Palermo

Palermo (Italien)

(Dr. Steffen SCHNEIDER)

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Spuren der Geschichte im heutigen Stadtbild

Das Fischgrätmuster

Von der phönizischen Anlage der Stadt stammt möglicherweise das sogenannte Fischgrätmuster ab. Man kann es zum Beispiel in dem Ausschnitt aus dem Stadtplan von Braun und Hogeberg aus dem Jahr 1581 erkennen: Es handelt sich um die Straßen, die auf beiden Seiten auf den mittlerweile begradigten Cassaro zulaufen und deren antiker Ursprung als möglich angenommen wird.[20]

Palermo, Stadtplan: Fischgrätmuster. In: Braun, Georg, Hogefeld, Franz: Civitas orbis terrarum, vol. 3, Köln 1581

Palermo, Stadtplan: Fischgrätmuster.  – Abb. 9

Zeugnisse aus arabischer Zeit

Eine Eigentümlichkeit der Geschichte Palermos besteht darin, dass kaum etwas von den Bauwerken aus der Zeit des Emirats erhalten blieb. Diese Tatsache geht einerseits wohl auf die Zerstörungen im Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen, z.B. während der Kämpfe mit den Normannen zurück, andererseits wurden viele muslimische Gebäude auch überformt und in neuere architektonische Komplexe integriert, so dass von den ursprünglichen Gebäuden nur noch Spuren erhalten blieben. Dies ist der Fall in den Kirchen S. Giovanni degli Eremiti und S. Giovanni dei Lebbrosi oder auch bei dem Castello di Maredolce (auch Schloss Favara genannt), bei dem es sich um eine zwischen 998 und 1019 erbaute Residenz des Emirs vor den Toren der Stadt handelt.

Das Castello di Maredolce – Urheber: Vps

Das Castello di Maredolce – Abb. 10

Sie wurde im Jahr 1019 zerstört und von den Normannen wieder erbaut. Nach Jahrhunderten des Verfalls wird die Anlage zurzeit restauriert und bei besonderen Anlässen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.[21]

Arabisch-normannische Kunst.

Nach der normannischen Eroberung verblieben viele muslimische Architekten und Handwerker in Palermo und trugen zu der einzigartigen Synthese des arabisch-normannischen Stils bei, der einige Bauwerke von großer Bedeutung hervorbrachte. Was der Name verschleiert, ist, dass zu dieser Synthese auch byzantinische Elemente gehören. Der Stil entwickelte sich nicht spontan, sondern wurde von den normannischen Herrscher beauftragt; er zeichnet sich durch die Verschmelzung bereits ausgereifter Formsprachen zu einer zunehmend eigenständigen Sprache aus. Die Absicht war es, ein Bildprogramm zu erzeugen, das die neue Herrschaft legitimieren und die prägenden kulturellen und religiösen Einflüsse in Sizilien zusammenführen sollte[22]: So werden arabische Tier- und Pflanzenornamente mit der byzantinischen Ikonographie und orientalische Zentralbauten mit romanischen Architekturelementen zu einer „höfischen Kombinatorik“[23] zusammengeführt, all dies geschieht unter königlicher Kontrolle.

Unter den öffentlichen Bauten, die dieses Programm verkünden, sind in Palermo die Porta Mazara und die Kathedrale sowie im benachbarten Monreale der Dom mit seinem Kreuzgang zu nennen. Das berühmteste Monument ist aber der Normannenpalast (auch Palazzo Reale) mit der Cappella Palatina, der Hauskapelle Rogers II. Der Palast der normannischen Könige wurde in der alten phönizischen Oberstadt an der Stelle erbaut, an der sich die arabische Zitadelle befunden hatte. Mit dem Bau der Cappella Palatina wurde kurz nach der Krönung Rogers II. begonnen (1131), geweiht wurde sie im Jahr 1143.[24] Man erkennt den arabisch-normannischen Stil hier an der Kombination der byzantinischen Wandmosaiken mit der Kassettendecke, die islamische muqarnas-Muster und figürliche Darstellungen der arabischen Maler aufweist.

Capella Palatina, Mosaiken und Holzdecke mit muqarnas – Urheber: kabaeh49

Capella Palatina, Mosaiken und Holzdecke mit muqarnas – Abb. 11

Capella Palatine: Zwei Flötenspieler an einem Wandbrunnen. Malerei auf Holz, ca. 1150 – Quelle: The York Project: 10.000 Meisterwerke der malerei. DVD- ROM, 2002

Capella Palatine: Zwei Flötenspieler an einem Wandbrunnen. Malerei auf Holz, ca. 1150 –  Abb. 12

Die Normannen führten auch die arabische Garten- und Wasserkunst weiter und bauten Lustschlösser zur Erholung im Grünen. Unter diesen Bauten ragen die Zisa und die Cuba heraus.

Die Cuba (aus dem arab. qubba) lag einst inmitten von Obst- und Weingärten an einem künstlichen Teich; heute ist davon ein eindrucksvoller, aber leerer Bau erhalten, dessen Innenausstattung bis auf wenige Spuren verschwunden ist.

Cuba – Autor: Sebastian Fischer

Cuba –  Abb. 13

Zisa, Nische der Haupthalle mit Brunnen und muqarna – Urheber: Bernhard J- Scheuvens

Zisa, Nische der Haupthalle mit Brunnen und muqarna – Abb. 14

Bauherr war Wilhelm II., fertig gestellt wurde das Werk 1180. Eindrucksvoller noch ist die um dieselbe Zeit errichtete Zisa (möglicherweise aus dem arab. al-‘aziz), heute auch Sitz des Museo d’Arte Islamica, in dem Gegenstände aus dem Zeitraum vom 9. bis zum 12. Jh. ausgestellt werden. Beim Durchstreifen des Palastes hört man das leise Plätschern des Wassers im Nymphäum, bewundert die muqarnas und Säulen und bekommt so, in seiner Imagination, einen Eindruck davon, wie man sich im 12. Jahrhundert in Palermo wohl gefühlt haben mag. Im Museum zeugt ein Grabstein aus Marmor von 1149, der in vier Schriften und Sprachen (Latein, Griechisch, Arabisch, Hebräisch) beschrieben wurde, von der kulturellen und sprachlichen Vielfalt der Epoche.

Grabstein in vier Sprachen: Latein, Griechisch, Hebräisch, Arabisch – Foto: Giovanni Dall‘Orto

Grabstein in vier Sprachen: Latein, Griechisch, Hebräisch, Arabisch – Abb. 15

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