzung spielte Tanger eher die Rolle einer Festung als die einer Handelsstadt. Dies lässt sich auch an den portugiesischen Relikten der Festungen, an den Kirchen und an einigen Gebäuden in Tanger wiedererkennen. Nach der Einbindung von Portugal in die spanische Monarchie kam Tanger unter die Herrschaft von Spanien und dann 1643 wieder in die Hände von Portugal. Es gab in den nachfolgenden Jahren 1651, 1653, 1654 und 1657 unter der Führung von Rais Ghailan zwar Versuche, die Stadt zu befreien, aber wegen der politischen und wirtschaftlichen Dekadenz des Landes war es das Schicksal von Tanger, wieder in die Hände einer neuen starken See- und Handelsmacht im Mittelmeerraum, nämlich England zu fallen, auf dessen Druck sich die Portugiesen endgültig aus der Stadt zurückzogen. 1661 fiel Tanger durch die Eheschließung einer portugiesischen Prinzessin mit Karl II. als Mitgift in die Hände von England.

The port of Tangier, 1680. Contemporary engraving, London, National Army Museum. Foto: Commons – Urheber Lubiesque

The port of Tangier, 1680. Contemporary engraving, London, National Army Museum – Abb. 8

Sobald sie in Tanger angekommen waren veränderten die Engländer das Gesicht der Stadt: Sie vertrieben die Portugiesen und zerstörten ihre Kirchen bis auf eine. Die Engländer wollten aus Tanger einen Wachposten an der Meeresenge und einen wichtigen Handelsstützpunkt am großen Bogen Mittelmeer-Atlantik (von Lissabon bis Sale) machen, eine Festung und einen Seehandelspunkt[35]. 1684 konnte Moulay Ismail[36] nach 6-jähriger Belagerung in Tanger einziehen, die Engländer rückten ab, zerstörten vorher aber noch die alten Befestigungsmauern und brannten die Innenstadt nieder.

Tanger wieder in marokkanischen Händen (1684-1800)

Ende des 17. Jhs. und Anfang des 18. Jhs. breitete der Sultan Moulay Ismail mit Hilfe einer starken und gut strukturierten Armee seine Herrschaft auf fast alle Gebiete in Marokko aus, auch auf die, die in der Zeit der Saadier-Dynastie unter der Macht von Bruderschaften (zawiya) gestanden waren: Er eroberte die Küstenstädte zurück, die in den Händen von Portugiesen, Spaniern und Engländern waren. Priorität des marokkanischen Staates war es unter Moulay Ismail die Sicherheit und Ordnung wiederherzustellen, auch wenn der Preis dafür Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit darstellte wegen des strengen Steuersystems zur Finanzierung der Armee und der Staatmacht[37]. Tanger spielte in dieser Zeit eher die Rolle einer Festung als die eines Handelshafens. Wirtschaftlich lebte der Handel nur noch vom „kleinen Handel“ mit Gibraltar.

Von 1757 bis 1790 öffnet sich Marokko unter der Herrschaft vom Mohammed III, dem Enkelkind von Moulay Ismail nach außen. Er versuchte andere Ressourcen für die Staatskasse zu finden, um nicht gezwungen zu sein, mit Hilfe einer starken Armee hohe Steuern im Lande durchzusetzen. Seither und fortan bis zum Beginn des 20. Jhs. galten die Zollsteuern als „die wichtigsten und sichersten Ressourcen der marokkanischen Staatskasse“. Dies bedeutet nach Laroui (2009, S. 504), dass der Wohlstand und die Stabilität des marokkanischen Staates „auf Gedeih und Verderb den Aktivitäten der Ausländer ausgeliefert waren“. Die Staatspolitik dieser Zeit drehte sich trotz mancher begrenzter militärischer Aktivitäten zur Rückgewinnung einiger besetzter Gebiete um „Verhandlungen und nochmal Verhandlungen“ mit den fremden Mächten, um die politische und wirtschaftliche Sicherheit des Landes zu gewährleisten. So wurde 1787 der Friedens- und Freundschaftsvertrag mit Frankreich geschlossen und später, 1797, der mit den Vereinigten Staaten.

Die liberale Weltmarktlogik (von 1830-1954) – Tanger auf Gedeih und Verderb

Literatur über die historischen Entwicklungen in Marokko im 19. Jh. und in der ersten Hälfte des 20. Jhs. gibt es zwar in Hülle und Fülle, trotzdem bleibt eine klare Darstellung kein einfaches Unterfangen. Es gibt zwei Tendenzen, wenn nicht sogar zwei Ansätze in der Geschichtsschreibung und auch in der Geschichtsforschung was diese Zeit betrifft. Die Grenzen zwischen Objektivität und Subjektivität, zwischen Wahrheit und Propaganda sind verschwommen. Während der „koloniale“ Geschichtsschreiber behauptet, er schreibe die wahre Geschichte Marokkos, vertritt der „patriotische“ Schreiber die Meinung, dass der erste nicht die Geschichte des Landes schreibe, sondern die Geschichte einer Minderheit von Besatzern und Aussiedlern in der kolonialen Zeit[39]. Stellen die Geschichtsschriften über Marokko, vor allem die von Franzosen abgefassten, nicht in einer übertriebenen Art und Weise die Aktivitäten und Werke der Kolonialherrscher, Aussiedler und all derjenigen, die dieser Schicht angehören , seien es Militärführer, Diplomaten, Händler, Reisende …etc. bis ins kleinste Detail dar, und lassen alle Themen und „Probleme der Marokkaner, z.B. Widerstand, Armut, sozialen Ausschluss und Patriotismus nur im Schatten der Existenz des Kolonialismus“? So Laroui (2009, S. 524). Die Geschichte der Stadt Tanger in dieser Epoche zeigt, denke ich, in einer dramatischen Art und Weise die oben erwähnte Ansatzproblematik, die Laroui (2009) ausführlich erklärt. Um aus dieser methodologischen Sackgasse herauszukommen, schlägt Laroui (2009) vor, dass die Geschichte der Kolonialzeit in einem wirtschaftlichen Rahmen zu studieren sei, wenn Objektivität das Ziel der Forscher sein soll. Dies bedeutet, fügt Laroui hinzu, „dass sowohl für die Kolonialer als auch die Kolonialisierten die Weltmarktlogik der wichtigste Einflussfaktor war“.

Anfang des 19. Jhs. war der Seehandel die Hauptsäule des Staates Marokko und, wie bereits erwähnt, wer den Seehandel kontrollierte, hatte damit auch die Macht den Staat zu führen, wohin er wollte. Die europäischen Mächte benutzten dieses Instrument, um den Staat Marokko in die Enge zu treiben und ihn am Ende zu entmachten und schließlich aus ihm ein Instrument zu machen, das ihren Interessen diente.

Die koloniale Zeit im Maghreb begann 1830, als die französischen Truppen Algerien erobern. Seitdem nahm der militärische Druck von Frankreich an den Grenzen Marokkos mit Algerien zu und auch der von Spanien auf Nordmarokko. In dieser Zeit nützte Spanien die Gelegenheit, um Marokko 1859 den Krieg zu erklären und 1860 die Stadt Tetuan zu erobern[40]. England mischte sich ein und übte Druck auf Spanien aus, damit es sich aus Tetuan zurückzog, aber gegen eine Wiedergutmachung in Höhe von 100 Millionen Reals, die Marokko von den englischen Banken ausleihen und an Spanien zahlen musste.[41] So sieht das klassische politische Szenario der Kolonialmächte aus, das schließlich den Bankrott des marokkanischen Staates beschleunigte und den Grundstein zum 50 Jahre später errichteten spanisch-französischen Protektorat legte.

1912 wurde Marokko und somit auch Tanger unter französisches Protektorat gestellt, (eine milde Bezeichnung für Kolonialismus). 1923 erklärte man die Stadt Tanger zum internationalen Gebiet, acht Staaten verwalteten die Stadt. Die Vertretung des Sultans in Tanger hatte in dieser Zeit keinen Einfluss im öffentlichen Leben mehr und wirkte deshalb eher symbolisch. Wirtschaftlich und politisch wurde die Stadt international, militärisch war sie aber neutral.

Die Konferenz von Algeciras 1906 Quelle: Commons

Die Konferenz von Algeciras 1906  – Abb. 9

Als Freihandelsplatz per excellence war Tanger zu einem beliebten Stützpunkt für internationale Geldmärkte und den Warenhandel aller Art geworden. Mit der Erlangung der Unabhängigkeit und der Vereinigung Marokkos kam die Stadt am 29.10. 1956 wieder in marokkanische Hände zurück.


[1] Mehr dazu in Laroui (2009).
[2]. Mehr dazu in : Vauthey Paul & VautheyMax (1969: 263 – 264).
[3] Die phönizischen Grabstätten wurden an verschiedenen Orten neben dem berühmten Marschan-plateau, der als der älteste See-Friedhof der Welt gilt, entdeckt, wie z.B. Mogoga, Cap Spartel, Gandori, Ain Dalhia Kebira, Dar Shiro, Djebila und Malabata. Die wichtigsten Nekropolen sind die von Ain Dalhia Kebira im Südwesten von Tanger (98 Gräber mit Inhumation, 7. – 5. v. Ch.) und die von Djebila südlich von Cap Spartel (104 Grabstätte). Mehr dazu in Vauthey & Vauthey (1969).
[4] Ponsich (zitiert nach Vauthey & Vauthey 1969) stellt im Folgenden fest: [Vor der Entdeckung] »nous ignorions à peu près tout sur cette période et sur la ‘vie quotidienne’ à l’époque phénicienne dans la région du Tanger“.
[5] Es handelt sich um die spätrepublikanische Zeit: Die militärischen und technischen Möglichkeiten Roms waren begrenzt.
[6] „Der Landesname Mauretania leitete sich von den Ureinwohnern der Region, den Mauren her. Mauren wurden in der Antike Berber genannt“. Mauretanien erstreckte sich vom Norden des heutigen Marokko bis zum Nordwesten des modernen Staates Algerien“ und grenzte östlich an Numidien, an das Berberkönigreich, das weite Teile der heutigen Staaten Algerien und Tunesien umfasste. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Numidien.
[7] „Die Provinz Mauretania Caesariensis befand sich vornehmlich auf dem Gebiet des heutigen Algerien und hatte ihre Hauptstadt in Caesarea, einem Zentrum des Judentums und des Mithraskultes in Afrika.“ Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Mauretania_Caesariensis.
[8] Siehe Miège & Bousquet (1992).
[9] Vor Tingis war zunächst Volubilis der Verwaltungssitz von Mauretanien Tingitana. Volubilis war in dieser Zeit ein großes Zentrum der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Macht der Römer. Heute ist die Stadt eine archäologische Stätte, die zwischen Fes und Meknes liegt. http://de.wikipedia.org/.
[10] Vgl. Miège & Bousquet (1992).
[11] Vgl. Miège & Bousquet (1992).
[12] Laroui (2009) kommentiert dieses historische Ereignis mit der Meinung, dass die Initiative von Rom (217 bis 211), die zur Integration der „romanisierten reichen Berber“ innerhalb oder außerhalb der Städte Marokkos und in der Provinz Mauretanien führte, zeitlich recht spät kam; denn die wohlhabende Minderheit der Marokkaner hatte bereits jede Hoffnung auf Anerkennung ihrer Rechte verloren und die Mehrheit wurde wegen den hohen Steuer, die sie an die zentrale Verwaltung bezahlen musste, bis in die Knochen ausgenutzt.
[13]Das Aquädukt ist ein Bauwerk zum Transport von Wasser. Das Wort stammt aus dem Lateinischen: aqua steht für Wasser und ductus für Führung. Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Aquädukt
[14] Siehe Miège & Bousquet (1992).
[15] Dass die Vandalen das römische Kulturerbe gut aufgehoben, übernommen und weiter gepflegt haben (zumindest in Nordafrika), ist ein Beweis dafür, dass sie nicht auf die „brutalen unkultivierten“ Völker reduziert werden dürfen, so Laroui. Das „positive“ Urteil über die Vandalen wird von den neuen archäologischen Funden in Tunesien bestätigt. Vgl. den Artikel „Kultivierte Eroberer“ , in: http://www.zeit.de/2009/41/A-Vandalen
[16] Für diese Zeitepoche finden sich die historischen Belege hauptsächlich in den späteren arabischsprachigen Texten, die manchmal Widersprüche enthalten. Vgl. Laroui (2009).
[17]In der arabischen Literatur liegt der Ursprung von Comte Julian noch im Dunkel. Bis heute ist nicht geklärt, ob er ein Westgote, ein Byzantiner oder ein romanisierter berberischer Gouverneur war. Vgl. Zniber (1991).
[18]Als Statthalter in Ifriqiya begann Oqba ibn nafi von 662 bis 674 erstmals mit islamischen Eroberungen des Maghreb. Er legte 670 den Grundstein zur Stadt Kairouan, die sich später zu einem wichtigen Kultur- und Wirtschaftszentrum in Nordafrika entwickeln sollte.
[19] Da in den Küstenstädten noch die militärische Macht Roms spürbar war, hatte Uqba ibn Nafi‘, laut Laroui (2009), eine andere Eroberungsstrategie durchgeführt, die in dieser Zeit ungewöhnlich war, nämlich nicht von der Küste aus, sondern vom Inneren des Landes her einzudringen.
[20] Siehe Laroui (2009).
[21]Marokko wird dem Omajjadenkalifat von Bagdad einverleibt und wird ein Teil der Provinz Ifriqija.
[22] Die Khariditen sind Anhänger einer Glaubensrichtung des Islam, deren Lehre darin besteht, dass ihre Anhänger als radikale Befürworter der Gleichheit unter den Gläubigen jegliche familiäre oder stammesmäßige Bevorzugung bei der Auswahl des Kalifen strikt ablehnen. Nach ihrer Auffassung soll der beste Muslim Kalif werden, auch wenn er der Sohn des niedrigsten (schwarzen) Sklaven oder ein Nichtaraber wäre. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Charidschiten .
[23] Der bekannteste von den Aufständen ist der, der von Maisara al-Matghar (739-740) angeführt wurde. Vgl. http://de.wikipedia.org/
[24] Der Donatismus (benannt nach Donatus von Karthago, 315 bis 355 Primas der Donatisten) war eine nordafrikanische Abspaltung (Schisma) von der westlichen christlichen Kirche im 4. und 5. Jahrhundert, die eine eigene Ekklesiologie entwickelt hatte. Er blieb auf das spätantike nordwestliche Afrika beschränkt. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Donatismus
[25]Zu Beginn des 8. Jahrhunderts reichte die islamische Macht bereits bis an die Grenzen Indiens im Osten und bis an die Atlantikküste Nordafrikas im Westen.
[26] Dazu gehören z.B. die Fürstentümer der Bargawata (740–1054), der Midrariden von Sidschilmasa (ca. 789–977) und der Salihiden von Nakur (710–1084).
[27] Die Almohaden (arabisch ‎al-muwahhidun „Bekenner der Einheit Gottes“) waren eine muslimische Berber-Dynastie, die zwischen 1147 und 1269 über den Maghreb und al-Andalus herrschte. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Almohaden.
[28]Siehe http://www.botschaft-marokko.de.
[29] Miège & Bousquet (1992: 11).
[30] Mehr dazu in Laroui (2009).
[31]Die Meriniden waren eine Berberdynastie in Marokko und Spanien, die zwischen 1244 und 1465 herrschte. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Meriniden
[32] Die Nasriden (arabisch ‏Banu Nasr) waren eine muslimischmaurische Dynastie des Emirats von Granada (1232–1492). Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Nasriden_(Granada).
[33] Auf der christlichen Seite waren: Portugal, Kastilien, Aragon, Pisa, Genua und auf der islamischen Seite standen Granada, Fes, Tlemcen und Tunis. Vgl. Laroui (1992)
[34] Mehr dazu in Laroui (1992)
[35] Vgl. Miège (1992)
[36] Moulay Ismail war der zweite alawitische Sultan in Marokko, der mit eiserner Faust von 1672 bis 1727 herrschte. Vgl. http://de.wikipedia.org/.
[37] Siehe Laroui (2009).
[38] Vgl. Miège & Bousquet (1992).
[39] Mehr dazu in Laroui (2009).
[40] Danach folgen weitere militärische Angriffe von Spanien auf Nordmarokko: Rifkrieg (1893) und Rifkrieg (1909) oder „Krieg um Melilla“. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Marokkos.
[41] Vgl. Laroui (2009).
Zurück Überblick Die andere Seite Bilder und Literatur Vor

Schreibe einen Kommentar