Tanger imaginaire

Tanger imaginaire (Marokko)

(Dr. Fadoua CHAARA)

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Welche Narrativen, Mythen und Vorstellungen sind mit Tanger verbunden? Eine mythische Herkunftsgeschichte

toute ville de grand destin enveloppe ses origines de légendes[1].

Die reale Geschichte ist mit der imaginären verwoben, selbst wenn es sich um rein geschichtliche Fakten handelt. Im kollektiven und individuellen Gedächtnis finden sich Bilder vom realen und imaginären Tanger, von damals und heute, die schönen und die bitteren Erinnerungen. Das Zusammenleben von Gut und Böse, von Schön und Hässlich, von Gott und Teufel hat das Bild von Tanger in allen Zeitepochen stark geprägt.

Tanger war am Anfang seiner Geschichte der Zufluchtsort von Halbgöttern und Riesen, denen es der Legende nach seinen Namen und sogar seine Entstehung verdanken soll. Nach der griechischen Mythologie gab der Halb-Gott Antaios, Sohn von Poseidon, dem Gott des Meeres und Gaia, der Göttin der Erde, dem Hesperiden-Garten, der sein Territorium war und der sich von Ceuta bis Larache (Lixus in der Antike) erstreckte und für seine Goldäpfel bekannt war den Namen seiner Frau Tinga. Der Raub von drei goldenen Früchten durch den Riesen Herkules löste einen bitteren Kampf mit dem Halbgott Antaios aus, wobei auf einen Faustschlag von Herkules hin die westlichen Regionen des Mittelmeeres, die unter der Herrschaft von Antaios standen, in eine südliche und eine nördliche Gebirgskette auseinander gerissen und voneinander getrennt wurden. So also geschah nach dieser Legende die Trennung von Europa und Afrika. Eine tragische Inszenierung des Losreißens der beiden Kontinente voneinander, deren Folgen die Völker im Norden und im Süden des Mittelmeeres noch bis heute zu tragen haben. In Tanger wird man dauernd an die Stärke und Schönheit des Riesen Herkules erinnert; denn die Höhle, in der er sich damals ausgeruht und den Anblick des blauen Mittelmeeres genossen haben soll, liegt ganz in der Nähe, nur 12 km vom Stadtzentrum entfernt.

Herkules Grotte - Quelle: Flickr, Urheber: Pierre Nordström

Herkules Grotte – Abb. 2

Nach einer anderen griechischen Legende soll auch Odysseus, der berühmte Held in Homer’s „Odyssee“, bei seinen Irrfahrten an Tanger vorbeigekommen sein. Nach dieser Sage haben die Herkuleshöhlen den Kyklopen Polyphemos beherbergt, vor dessen Hand Odysseus durch sein Geschick entfliehen konnte.[2] Der Name « Tanger » hat in weiteren mündlichen und schriftlichen Erzählungen noch eine andere Herkunftsgeschichte, nämlich eine in Verbindung mit der Arche Noah. Dieser Erzählgeschichte zufolge war die Arche Noah nach der Sintflut im Meer abgetrieben und als man begierig nach dem Ufer Ausschau hält, taucht plötzlich eine Taube mit Erde im Schnabel auf, da riefen die Seemänner jubelnd, auf Arabisch „Tin-dja“ ( die Erde ist da).[3]

Eine Stadt der Reisenden und Träumenden

Tanger wird sowohl von seinen Besuchern als auch von den hier Ansässigen als „die Braut des Nordens“, „die Braut von Ozean und Meer“, „die Perle des Nordens“, „das hohe (unfassbare?) Tanger“, als „Traumstadt“ oder als „Paradies der Europäer/ Fremden“ [5] bezeichnet. Hinter jedem Namen verbirgt sich eine Geschichte aus dem individuellen oder kollektiven Gedächtnis. Tanger steht also für das Kostbare, das Unerreichbare und für das Schöne, das man bei der Trennung vermisst und beim Wiedersehen genießt. Verdanken sich nicht all diese Gefühle symbolisch der geographischen Lage von Tanger zwischen Ozean und Mittelmeer?

Von Tanger aus in die Welt

Es scheint kein Zufall zu sein, dass der große Weltreisende Ibn Battuta ausgerechnet aus Tanger stammt und bereits im Alter von 22 Jahren von dort aus aufbricht, um die Welt zu entdecken und andere Länder und Völker kennen zu lernen. Es war auch kein Zufall, dass sich viele Diplomaten, Künstler und Schriftsteller im 19. und 20. Jahrhundert wie Eugène Delacroix, Henri Matisse, Paul Bowles, Alexandre Dumas, Truman Capote, Jean Genet, Joseph Kessel, Paul Morand, Tennessee Williams Borroughs zu einer Reise nach Tanger entschließen. Warum Tanger ? Oder besser gesagt, warum Reisen überhaupt? Wie sich Kilito (1992: 9) in seinem Aufsatz über Ibn Battuta fragte: „Mais pourquoi voyager, pourquoi errer dans les pays étrangers?“, selbst wenn man auf den Reisen „Einsamkeit“ und „Angst“ erleben kann. Ferner weist Kilito darauf hin : „Le voyage est une „sortie“, un arrachement à la terre natale, un abondon du „nid“ familier, une séparation, une expérience de la solitude et de l’angoisse ». Für das Warum des Reisens legt Ibn Battouta mehr als eine Antwort vor : « Je sortis de Tanger, lieu de ma naissance […], dans l’intention de faire le pèlerinage de la Mecque et de visiter le tombeau du Prophète ». Ibn Battutas Reisen sind « aussi motivé[s] par le désir (et le devoir) de rencontrer les gens du savoir, là où ils se trouvent ». « Il ne suffit pas de lire les livres, il faut aussi, et surtout, recevoir la science de la bouche des hommes, so Ibn Battuta». Das Streben nach Weisheit und spiritueller Vervollkommnung war das Ziel des großen Weltreisenden aus Tanger.[6]

Von der Welt nach Tanger

Für die Europäer im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Tanger einerseits der Inbegriff für den Orient, für Freiheit, für Lebensgenuss, für das Erleben von Exotischem, für Kunst und für das Gedenken an die alten Hochkulturen. Andererseits war Tanger für die verschiedenen Delegationen, die nicht nur Diplomaten umfassten sondern auch Künstler und Journalisten eine Durchgangsstation zur Entdeckung des Inneren Marokkos in der Hoffnung, den Weg für einen politischen und militärischen Angriff der damaligen Weltmächte Frankreich, Spanien und England gegen Marokko durch genaue Landesbeschreibungen zu ebnen oder dafür zumindest eine moralische Berechtigung unter dem Motto „mission civilisatrice“ zu geben. Tanger war also der Zufluchtsort für Williams de Borroughs, Paul Bowles, Jean Genet und viele andere, die ihr Leben in ihren Heimatländern in Europa oder Amerika nicht mehr ertragen konnten und dort kulturelle oder politische Ausgrenzung erlitten haben und in Tanger ihre künstlerische Entfaltung oder sogar den Auslöser ihrer schöpferischen Kräfte gefunden haben. „Warum schreiben Sie“ fragt der französische Chronist Rondeau den amerikanischen Komponisten und Schriftsteller Paul Bowles, der Tanger von seiner Ankunft hier 1932 bis zu seinem Tod im Jahr 1992 zur Heimat gewählt hat. Dieser antwortete „ weil ich […] hier im Lande der Lebenden bin“[7]. Paul Bowles hat den Sinn fürs Leben, also das Leben selbst in Tanger gefunden. Unter der internationalen Herrschaft, von 1923 bis 1956, ließen sich Einzelpersonen und Familien aus der Welt der Politik, Kunst und Literatur in Tanger nieder. Wenn diese „Zufluchtssuchenden“ jede Verbindung mit der Heimat abbrachen, wurden sie von ihren Landsleuten als „Verräter“ bezeichnet. Jean Genetbeschreibt Tanger in seinem Buch „Journal du voleur“ als « Schlupfwinkel der Verräter »: „Je songeais à Tanger dont la proximité me fascinait et le prestige de cette ville, plutôt repaîre des traitres».[8]

Das romantische und orientalistische Bild von Tanger

Die Werke aus dem 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts von Künstlern aus Europa, die durch Tanger gereist sind spiegeln deutlich eine orientalistische Anschauung der islamischen Welt in der Zeit der Ausbeutung und Kolonisierung von Nordafrika durch die großen Weltmächte wider. Orientalismus definiert Edward Said (1977) als eine Art von „defining the presumed cultural inferiority of the Islamic Orient … part of the vast mechanism of colonialism, designed to justify and perpuate European dominance”. Trotz der orientalistisch gefärbten und reduzierten Wahrnehmung der Stadt, die in diesen Werken ersichtlich ist, bleiben diese Meisterwerke der Kunst wichtige historische Belege für die Stadtgeschichte.

  1. Tanger in Spanien

Weder die Reconquista-Kriege noch die Inquisitionsprozesse noch auch die spanischen Niederlagen in den Widerstandskriegen der Protektoratszeit[9]konnten den Namen Marokko aus dem literarischen Gedächtnis Spaniens löschen oder auch nur unterdrücken. Vom Mittelalter bis heute, beginnend mit Werken wie „Libro de buen Amor“ und „El Cid Campeador“bis zu den Romanen von Juan Goytosolo wird explizit oder implizit Bezug auf Marokko als historische[10], geographische, architektonische oder künstlerische[11]Größe genommen.

Das Bild, das uns Texte aus der spanischen Literatur von Tanger vermitteln, liegt zwischen dem extrem Vulgären und dem extrem Magischen, die Welt der 1001 Nacht ist ein besonderes Beispiel dafür. Aber seit den 60er-Jahren verbreitet sich ein anderes Bild von Tanger in der spanischen Literatur, in dem man versucht, die Vorurteile und Klischees der westlichen Kultur gegenüber der islamisch-arabischen Welt abzubauen. Das beste Beispiel dafür sind die Werke von Goytosolo, in denen sowohl „die Protagonisten, als auch die begleitenden Figuren (Komparsen), die in die imaginären Räumen von Tanger, Marrakesch oder Fes eindringen […] Marokkaner aus „Fleisch und Blut“ [sind], genauso wie auch Schatten oder Masken, Schöpfung[en] des westlichen Kulturerbes, das mit Gefühlen von Unterdrückung, mit Ängsten, Gelüsten, Feindseligkeiten und Vorurteilen erfüllt ist.“ (Ben Ramadan, 1992:173).

  1. Das romantische Tanger in der bildenden Kunst

Die ersten romantischen Bilder von Tanger in der bildenden Kunst gehen auf die Gemälde von Eugène Delacroix zurück, der im Jahre 1832 eine französische Delegation bei ihrem Besuch nach Tanger begleitet hat.

Eugène Delacroix (1798 – 1864), Die Bucht von Tanger Wikimedia Commons: The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002.

Eugène Delacroix (1798 – 1864), Die Bucht von Tanger – Abb. 3

Delacroix war von der Stadt überwältigt, von den Farben, von der traditionellen Kleidung, von der orientalischen Schönheit der Gesichter, von der exotischen Natur, von der inneren Architektur der Häuser. Seine Eindrücke von Tanger fasst Delacroix nicht nur in Bilder sondern auch in Worte: „Le pittoresque abonde ici. A chaque pas il ya des tableaux tout faits qui feraient la fortune et la gloire de vingt générations de peintres »[12]. In der Tat, Generationen von Malern sind den Schritten Delacroix’s gefolgt und haben in Tanger ihre künstlerische Entfaltung angestrebt. Delacroix war von dem besonderen Glanz des Lichtes, das in die weiße Stadt Tanger eindringt und dem Europäer fremd war sehr beeindruckt[13]. Henri De La Martinière spricht von einer „weißen Menge/Masse“ in Tanger (alles ist in Weiß, Kleidung, Turbane, Mauern, …) im Vergleich mit der „dunklen Menge“ in Europa.

  1. Tanger in Amerika

Die amerikanischen Reisenden im 19. Jahrhundert[14]kamen meistens von Gibraltar aus für einen Tagesausflug nach Tanger, um einen „verstohlenen Blick“ auf den „Orient“ zu werfen, wie das „Harper’s Hand-book for Travellers“ (1862) im Folgenden jedem amerikanischen Reisenden empfiehlt:

You must by all means make an excursion to Tangier, into the dominions of Morocco, to get a peep at the fine-looking Moor, the former occupants oft the spanisch peninsula. Steamers leave every two days …

Der bekannte amerikanische Schriftsteller Mark Twain, der 1869 nach Tanger kam, fasste die Eindrücke und Gefühle, die Tanger Reisende nach Anfang des 19. Jahrhunderts empfanden im folgenden Auszug aus seinem Reisebuch „The Innocents Abroad“ so zusammen:

Tangier is the spot we have been longing for along. Elswhere [in Europa, nämlich in Andalusien] we have found foreign-looking things and foreign-looking people, but always with things and people intermixed that we were familiar with before, and so the novelty of the situation lost a good deal of its force. We wanted something thoroughly and uncompromisingly foreign – foreign from top to bottom – foreign from center to circumference – foreign inside and outside and all around – nothing about it to dilute its foreignness- nothing to remind us of any other people or any other land under the sun. And lo! In Tangier we have found it. Here is not the slightest thing that ever we had seen in pictures… Tangier is a foreign land if ever there was one and the true spirit of it can never be found in any book save the Arabian nights.

Ein weiteres Symbol von Tanger: Paul Bowles

Tanger als fremder neuer Kulturraum bot den amerikanischen Dichtern und Schriftstellern eine attraktive Alternative, die sie vom Druck der amerikanischen Gesellschaft in der Nachkriegszeit und von deren übertriebenem Drang zu Konformismus und Reglementierung befreit hat. Dafür hat die Stadt ihren Namen in weltbekannten literarischen Werken verewigt bekommen.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam der Amerikaner Paul Bowles nach Tanger,[15]der später d e r Schriftsteller der Stadt per excellence geworden ist. Bowles stellte in seiner Autobiographie „Without stopping“ (1972) ein positives Bild von Tanger der Dreißiger Jahre dar. Eine Stadt, die in einem „natürlichen Rhythmus“ lebte und sich fernab vom Lärm des modernen Lebens hielt. Was Paul Bowles an Tanger stark angezogen hat, ist seine Topographie, die so reich an Aspekten und Szenen ist, dass man meinen könnte sie wären aus einem Traum.[16]Für ihn ist Tanger eine außerordentliche und exotische Stadt. Nicht nur die Altstadt, sondern auch die Stadtmauer, die Ruinen und Leuchttürme… Die Stadt ist ein Traum[17]. Mit einem Traum verbindet man Schönheit, Verführung, Farben, Lust, aber auch Vergessenheit. In einem späteren Roman von Bowles „Let it down“ pflegte Bowles diese Liebesbeziehung zwischen sich und der Stadt weiter, obwohl sich das reale Bild der Stadt wegen einiger wichtiger historischer Ereignissegeändert hatte. Tanger erlebte unter der Internationalen Herrschaft eine tiefgreifende innere Zerrissenheit und starke, auffallende Widersprüche, Tanger als internationale Zone und Tanger als „Volkszone“ („Stadt der Einheimischen“). Eine Stadt, die ein Wirbel von Sprachen, Kulturen und ethnischen Gruppen war. In seiner Stadtbeschreibung stützt sich Bowles, wie er dies in seinen Romanen andeutet, auf seine eigenen unmittelbaren Erfahrungen; denn er kam ohne Vorkenntnisse nach Tanger, bzw. ohne Vorurteile über Marokko[18]. Bowles war der Bahnbrecher der amerikanischen literarischen Bewegung in Tanger, die unter dem Namen „Beat[19]generation“ bekannt war.

Tanger: ein „Sanctuary of noninterference“[20]

So beschreibt Williams Burroughs Tanger als eine Art „Sanctuary of noninterference“. Dies empfanden eigentlich alle Vertreter der Beat-Generation, die als eine „Gruppe amerikanischer, eng mit der Jazzszene verbundene Schriftsteller [gelten], die in den Jahren 1956–60 literarische Bedeutung gewonnen hat und in deren Schaffen ein bestimmtes, besonders durch eine radikale Ablehnung alles Bürgerlichen gekennzeichnetes Lebensgefühl Ausdruck findet“[21]. Die weltbekannten Vertreter dieser Bewegung sind Jack Kerouac, Gore Vidal, Truman Capote, Williams Boroughs, Allen Ginsberg, Bryan Giesen. Auch die amerikanischen Schriftsteller, die den Beginn der „modernen“ architektonischen Veränderungen in Tanger erlebt haben, wie John Hopkins[22]bleiben von der Stadt fasziniert. „Tanger se délabre peut-être, mais pour moi elle est indestructible. Qu’on abatte les maisons, qu’on remplace les vielles façades par des neuves, l’âme de cette ville subsistera. L’âme de cette ville n’est pas fonction de son architecture « (Hopkins, 1973, zitiert nach El Kouche 1996)[23]. Der Eindruck, den Tanger bei den Besuchern von heute wie damals erweckt, ist der, dass diese Stadt nicht nur von „hier und jetzt“, sondern zugleich von „damals und dort“ ist.

  1. Tanger in den Werken marokkanischer Dichter

     

Die enge emotionale Verbindung zwischen dem Dichter und dem Ort (Zelt, Wüste, Meer, Berg ….) ist ein klassisches Thema in der arabischen Dichtung.[24] So verwandelt sich Tanger – ebenso wie andere Städte, beispielsweise Bagdad, Jerusalem, Kairo, Bayreuth, Damaskus, Granada und Paris- in den arabischen Gedichten von einem geographisch begrenzten Ort zu einer unbegrenzten Welt von Symbolen, in denen Raum- und Zeitgesetze keine Geltung mehr haben. Einige marokkanische Dichter erlebten die Stadt als eine europäische Insel, auf der Werte und gute Sitten vom Aussterben bedroht sind und auf der die arabisch-islamische Kulturidentität im Verfall begriffen ist[25], um den fremdartigen Werten der Moderne Platz zu machen. Bei anderen Dichtern wird Tanger mit einer Geliebten verglichen, die das Gefühl der Geborgenheit und Liebe vermittelt. Die Orts- und Zeitveränderungen, denen die Stadt unterlegen war, werden von Künstlern in einigen Gedichten widergespiegelt und in anderen aufgehoben und durch die Nicht-Veränderung, die Stabilität und die Verewigung der Stadt ersetzt. Gegenstand der Gedichte sind meist nicht nur die realen, physischen Merkmale der Stadt, nicht das Meer, der Himmel, nicht Berge oder historische Denkmäler sondern die Gefühle und Seelenzustände und die imaginären Welten, in die die Stadt ihren Dichter versetzt[26].

Das „nackte“ Bild von Tanger in „Das Nackte Brot“ von Choukri[27]

Der Roman « das Nackte Brot » von Mohamed Choukri[28] ist nicht nur eine Autobiographie, sondern auch eine Stadtbiographie[29]. In diesem Werk wird Tanger aus der Perspektive der „Einheimischen“ dargestellt. Das Buch zeigt ein reales, aber gleichzeitig auch ein reduziertes flaches Bild von Tanger und seinen Bewohnern. Der Roman beleuchtet das Stadtleben der sozial benachteiligen Menschen. Es geht in erster Linie um die zugewanderte Landbevölkerung, die in den 40er Jahren wegen der Hungersnot aus dem Rifgebirge nach Tanger geflüchtet war und sich in den Randbezirken und in der Altstadt niedergelassen hat.

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Sie lebten im größten Elend, an der Armutsgrenze und waren tief versunken in einen Sumpf von Drogen, Prostitution und Gewalt. Das Buch führt den Leser in die dunklen stinkenden Gassen der Unterwelt, in die das außerordentliche Licht von Tanger und die frische Mittelmeerluft kaum eindringen können. Hinter all dem Elend verbargen sich unzählige Schicksale, die „zum Schmunzeln, zum Jauchzen – […] zum Heulen schön“ sind (Zeit, 1988). Um Camus zu zitieren: Das Buch von Choukri schildert „das schändliche und begeisternde Bild des Lebens“. Die krassen Widersprüchlichkeiten in den Darstellungen von Tanger sind so miteinander verwoben, dass man die Realität kaum von der Fantasie unterscheiden kann.


[1] Vgl. Miège & Bousquet (1992: 3)
[2] Vgl. http://tangier.free.fr/Histoire/.
[3] Mehr zur Problematik der Herkunft des Namen von Tanger siehe Tawfiq (1991).
[4] Vgl. Rondeau (1997).
[5] Diese Bezeichnung stammt ursprünglich von dem englischen Politiker Lloyd George. Vgl. El Kouche (1996).
[6] Mehr dazu in Kilito (1992).
[7] Vgl. Rondeau (1997).
[8] Vgl. El Kouche (1996).
[9] Die bittersten Niederlagen fanden im Krieg von Melillia 1909 und Anoual 1929 statt.
[10] Die wichtigsten historischen Bezüge: 1. Die islamische „Eroberung“ von Andalusien unter der Führung von Tariq ibn Ziyad im Jahre 711 und der Fall des Westgotenreiches wegen eines „Komplotts“ zwischen dem Gouverneur von Ceuta Don Julian und den marokkanischen Soldaten. 2. Die Reconquista-Kriege und die Verbannungskampagnen von Muslimen und Juden nach Nordafrika, aber vor allem nach Marokko. Daraus ergaben sich positive und negative Bilder von den Morisken in der spanischen Literatur. 3. Das spanische Protektorat über Nordmarokko und die Widerstandkämpfe und –kriege. 4. Spanischer Bürgerkrieg zwischen 1936-39. Die Unabahängigkeit Marokkos 1956. Die Geschichte Marokkos war auch die Geschichte Spaniens und umgekehrt. Deshalb stand Marokko allgemein und Nordmarokko insbesondere im Zentrum des Interesses von spanischen Intellektuellen. Vgl. Al-Kamoun (1992).
[11] Siehe die Entstehungsgeschichte literarischer Strömungen wie der Romantik, bei der der Orient die Inspirationsquelle für ihre Anhänger war und ist. Man erlebte Marokko als die Verwirklichung eines imaginären Bildes vom Orient. So lässt man seiner Fantasie und Inspiration freien Lauf und drückt das auch in Kultur, Literatur und Kunst aus. Die Reiseberichte haben das orientalistische Bild von Marokko im Gedächtnis der Europäer selbst dann verfestigt, wenn sie behaupten soziologische und anthropologische Fakten zu vermitteln. Der bekannteste spanischsprachige Reisebericht ist der von Domingo Badia (bekannt unter dem Namen Ali Bey) mit dem Titel „Viages por Marruecos“. Vgl. Al-Kamoun (1992).
[12] Vgl. El Kouche (1996).
[13] «je crains seuleument un peu pour mes yeux. Quoique le soleil ne soit pas encore très fort [it was january], l’éclat et la réverberation des maisons qui sont toutes peintes en blanc me fatiguent excessivement» sagte Delacroix, zitiert nach Laurent (1991: 171).
[14]Darunter waren Schriftsteller, Seeoffiziere, Seeleute, Kleriker, Rechtsanwälte, Journalisten, Diplomaten und Künstler. Erst im 19. Jh. ist Tanger für die Amerikaner eine „tourist show city of Morocco“ geworden. Früher, im 17. Jh., reisten nur einzelne amerikanische Handelsleute auf Segelschiffen nach Tanger, um dort u.a. Sklavenhandel zu betreiben. Im 18. Jh. (1787) wurde das Freundschaft- und Handelsabkommen zwischen Marokko und Amerika unterzeichnet und so kam im Jahre 1797 der 1. amerikanische Konsul als offizielle Vertretung nach Tanger. Vgl. Laurent (1991).
[15] Paul Bowles kam 1931 nach Tanger und verliebte sich sofort in die Stadt. In seiner Autobiographie unter dem Titel „Without stopping“ (veröffentlicht 1972 in New york) beschreibt er die verschiedenen Aspekte der Stadt Tanger und erzählt die Geschichte seiner ewigen Liebesbeziehung zu der Stadt. Mehr dazu in Jadir (1992: 115ff).
[16] Das Zitat ist dem Buch „Without stopping“ entnommen. Vgl. Jadir (1992).
[17] Das war ein romantisches und gleichzeitig ein realistisches Bild von Tanger, das Paul Bowles in den dreißiger Jahren aufgenommen hat, also vor der Zeit der großen Veränderung und der Integration in die „Moderne“. Mehr dazu in Jadir (1992).
[18] Dies präzisiert Paul Bowles in einem Interview, das Jadir 1989 mit ihm geführt hat. Vgl. Jadir (1992).
[19] « The term ‘beat’ was applied the movement by Jack Kerouac and John Clellon Holmes in 1949 ; it described members of the post world War II generation who had become alienated from conventional or « square » society. “Beat”, however hat first been used by Herbert Huncke some years earlier to describe his usual condition; down, exhausted, broke and burnt out.[…] Jack Kerouac used the term in a positive, spiritual sense to mean “upbeat” or “beatific” : that is, in joyous pursuit of inner happiness. […] [the] quests [of the Beats] for new ways of seeing and feeling were usually carried out in defiance of social norms, which they considered oppressive. Their journeys to other countries they hoped would loosen the restraints on their imaginations”. Vgl. Poole (1992: 26).
[20] Was zunächst die Beats in Tanger angelockt hat, fasst Burroughs wie folgt zusammen: „Exemption from interference, legal or otherwise. Your private life is your own, to act exactly as you please“. Vgl. Poole (1992: 32).
[22]John Hopkins kam im Juli 1962 nach Tanger, „um eine Stelle als Lehrer in der Amerikanischen Schule anzutreten. Er verließ diese nach drei Jahren im Juni 1965, um sich ausschließlich der Arbeit als Schriftsteller zu widmen. Siebzehn Jahre verbrachte er in Tanger, unterbrochen durch zahlreiche Reisen… Tanger ist Handlungsort [seiner] Romane Tangier Buzzless Flies (1972) und Adieu, Alice (1999) und teils auch seiner Kurzgeschichten-Sammlung Rendez-vous ultimes (1991). Hopkins‘ Bücher erschienen meist (zuerst) in französischer Übersetzung.” Vgl. http://homepage.univie.ac.at.
[23] Vgl. El Kouche (1996).
[24] In der Einführung seiner Sammlung arabischer Dichtung stellt Adonis Folgendes fest: „Der Ort ist die zweite versteckte Sprache zwischen den zeitlen [wörtl. Falten) von Gedichten der vorislamischen Zeit“. Zitiert nach Tribak (1995: 20).
[25] Als Beispiel sei der Dichter Bahansch genannt, der Anfang des 20. Jhs. Tanger besuchte und ein Spottgedicht über die Stadt verfasste. Vgl. Tribak (1995).
[26] Als Beispiel mag der Dichter Abu Bakr lamtuni gelten, der sich in den ersten Versen eines Gedichts so ausdrückte: “O Tanger, Gibt es Jemand vor mir, den deine Sehnsucht erkrankte?“. Vgl. Tribak (1995: 37).
[27]« Roman autobiographique où l’auteur raconte son enfance et son adolescence marquée par la misère et l’exil. Ce classique de la littérature marocaine a été interdit au Maroc jusqu’en 2000, cette censure était motivée par l’évocation des expériences sexuelles multiples du narrateur ». Vgl. http://www.bibliomonde.com/livre/pain-113.html
[28] „Écrivain marocain arabophone (1935-2003) qui vivait à Tanger, une ville qui occupe une grande place dans ses écrits. Mohamed Choukri est né en 1935 à Beni Chiker, dans le Rif. La misère pousse sa famille à émigrer vers Tanger en 1942, puis vers Tétouan et Oran. Il retourne ensuite s’installer seul à Tanger. Sa langue maternelle est le berbère (rifain). Il n’apprend à lire et à écrire l’arabe qu’à l’âge de 20 ans. Il devient instituteur, puis professeur, après avoir été élève de l’École Normale et se met à l’écriture. Il est découvert, publié et traduit grâce à Paul Bowles. Sa première nouvelle paraît en 1966, il collabore ensuite régulièrement à des revues littéraires arabes, américaines et anglaises ». Vgl. www.bibliomonde.com.
[29] In seinen Büchern, etwa „Jean Genet in Tanger“, „Paul Bowles und die Einsamkeit in Tanger“, „Zeit der Fehler“ und „Zocco Chico“, behandelt er Themen wie Armut, Verbrechen, Prostitution oder das Nachtleben in der multikulturellen Stadt Tanger und stellt dabei die Mythen der arabischen Wirklichkeit radikal in Frage. Vgl. http://www.faz.net.
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