Palermo

Palermo (Italien)

(Dr. Steffen SCHNEIDER)

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Passivität, Schmelztiegel, Kriminalität: Drei Narrative Palermos und Siziliens

Das sizilianische Narrativ des ‚Gattopardo’.

Ein mächtiges, allerdings nicht nur mit Palermo, sondern mit ganz Sizilien verbundenes Narrativ möchte ich nach seinem berühmtesten Vertreter benennen: Es ist der Gattopardo, die Leopardenkatze. So lautet der Titel eines Klassikers der italienischen Literatur, verfasst von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, erschienen im Jahr 1958. ‚Gattopardo’ lautet der Spitzname des Helden, Don Fabrizio Corbera, Fürst von Salina, aus dessen Leben der Erzähler einige Episoden auswählt, die zugleich mit bedeutenden Ereignissen der sizilianischen Geschichte verbunden sind.

Einmarsch des Garibaldistengenerals Medici in Palermo, Juni 1860) – Quelle: Menghini, Mario: La spedizione garibaldina di Sicilia e Napoli. Turin, Società Tipografica-Editrice Nazionale 1907

Einmarsch des Garibaldistengenerals Medici in Palermo, Juni 1860) – Abb. 2

Vordergründig handelt es sich um einen historischen Roman, der mit dem Einmarsch Garibaldis in Sizilien im Mai 1860 beginnt und sich bis ins Jahr 1910 erstreckt; doch in Wahrheit beabsichtigt der Autor, mit Don Fabrizio ein Symbol Siziliens und der sizilianischen Mentalität zu erschaffen, das überhistorische Gültigkeit besitzen soll. Don Fabrizio erlebt das Ende des bourbonischen Königreichs und die Vereinigung der Insel mit Italien voller Passivität. Er vermag in dem politischen Wechsel und im Aufstieg neuer, nichtadliger Gesellschafts­schichten nur etwas Äußerliches zu erkennen, eine bloße Strategie, um das alte, auf Klientelismus und Feudalherrschaft basierende System Siziliens zu bewahren. Mit genauem Blick erkennt er den Opportunismus seiner Landsleute, deren politische Aktion nur der Bewahrung des Bestehenden gilt – in diesem Zusammenhang fällt der berühmte Ausspruch: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann muss sich alles verändern.“[1] Als Don Fabrizio durch den piemontesischen Gesandten Chevalley das Angebot erhält, italienischer Senator zu werden, lehnt er das ab. Seine Begründung ist zu einem überaus bekannten Topos über das Wesen der Sizilianer avanciert. Zunächst betont Don Fabrizio, dass die Sizilianer in ihren eigenen Augen einer ununterbrochenen Abfolge von Fremdherrschaften ausgeliefert waren. Sie verstehen sich als Kolonisierte, auch Italien erscheint ihnen als Kolonialmacht. Hieraus leitet Don Fabrizio die Müdigkeit und Passivität der Sizilianer ab: „das Vergehen, das wir Sizilianer niemals vergeben ist ganz einfach das des ‚Machens’“. Um diese These zu stützen, behauptet er außerdem, dass sich die verschiedenen Einwanderervölker niemals mit den Autochthonen vermischt hätten – eine äußerst unplausible Annahme nicht zuletzt mit Blick auf den Fürsten selbst, der mit seiner äußeren Erscheinung und seinen Charakter zahlreiche ‚germanische’ Wesenszüge offenbart, die er von seiner Mutter erbte. Während der Sizilianer sich durch seine Sehnsucht nach Ruhe, ja nach dem Tod auszeichne, seien die Kolonisatoren gekommen und gegangen, ohne an der sizilianischen Substanz etwas zu ändern. Hinzu komme das Klima, die unerbittliche Sonne, die alles verbrenne und jede Aktivität lähme. Im Fortgang des Gesprächs benennt der Fürst schließlich noch die Selbstüberschätzung und Arroganz der Sizilianer als ihr besonderes Kennzeichen. Tomasi di Lampedusas Interpretation der sicilianità konnte natürlich nicht unwidersprochen bleiben, denn sie ist sehr pointiert und einseitig. Auch fehlt der wichtige Aspekt des gekonnten Spiels mit Doppelbedeutungen und der Doppelmoral, der von Autoren wie Luigi Pirandello, Leonardo Sciascia oder Andrea Camilleri meisterhaft als Charakteristikum der sizilianischen Gesellschaft dargestellt wird.[2] Dennoch sind die Worte Don Fabrizios für den vorliegenden Kontext interessant, weil sie ein Indiz für den Umgang mit der multiethnischen Vergangenheit der Insel bilden. Die Tendenz, sich als Kolonisierte zu begreifen, die in einem abgelegenen Winkel der Welt von Fremden überrollt werden, erklärt vielleicht, warum ein multikulturelles Bewusstsein in Sizilien heute kaum ausgeprägt ist. Zwar ist man stolz auf die Zeugnisse der großen Vergangenheit, begreift diese aber eher als Werke der Griechen, Araber, Normannen etc., denn als eigene sizilianische Leistungen im Sinne einer aus Vermischung und Dialog hervorgegangenen Kultur.

Arabisch-normannisch-staufische Kultur.

Die großen Leistungen der ‚Fremdherrscher’ sind trotz diesem kolonialen Selbstverständnis allen Sizilianern bewusst. Was nun Palermo angeht, so verbindet die heutige Erinnerung mit dieser Stadt wohl vor allem die mittelalterliche Glanzperiode, die mit der arabischen Eroberung im September 831 begann. Nach jahrzehntelangen Kämpfen zwischen den Byzantinern und den Arabern wurde 948 das Emirat Sizilien mit der Hauptstadt Palermo gegründet und fortan galt die Stadt direkt nach Córdoba als die glänzendste arabische Metropole des Mittelmeers. Zeitgenössische Quellen berichten von 300.000 Einwohnern und von 300 Moscheen und auch, wenn moderne Historiker dazu tendieren, diese Zahlen nach unten zu korrigieren, besaß Palermo eine große Bedeutung im Dar al-Islam.[3] Die arabische Herrschaft steht auch am Ursprung eines weiteren mit Palermo verbundenen Mythos, der Conca d’oro, d.h. der Küstenlandschaft Palermos, die von jeher als besonders schön und eindrucksvoll empfunden wurde. Den Arabern gelang es durch ihr geniales Bewässerungssystem, diese Landschaft mit neuen Kulturpflanzen wie Reis, Zuckerrohr und Zitrusfrüchten zu bepflanzen. Sie prägten dadurch den Landschaftsmythos der Conca d’oro in einem ganz entscheidenden Umfang mit. Unter vielen anderen Reisen vermerkte auch Goethe in der Italienischen Reise (4. April 1787) den Eindruck, den diese Landschaft auf ihn machte. Heute ist diese Schönheit durch den städtebaulichen Wildwuchs nahezu vollständig zerstört – eine häufig beklagte Tatsache. Rosario Assunto, ein Ästhetikprofessor, schreibt über die zerstörte Landschaft: „[…] niemand, der sie kannte, kann nicht ihren Verlust beklagen, wie den eines Lichts, das über der Welt erloschen ist“.[4]

Um zur Stadtkultur und ihren Mythen zurückzukehren: Von den ursprünglichen muslimischen Bauwerken blieb kaum etwas erhalten, aber in den Namen von Straßen und Stadtvierteln lebt das Arabische ebenso weiter wie in den köstlichen Süßwaren. So stammen die berühmten sizilianischen Cannoli und die Cassata wohl aus der arabischen Küche. Ansonsten hat sich die mittelalterliche „Kulturverschmelzung“[5] auf Sizilien eher in den Bauten der arabisch-normannischen Kunst konserviert. Unter den normannischen Herrschern gelang christlichen und muslimischen Künstlern eine einzigartige künstlerische Synthese, die in architektonischen Werken von Weltrang bezeugt ist.

San Giovanni degli Eremiti, ein Zeugnis arabisch-normannischer Kunst – Urheber: Effervescing Elephant

San Giovanni degli Eremiti, ein Zeugnis arabisch-normannischer Kunst – Abb. 3

Auch die Herrschaft des Stauferkaisers Friedrich II. wird oft als ein politischer und multikultureller Höhepunkt gefeiert – die moderne Geschichtsschreibung hat dieses sympathische Klischee allerdings relativiert, da Sizilien unter der Herrschaft Friedrichs nicht mehr den Glanz der Normannenzeit erreichte.

Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, Cosa nostra und Antimafia

Zu den fest mit Sizilien und ganz besonders mit Palermo verbundenen Mythen und Narrativen gehört die Cosa nostra. Palermo war der Schauplatz der beiden sogenannten Großen Mafiakriege 1962-63/1969 und 1981-1983; letzter führte zur Vorherrschaft der Clans aus Corleone und zu einer straffen Organisation der Cosa nostra unter einem Boss. Im Verlauf dieses zweiten Krieges, der auch als mattanza bekannt ist – darunter versteht man eigentlich eine bestimmte Art des Thunfischfangs – wurde der General Carlo Alberto Dalla Chiesa, der bis dahin gegen die Brigate Rosse im Einsatz war, nach Palermo berufen, aber schon nach wenigen Monaten ermordet. Mit der Mafia, aber eben auch mit dem Kampf gegen sie, verbindet sich in der Erinnerung der sogenannte Maxi-Prozess, in dessen Verlauf in den Jahren 1986 und 1987 mehrere hundert Personen verurteilt wurden. Maßgeblich verantwortlich für diesen Erfolg gegen die Mafia war Giovanni Falcone, der im Jahr 1992 selbst zu ihrem Opfer wurde; ebenso erging es seinem engen Mitarbeiter Paolo Borsellino. Die Attentate auf diese beiden Männer haben sich tief in das Gedächtnis der Stadt eingegraben und werden wohl auf lange Zeit mit dem Namen Palermos verbunden bleiben: Am 23. Mai 1992 explodierte auf der Autobahn bei Capaci in der Nähe von Palermo eine halbe Tonne TNT und riss neben Giovanni Falcone auch dessen Ehefrau und Begleiter in den Tod. Heute erinnert ein Denkmahl an den Helden. Kaum zwei Monate später, am 19. Juli 1992, explodierte in der Via Mariano D’Amelio ein Fiat 127 und tötete Paolo Borsellino, den engsten Mitarbeiter Falcones.

Gedenken an Giovanni Falcone und Paolo Borsellino – Urheber: unbekannt

Gedenken an Giovanni Falcone und Paolo Borsellino – Abb. 4

Diese Attentate zwangen den italienischen Staat, entschiedener gegen die Organisation zu kämpfen. Die sizilianische Mafia gehört zum euro-mediterranen Erinnerungsraum, da sie eine schier unendliche Fülle an literarischen, filmischen und sonstigen Dokumenten und Imaginationen frei gesetzt hat.


[1] Tomasi di Lampedusa, Giuseppe: Il gattopardo. Edizione conforme al manoscritto del 1957. Milano: Feltrinelli, 1974, p. 33: „Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi.“ Eine deutsche Übersetzung liegt unter dem Titel vor: Der Gattopardo. Roman. Übersetzt aus dem Italienischen von Giò Waeckerlin Induni. München: Piper Verlag, 2004.
[2] Auch in Giovanni Vergas Roman I Malavoglia und in seinen ländlichen Novellen wird ein Bild Siziliens als überrollter Region gezeichnet, während die sizilianische Bevölkerung der Geschichte passiv ausgeliefert ist. Auch für Vitaliano Brancati besitzen seine Landsleute eine große Passivität, vgl. hierzu: Spera, Francesco: Brancati e la ‚natura siciliana’, in: Amministrazione provinciale Siracusa (ed.): Scrivere la Sicilia. Vittorini e oltre. Atti del convegno di studi, Syrakus: Ediprint, 1985, pp. 35-42.
[3] Vgl. zur geschätzten Einwohnerzahl: Arabisch-normannische Kunst. Siziliens Kultur im Mittelalter. Internationaler Ausstellungsstraßen-Zyklus Museum ohne Grenzen. Islamische Kunst im Mittelmeerraum. Tübingen/Berlin: Wasmuth, 2004, S. 95. Zu den Reiseberichten muslimischer Reisender s. De Simone, Adalgisa: Palermo nei geografi e viaggiatori arabi del Medioevo, in: Studi maghrebini No. 2, 1968, pp. 129-189. Zur muslimischen Stadtentwicklung vgl. De Seta, Cesare & Di Mauro, Leonardo: Palermo. Roma/Bari: Laterza, 1980 (Le città nella storia d’Italia), pp. 19-31.
[4] „[…] nessuno che lo abbia conosciuto può non sentire il rimpianto, come di una luce che si sia spenta sul mondo“. Assunto, Rosario: Il paesaggio e l’estetica, vol. II, Neapel: Giannini, 1973, Anm. p. 122. Dieses Zitat wird häufig von Autoren verwendet, die das Verschwinden der Landschaft beklagen, etwa von De Seta & Di Mauro: Palermo, p. 1, Anm. 5, oder von Consolo, Vincenzo: Sicilia presente e memoria, in: Budor, Dominique & De Paulis-Dalembert, Maria Pia (eds.): Sicile(s) d’aujourd’hui. Paris: Presses Sorbonne nouvelle, 2011, pp. 23-31, hier p. 29.
[5] So Kienitz, Friedrich-Karl: Das Mittelmeer. Schauplatz der Weltgeschichte von den frühen Hochkulturen bis ins 20. Jahrhundert. München: C.H. Beck, 1976, p. 179.
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