Palermo

Palermo (Italien)

(Dr. Steffen SCHNEIDER)

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Höhlenzeichnungen, Lustgärten, Unterentwicklung:

Stationen der Geschichte Palermos und Siziliens

Von der Prähistorie zur arabischen Eroberung.

In der Nähe Palermos, nämlich in den ca. 4 km außerhalb des Zentrums gelegenen Addaura-Höhlen auf dem Monte Pellegrino, bezeugen paläolithische Wandzeichnungen eine frühe Besiedlung der Gegend.[6] Die eigentliche Geschichte beginnt dagegen im siebten Jahrhundert v. Chr., als die Phönizier die Stadt gründeten, die sie in ihrer Sprache Ziz nannten und die bei den Griechen Panormos hieß.[7] Die geschützte Lage ließ die Bucht als einen geeigneten Hafen erscheinen. Die Phönizier erbauten die Stadt auf einem Hügel und umschlossen sie mit Mauern. Im dritten Jahrhundert wurde dieser ursprüngliche Stadtkern als Altstadt (Palaepolis) bezeichnet, weil sich mittlerweile ein neuer Stadtteil (Neapolis) entwickelt hatte, der seinerseits ummauert wurde. Diese Aufteilung der Stadt hat sich bis zur Ankunft der Araber 1500 Jahre später nicht verändert.[8] Ziz bzw. Panormos wurde 254 vor Chr. im Ersten Punischen Krieg von den Römern erobert und blieb bis zum Ende des Weströmischen Reiches unter dem latinisierten Namen Panormus dessen Bestandteil. Nach Eroberungen durch den Vandalenkönig Geiserich (440 n. Chr.), durch Odoaker (476) und Theoderich (494) nahm der byzantinische Feldherr Belisar die Stadt 536 für Ostrom ein, wo sie bis zum Jahr 831 verblieb.[9]

Die arabische Metropole

Der Aufstieg Palermos zum politischen und kulturellen Zentrum der Insel ist fest mit der arabischen Eroberung verbunden. Bis dahin war Syrakus der glänzende Mittelpunkt sizilianischen Lebens, doch wurde diese Stadt nach der Einnahme durch die Araber nahezu vollständig zerstört – als Strafe für den Widerstand, den ihre Bewohner leisteten. Auch war Syrakus aufgrund seiner geographischen Lage eng mit Byzanz verbunden, während Palermo sich von Nordafrika aus sehr gut erreichen lässt.[10] Palermo, das ab 948 Sitz des Emirs von Sizilien wurde, entfaltete in der Folge eine große Pracht und wurde zur mediterranen Metropole. Die neuen muslimischen Herren erwiesen sich gegenüber Christen und Juden als tolerant. Sie durften als Schutzbefohlene ihre Religion ausüben und auch ihre Gebräuche und Feste feiern, wenn auch mit Einschränkungen. Allerdings mussten sie Abgaben zahlen, eine Praxis, die manchen Nichtmuslim zur Konversion bewegte. Auf die muslimischen Eroberer geht schließlich die Transformation des Namens Panormus in Palermo zurück.[11] Auch in anderen Ortsnamen Palermos, die teils bis heute Verwendung finden, haben sich die Spuren der Araber: Der phönizische, ummauerte Stadtkern erhielt den arabischen Namen al-Qasr (die Ummauerte), der im modernen Namen Càssaro fortlebt, mit dem man heute die bereits auf die Phönizier zurückgehende zentrale Straße der Altstadt, die Via Vittorio Emanuele, bezeichnet. In der alten Stadt errichteten die Araber auch ihre erste Festung, von der einige Elemente in den späteren Normannenpalast integriert wurden. Um das Jahr 937 wurde mit dem Bau einer weiteren Festung begonnen, die der Sitz des Emirs wurde. Von ihrem Namen Khalisah leitet sich der Name „Kalsa“ für das Stadtviertel ab, der sich gleichfalls bis heute konserviert hat. Der enorme Bevölkerungsanstieg führte zur Gründung weiterer neuer Stadtviertel. Man bescheinigt der muslimischen Zivilisation im Allgemeinen einen ausgeprägt urbanen Charakter. Dieses Urteil bestätigt sich an Palermo unter arabischer Herrschaft: Es entstehen prachtvolle Gartenanlagen, Bäder und Märkte, Palermo wird zum Sitz der Rechtsprechung, der Politik, zum Zentrum der Religion und des Handels und gewinnt somit einen urbanen Charakter, der zu dieser Zeit im christlichen Europa noch nicht weit verbreitet war. Palermos Reichtum verdankte sich dem Handel und der neuartigen Landwirtschaft. Durch ihr Bewässerungssystem gelang es den Arabern, in der Landschaft um Palermo Pflanzen zu kultivieren, die seither aus der sizilianischen Kultur und Gastronomie nicht mehr wegzudenken sind: Sie bauten Reis, Zitrusfrüchte, Baumwolle, Zuckerrohr, Pistazien, Dattelpalmen, Hartweizen und anderes mehr an und prägten damit die sizilianische Küche.

Die Normannen.

Im Jahr 1061 begann die christliche Wiedereroberung Siziliens unter den normannischen Heerführern Roger von Hauteville und seinem Bruder Robert Guiscard. 1071 wurde Palermo eingenommen, Roger I. wird Herrscher über Sizilien. Während die sizilianischen Araber in großer Masse als Siedler gekommen waren, sind die Normannen Eroberer, die viele Elemente der sizilianisch-arabischen, aber auch der byzantinischen Kultur und Verwaltung übernahmen. Eine neue Blütezeit erfährt Palermo unter Roger II, der während seiner Regentschaft gezielt die Weiterentwicklung byzantinischer und arabischer Kulturtraditionen fördert. Unter Roger II. wurde die Insel zu einem wichtigen Machtfaktor im Mittelmeer: Roger eroberte die nordafrikanische Küste, die er bald von Tripolis bis Kap Bon kontrollierte.[12]

Roger II. wird von Christus  zum König ernannt, Mosaik, Santa Maria dell’Ammiraglia, Palermo –  Quelle: Webgalery of Art.

Roger II. wird von Christus zum König ernannt, Mosaik, Santa Maria dell’Ammiraglia, Palermo – Abb. 5

Tabula Rogeriana, Süden ist oben – Quelle: Bibliothèque Nationale de France, MSO Arabe 2221

Tabula Rogeriana, Süden ist oben – Abb. 6

In Sizilien entstand in dieser Zeit die arabisch-normannische Kunst als eine großartige kulturelle Synthese, Palermo wurde zu einem bedeutenden wissenschaftlichen und kulturellen Zentrum: Al-Idrisi verfasste hier seine berühmte Weltkarte Tabula Rogeriana, auch die erste Übersetzung von Ptolemaios’ Almagest entstand unter Rogers Herrschaft.

Die Berater und Funktionäre des Königs waren arabischer, englischer und byzantinischer Herkunft, es gab einen Kreis sizilianisch-arabischer Dichter an seinem Hof,[13] an dem auch französische Bänkelsänger auftraten und die Karlssage populär machten. So fand eine wahre Kulturverschmelzung statt.[14] Auch unter Rogers Nachfolgern Wilhelm I. und Wilhelm II. blieb der Glanz Palermos bewahrt.

Eine interessante Miniatur aus einer Handschrift von Peters von Eboli Liber ad honorem Augusti (Hs. Nr. 120, Stadtbibliothek Bern) dokumentiert das Zusammenleben der Ethnien im Palermo des ausgehenden 13. Jahrhunderts.

Klage um Wilhelm. Miniatur aus: Petrus de Ebulo (Peter von Eboli): Liber ad honorem Augusti, Bern, Burgerbibliothek Cod. 120 II, Süditalien 1196

Klage um Wilhelm – Abb. 7

Die Miniatur zeigt rechts oben die Cappella Palatina, rechts unten das Castellammare. Der Halbkreis am unteren Bildrand stellt die durch eine Kette geschützte Cala dar, in der Fische schwimmen. Links daneben die Kalsa, rechts über der Cala sieht man vier Männer mit Turbanen, sie verkörpern die muslimische Bevölkerung. Die Gruppen in den umliegenden Feldern stellen die christliche Bevölkerung dar, die um den verstorbenen König Wilhelm trauert. Links oben sieht man die neue Gartenanlage. Die jüdische Gemeinde Palermos scheint in der Miniatur nicht dargestellt zu sein.[15]

Die Staufer.

1194 fiel das Königreich durch Erbfolge an Kaiser Heinrich VI. und damit an die Staufer. Für Sizilien bahnte sich damit eine historische Wende an: Es wird zum Anhängsel des Deutschen Reichs und verliert damit erheblich an politischer Bedeutung. Als Kaiser Friedrich II. im Jahr 1220 auf die Insel kam, wo er zu Beginn seiner Herrschaft residierte, herrschten dort chaotische Zustände: Die Barone rebellierten, die muslimische Bevölkerung ebenfalls. Friedrich II. setzte seinen Herrschaftsanspruch mit großer Autorität durch und ordnete die Verhältnisse.[16] Die kulturelle Bedeutung von Friedrichs Herrschaft wird von den Historikern aber kontrovers eingeschätzt: einerseits gilt er als Förderer der Wissenschaften und Künste, an dessen Hof muslimische, jüdische und christliche Gelehrte zusammenarbeiteten, andererseits aber siedelte er die Muslime auf das italienische Festland um und setzte damit dem Zusammenleben der Religionen ein Ende. Zwar bekundete Friedrich seine Liebe zu Sizilien, letztlich aber entfernte er sich immer mehr von Palermo, da andere Interessen und Sorgen für ihn drängend wurden. So leitet seine Herrschaft das Ende einer glänzenden Periode ein. Immerhin förderte Friedrich die sogenannte scuola siciliana, eine Gruppe von Dichtern, deren im sizilianischen Dialekt verfasste Lyrik heute oft als Beginn der italienischen Literatur angesehen wird und bis zu Dante und Petrarca ausstrahlte. Die bekannte Form des Sonetts scheint sizilianischen Ursprungs zu sein, sie wird dem Dichter Giacomo da Lentini zugeschrieben.

Anjou, Aragon, Habsburg.

Nach dem Tod Friedrichs im Jahr 1250 und einigen Unruhen setzte sich 1265 Karl von Anjou als König Siziliens durch. Die neuen Herrscher waren verhasst, 1282 kam es in Palermo zu einem Massaker an Franzosen, das später den Namen ‚Sizilianische Vesper’ erhielt und in der Zeit des Risorgimento zu einem patriotischen Aufstand stilisiert wurde – Giuseppe Verdis Oper Les Vêpres siciliennes aus dem Jahr 1855 legt davon ein Zeugnis ab.[17] Von 1295-1377 war Sizilien ein unabhängiges aragonesisches Königreich bis zum Jahr 1392, in dem Martin von Aragon die Insel wieder zum Bestandteil des spanischen Mutterlandes machte. Von nun ab wird Sizilien von spanischen Vizekönigen residiert werden, es verliert seine Unabhängigkeit und damit tritt auch Palermo in den Schatten der Geschichte.[18] Allerdings werden unter den spanischen Vizekönigen städtebauliche Entscheidungen getroffen, die das Bild der heutigen Stadt entscheidend prägen. Hierzu zählt insbesondere die Begradigung und Verbreiterung des Cassaro und die Konstruktion einer Querachse, der Via Maqueda, welche den Cassaro in zwei Hälften schneidet und dadurch die Altstadt Palermos in vier Stadtviertel teilt. Diese Vierteilung ist auf dem Stadtplan aus Meyers Konversationslexikon gut zu erkennen.[19]

Stadtplan von Palermo. In: Meyers Konversationslexikon, 1888

Stadtplan von Palermo – Abb. 8

Für Spanien ist Sizilien vor allem eine Einnahmequelle, ein genuines Interesse an der Entwicklung der Insel existiert nicht; auch wird die Insel von ihren traditionellen Beziehungen nach Nordafrika und Byzanz abgetrennt.

Wechselnde Schicksale 1713-1816

In Folge des Spanischen Erbfolgekrieges wechselte Sizilien zu Beginn des 18. Jahrhunderts mehrfach den Herrscher: von 1713-1720 gehörte es zu Savoyen, danach bis 1735 zu Österreich. Dann beginnt die Herrschaft der spanischen Bourbonen. 1816 vereinigt König Ferdinand die Königreiche Neapel und Sizilien zum Königreich beider Sizilien, das bis zum Einzug Garibaldis und zur Vereinigung mit Italien Bestand hatte.

Sizilien wird italienisch

Am Ende der Bourbonenherrschaft brachen in Sizilien immer wieder Unruhen aus, die teils von städtischen Dissidenten, teils von der verarmten Landbevölkerung ausgingen. Als 1860 Garibaldi in Marsala mit seinen tausend Freiwilligen landete, um die Bourbonen zu vertreiben und Sizilien für das Königreich Italien zu annektieren, empfing man ihn begeistert; aber bald änderte sich die Stimmung, und die Annexion erschien vielen nur als eine weitere Eroberung, der italienische Staat war weithin verhasst. Die frühe Ablehnung des Staats führte dazu, dass es in Sizilien ein ausgeprägtes Brigantentum gab und dass die stimmberechtigten Grundbesitzer sich bewaffnete Banden hielten, um den Ausgang der Wahlen zu beeinflussen. Das ist der Ursprung der Mafia: Von Anfang an geht die Annexion Siziliens mit der Unterwanderung des italienischen Staats einher.

Faschismus und zweiter Weltkrieg

Während der Zeit des italienischen Faschismus wurde Sizilien wirtschaftlich und politisch in jeder Hinsicht vernachlässigt. Lediglich der Kampf gegen die Mafia wurde von Mussolinis Beauftragtem Cesare Mori entschieden vorangetrieben – zu einer Identifizierung der Sizilianer mit Italien führte das allerdings nicht und so erholte sich die Organisation am Ende des Zweiten Weltkriegs rasch. Der Einmarsch alliierter Truppen im Jahr 1943 und anhaltende Bombardements führten zu gravierenden Zerstörungen insbesondere Palermos.

Seit 1946

ist Sizilien eine italienische Region, die weitgehende Autonomie genießt mit Palermo als Hauptstadt. Viele der Probleme des Südens sind seitdem nicht gelöst worden, nach wie vor hat Sizilien ernste wirtschaftliche Probleme und die Macht der Mafia scheint kaum gebrochen zu sein. Dennoch hat sich in den letzten Jahren auch etwas verändert: Der Kampf gegen die Mafia wird mittlerweile von einem größeren Teil der Bevölkerung unterstützt, ein Bedürfnis nach einer modernen Zivilgesellschaft verbreitet sich.


[6] Finley, Moses I.: Das antike Sizilien. Von der Vorgeschichte zur arabischen Eroberung. München: C.H. Beck, 1979, p. 24.
[7] Ebd., p. 46.
[8] Die Informationen zur Entwicklung der Stadtstruktur entnehme ich hier und im Folgenden größtenteils De Seta & Di Mauro: Palermo.
[9] Vgl. De Seta & Di Mauro: Palermo, p. 16; Finley: Das antike Sizilien, p. 197.
[10] Zu den Gründen, aus denen Palermo zur Hauptstadt des arabischen Sizilien wurde vgl. Arabisch-normannische Kunst, p. 93; De Seta & Di Mauro: Palermo, p. 19; De Simone: Palermo, p. 133.
[11] In den arabischen Quellen wird der Name der Stadt mit den Konsonanten B.l.r.m. angegeben, hier findet also eine Transformation des n zum l statt, die im mittelalterlichen und modernen Namen erhalten blieb. S. hierzu De Simone: Palermo, p. 134-135.
[12] Vgl. Finley, Moses et. al. (eds.): Geschichte Siziliens und der Sizilianer, München: C.H. Beck, 1989, p. 85. Zu Roger II. ebd., pp. 83-87.
[13] Eine kleine Auswahl ihrer Werke präsentiert die zweisprachige italienisch-arabische Anthologie von Corrao, Francesca Maria (ed.): Poeti arabi di Sicilia nella versione di poeti italiani contemporanei, Mailand: Arnoldo Mondadori, 1987. Es liegen auch mehrere Editionen der arabischen Texte vor, darunter diejenige von Amari, Michele (ed.): Biblioteca arabo-sicula, Rom 21982, 2 vols. (zuerst Turin: 1881).
[14] Wie tief und weitreichend diese war, lässt sich aus heutiger Sicht nur schwer feststellen. Finley, Moses et. al.: Geschichte, urteilen, dass sich „diese Kulturen […] gemischt, aber nie gänzlich verbunden hatten“ und fassen zusammen: „Das Normannisch-Arabische war eine künstliche Schöpfung des aufgeklärten Despotismus, keine wahre Durchdringung, die für sich selbst bestehen konnte.“ (Ebd. p. 86.)
[15] Bei diesem Bildkommentar stütze ich mich auf die Erklärungen von De Seta & Di Mauro: Palermo, p. 42f.
[16] Zu Friedrich II. vgl. Abulafia, David: Herrscher zwischen den Kulturen. Friedrich II. von Hohenstaufen. Berlin: Siedler, 1991.
[17] Die italienische Fassung des Werks – I vespri siciliani – wurde zuerst 1855 am Teatro La Fenice in Venedig aufgeführt.
[18] Vgl. Finley et. al. (eds.): Geschichte, p. 106f.
[19] Zur spanischen Stadtplanung und der Via Maqueda vgl. De Mauro & Di Seta: Palermo, bes. p. 75.
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