Tanger imaginaire

Tanger imaginaire (Marokko)

(Dr. Fadoua CHAARA)

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Die Geographie und Architektur einer „Dreamcity“[1]

Die pittoreske geographische Lage von Tanger

Jeder Reisende, der die Straße (Meeresenge) von Gibraltar überquert hat, ob heute oder einst von der Schönheit der Lage dieser Stadt schwärmt und gespannt, ist welche Überraschungen er wohl erleben wird, die die Stadt jetzt noch vor ihm verbirgt. Denn vom Schiff aus hat man ein wunderschönes Panorama-Bild von Tanger vor sich. Diesen außerordentlichen magischen Anblick und ihre ersten Eindrücke von Tanger beschrieben die Schriftsteller und Besucher im 19. Jh. voller Bewunderung. Paul Morand zum Beispiel ist von der Lage der Stadt fasziniert. „ Autour de moi, partout des vides: devant moi, mers ou océans ; derrière, les déserts, océans taris. Au centre de ces lagunes, Tanger est comme une île ». Ist es nicht « un lieu paradisiatique », « une ville de rêve » ? fragt sich Morand und viele andere mit ihm.

Medina oder Kasbah von Tanger: damals wie heute

Das Altstadtbild von Tanger hat sich im Laufe der Zeit kaum verändert. In einer Stadt dauernder Bewegung bietet die Medina ein erstarrtes Panoramabild, das bereits die Fantasie der frühen Besucher anlockte und das Interesse der Künstler und Schriftsteller weckte. Für den ausländischen Besucher im 19. Jh. wirkte die Medina, die von großen alten Stadtmauern[2] eingeschlossen ist oft fremdartig, verwirrend und irritierend. Sie wirkt durch ihre labyrinthartigen, schmalen, verwinkelten und auch geschlossen Gassen „inhospitalière“, durch die Architektur ihrer „petites maisons carrées, blanchies, sans fenêtres, avec une petite porte où une personne à peine peut s’introduire, mais qui paraissent plus pour se cacher que pour habiter …“ (Edmondo De Amicis, 1882, S. 7)[3]. Im arabisch-islamischen Kulturbewußtsein erfüllt die Architektur der Medina praktische Funktionen wie Schutz von Wind, vor Sonne und Lärm der Außenwelt und bietet ihren Bewohnern Geborgenheit, die Möglichkeit sich zurückziehen zu können und die „Möglichkeit fürs Meditieren und [sich] von der Langweile fern zu halten“ (Waziri, 2004, S. 44)[4]. Im Vergleich mit den anderen Altstädten Marokkos reicht die Geschichte von Tanger weit zurück bis in die punisch-mauretanische Zeit (archäologische Befunde in Mendubia-Garten in Grand Socco). Die Altstadt zeichnet sich auch durch den historischen Einfluss der Kulturen des Mittelmeerraumes (al-Andalus, Frankreich, Spanien, Portugal) aus. Die Medina umfasst viele historische Orte, wie zum Beispiel den

Grand Socco (Souk d-barra)

Dies ist ein großer Marktplatz, der außerhalb der Medina liegt und daher den arabischen Namen „Souk d-barra“ (der äußere Souk) trägt. Er verbindet die Alt- mit der Neustadt. Seit dem Anfang des 20. Jhs. ist der Markplatz das Herz der Stadt, früher war er ein Ort, wo die Leute vom Lande ihre Ware verkaufen und nachmittags verwandelt er sich zu einem Schauplatz, auf dem man Schlangenbeschwörer, Geschichtenerzähler, Wasserverkäufer und Scharlatane beobachten kann.

Der Grand Socco; Creative CommonsQuelle Flickr, Urheber: Chris Yunker

Der Grand Socco – Abb. 4

Der Marktplatz ist bis heute einer der meist besuchten Plätze in der Stadt geblieben, aber früher war er ein typischer Ort für einen Kulturaustausch und für Unterhaltung, wie es der italienische Schriftsteller Attilio Gaudion (1964) im Folgenden beschreibt:

Auf dem Platz „Grand Socco“ steht die britische Saint-Andrew-Kirche, die auf einem Grundstück erbaut worden ist, das Sultan Hassan I 1880 an die britische Gemeinschaft von Tanger verschenkt hatte. Die Kirche, die bis heute als Gebetsort benützt wird, zeichnet sich durch ihren arabisch-islamischen Baustil mit Gravuren in arabischer Sprache aus.[5] Nordöstlich von Grand Socco erstrecken sich die berühmten

„Jardins de Mendoubia“, Wohnsitz des „Mendoub“ (Ständiger Vertreter des Sultans vor der internationalen Kommission), als Tanger von 1923-1956 den Status der Internationalen Zone hatte. Von dort aus hielt König Mohammed V am 9. April 1947 seine bekannte Unabhängigkeits-Ansprache, deren Text heute auf einem Denkmal steht. Dort war auch von 1887 bis 1909 der Sitz der deutschen Gesandtschaft in Marokko und in ihr befindet sich der deutsche Friedhof, der neu restauriert wird.

Heute sind die schönen Mendoubia-Gärten mit ihren 800 Jahre alten Bäumen und ihren Kanonen aus dem 17. und 18. Jd. jedem Besucher zugänglich.

Vom Grand Socco erreicht man im Weitergehen durch das Bab al-Fahs und die anschließende belebte Rue des Siaghins mit ihren zahlreichen Schmuckgeschäften den

Socco Chico (Souk dahel, Petit Socco), bei den Einheimischen Souk Dahel (Innen-Souk) genannt, einst der berüchtigste Platz Tangers. Dort wurden in kleinen Cafes oder Hotels (darunter als bekanntestes das Hotel Fuentes) sowohl saubere als auch dunkle Geschäfte betrieben. In dieser Zeit war der Socco Chico das Herz von Tanger, wie aus den Beschreibungen vieler Tanger-Besucher von damals hervorgeht. Einer davon ist Albert Paluel-Marmont (1936: 67-68)[6]. Er schrieb:

« Le Petit Socco est véritablement le pôle de Tanger, le pôle attractif où se trouvent immanquablement tous ceux qui cherchent, où se retrouvent ceux qui ont été séparés, où se fixent les rendez-vous, où s’amorcent les sympathies, les combinaisons , les complicités. […] C’est la table de jeu de l’Occident européo-africain. Chacun joue son portefeuille ou sa vie. ».

Blick zum Socco Chico Quelle: Commons

Blick zum Socco Chico – Abb. 5

Der Socco Chico ist heute auch von alten Cafés und Läden umgeben, von denen man das turbulente Treiben beobachten kann. Nahe am Platz erreichbar über Rue la Marine, liegt

La Grande Mosquée mit ihrem schönen Eingangstor. Hinter der Geschichte der „Djamae el-kebir“ (la grande mosquée) verbirgt sich die turbulente Geschichte der Stadt Tanger, die eine Reihe von zwei Jahrhunderte andauernden Besatzungen durch Portugal, Spanien und England erlitten hat. Die Moschee wurde unter der portugiesischen Besatzung in eine Kirche verwandelt und von den Engländern zerstört. Im Jahr 1684, nach dem Sieg von Moulay Ismäil über die Engländer wurde die Moschee auf den Ruinen der Kirche gebaut.

Das „Musée d’Art marocain“ umfasst Galerien, die Dauer- und Wechselaussttellungen mit Werken marokkanischer und europäischer Künstler präsentieren.[7]

Nicht weit vom Südtor der Medina befindet sich La légation américaine : Das Gebäude wurde den Vereinigten Staaten 1821 von Sultan Moulay Sliman für diplomatische Zwecke geschenkt. „Es war das erste offizielle Gebäude, das die Vereinigten Staaten im Ausland erwarben und beherbergte von 1821 bis 1961, also für 140 Jahre die diplomatische Vertretung der USA in Marokko“[8]. Wichtig ist anzumerken, dass Marokko 1777 das erste Land war, das die Unabhängigkeit der USA offiziell anerkannte. Das Gebäude wurde 1976 zum Museum umgewandelt. Es umfasst Ausstellungsräume rund um einen typischen hispano-maurischen Patio, Bilder- und Aquarelle-Sammlungen, die in Marokko vom 17. bis ins 20 Jh. geschaffen wurden und die auch die Arbeiten von Paul Bowles beherbergen. Dort gibt es eine allgemeine englischsprachige Bibliothek, eine auf die Geschichte Marokkos und des Maghreb spezialisierte Bibliothek und große Räumlichkeiten, in denen Konferenzen und Konzerte organisiert werden.[9]


[1] Dieser Begriff wird zum ersten Mal von Paul Bowles verwendet. Vgl. Miège & Bousquet (1992).
[2] Die alte Stadtmauer erstreckt sich über eine Länge von 2200 m und wurde wahrscheinlich auf den Ruinen der antiken Stadt Tingis erbaut. Die heutige Altstadtmauer wurde zum großen Teil in der Zeit der portugiesischen Besatzung (1471-1661) gebaut, unter der englischen (1661-1684) ausgebaut und unter der Herrschaft der Alawiden mit Festungsanlagen, Hochburgen und Türmen befestigt. Die Stadtmauer hat 13 Tore (Bab Kasba, Bab Marshan, Bab Haha, Bab el- Bhar, Bab el- Assa, Bab Haha Amrah, Bab Eraha, Bab al-Marsa…) und grenzt die vier Viertel von Medina ( Kasba, Dar al-Baroud, Jnan Kaptan, Oued Aherdan,et Bni Idder) ein. Mehr dazu auf der Webseite des marokkanischen Kulturministeriums: www.minculture.gov.ma.
[3] Edmondo De Amicis ist ein italienischer Schriftsteller und Journalist, der 1875 eine diplomatische Delegation begleitet hat, sie stand unter der Führung des italienischen Königs Viktor-Emmanuel II, der zum ersten Mal den Sultan Hassan I von Marokko besuchte. Die Reiseberichte von De Amicis über Marokko sind 1876 in einem Buch unter dem Titel „Marocco“ veröffentlicht. Die Französische Ausgabe von Hachette Le Maroc erschien 1882. Mehr dazu in El Kouche (1996).
[4] Vgl. Waziri (2004).
[5] Mehr dazu in http://www.qantara-med.org/.
[6] Albert Paluel-Marmont ist französischer Schrifteller, Journalist und Offizier der französischen Armee . Sein Buch über Tanger, das 1936 erschienen ist, hat er „Tanger l’Unique“ betitelt. Zitiert nach El Kouche (1996).
[7] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Tanger).
[8] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Amerikanische_Gesandtschaft_(Tanger).
[9] Mehr dazu in: www.minculture.gov.ma
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