Marsala

Marsala (Italien) – Zwischen Europa und Nordafrika

(Rubina ZERN)

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Die „Lüfte von Karthago“ und die Helden des Nordens

Karthago, Rom, Byzanz

Im 8. Jahrhundert v. Chr. gründeten phönizische Händler die Stadt Mozia auf der Marsala vorgelagerten Insel San Pantaleo, die ca. 11 km nördlich vor der heutigen Stadt liegt. Nachdem der Tyrann Dionysios I. von Syrakus Mozia um 397 v. Chr. zerstören ließ, flüchteten die Bewohner auf das Festland und gründeten dort die Festung Lilibeo, unter den Römern dann Lilybaeum genannt, in der man sich mithilfe von massiven, nach außen hin abgeschotteten Mauern besser gegen Angreifer verteidigen konnte als auf der Insel.[14] Über den Ursprung des Namens gibt es mehrere Theorien: Eine besagt, dass die Einwohner der Stadt schon seit jeher heterogene Wurzeln hatten, etwa karthagische, sikanische oder elymische, was sich in dem damaligen Namen der Stadt, Lilibeo – „Ort der Stotterer“ – niedergeschlagen haben soll.[15] Andere Versionen gehen davon aus, dass Lilibeo für „die Stadt, die nach Libyen blickt“ steht, wobei der Begriff Libyen zur damaligen Zeit die ganze nordafrikanische Küste mit einschloss.

241 v. Chr. schließlich von den Römern erobert, hieß die Stadt nun Lilybaeum und spielte eine wichtige Rolle als Verbindungshafen zum nahen Nordafrika. Lilybaeum wurde zu einem lebhaften Handelszentrum und stieg zu einer der wichtigsten sizilianischen Provinzen auf. Infolge des Durchzugs der Vandalen wurde Lilybaeum im 5. Jahrhundert n. Chr. stark verwüstet und von den Ostgoten erobert, bevor die Stadt schließlich, wie ganz Sizilien, unter byzantinische Herrschaft gelangte. Lilybaeum wurde ein wichtiger Sitz des orthodoxen Bischofs, büßte jedoch nach und nach seine ursprüngliche Bedeutung ein und Byzanz zeigte immer weniger Interesse an der Stadt.

Araber und Normannen

Der Siegeszug der Araber im Mittelmeer war indes in den folgenden Jahrhunderten nicht mehr aufzuhalten. Um 700 nahmen zunächst nordafrikanische Araber die Insel Pantelleria ein und unternahmen immer wieder Raubzüge nach Sizilien. Aufgrund innerer Streitigkeiten unter den einzelnen Richtungen des Islams, aber auch, weil Byzanz seinen letzten westlichen Vorposten im Mittelmeer nicht kampflos aufgeben wollte, gelang den Arabern eine Einnahme der Festung jedoch erst um 827, bei der sie ihren heutigen Namen erhielt – Marsa-Allah – der Hafen Allahs. Diese Eroberung stellte nicht nur in strategischer Hinsicht einen Wendepunkt in der Geschichte dar, sondern auch in religiöser: Denn Marsala war – aus heutiger Perspektive – die erste Stadt Italiens, die nun unter muslimischer Herrschaft stand und an ihr entzündete sich ebenso die ideologische Frage der verschiedenen Konfessionen und Einflusssphären in Sizilien: Gemeinsam mit Griechenland und Syrien, die ebenfalls orthodoxe Patriarchate in muslimisch eroberten Gebieten waren, gewann die Insel nunmehr als eine wichtige Bastion orthodoxen Christentums an Bedeutung.

Um 1060 eroberten schließlich die Normannen die Insel und holten Sizilien damit in die europäische Einflusssphäre zurück.[16] Die Normannen auf Sizilien stellten zwar die Oberschicht, griffen aber vor allem zu Beginn ihrer Herrschaft auf bewährte Regierungsstrukturen und architektonisches Wissen der Araber zurück, was eine Kooperation mit ihnen erforderlich machte. Architektonische Aufträge wurden daher vor allem von arabischen sowie griechisch-byzantinischen Künstlern, Handwerkern und Architekten ausgeführt; die bauwerklichen Resultate, welche die Mischkultur des sizilianischen Mittelalters gut widerspiegeln, kann man heute vor allem in Palermo bewundern. Der berühmte muslimische Geograf und Kartograf Ibn Al-Idrisi (1099 bzw. 1100-1166), der 18 Jahre lang am Hof von König Roger II. lebte, schwärmte in seinem Kompendium Nuzhat al-Mushtak fi-ichtiraq al-afaq[17] von Marsala: Die Stadt sei eine der „ruhmreichsten Städte Siziliens. In der Vergangenheit zerstört und der Vergessenheit anheim gefallen, baute König Roger I. sie wieder auf und umgab sie einer Mauer und seitdem wurde die Stadt neu besiedelt und hatte die schönsten Märkte und Läden.“[18]

Die arabische Sprache ist ebenfalls in manchen Elementen des Sizilianischen heute noch auffindbar; auch in vielen sizilianischen Ortsnamen ist das Arabische erhalten geblieben, was neben Marsala u.a. auch in Namen wie Caltagirone (aus dem Arabischen Qalat-al-Ghiran, übersetzt „Burg über den Höhlen“) und Castrogiovanni (aus dem Arabischen Kasryanni, heute Enna) noch zu erkennen ist.

Staufer, Spanier und Garibaldiner

Nach dem Zerfall des Normannenreiches geriet Marsala, wie die ganze Insel, unter die Herrschaft des Staufers Heinrich VI., der Sizilien mit harter Hand regierte. Ihn löste schließlich Friedrich II, stupor mundi, ab, der wohl berühmteste Kaiser des Mittelalters, der die Kunst und Kultur Siziliens förderte. Allerdings war er in religiösen Dingen nicht so tolerant, wie gemeinhin behauptet wird: Große Teile der muslimischen Minderheit wurden während seiner Herrschaft in eine festländische Kolonie bei Lucera umgesiedelt – dies fügte der insularen Gesellschaftsstruktur großen Schaden zu. Als Sizilien und damit auch Marsala schließlich an das spanische Haus Aragon fiel, hatte die Phase des Niedergangs bereits eingesetzt, bürgerkriegsähnliche Zustände waren ausgebrochen. Sizilien wurde eine Provinz des spanischen Reiches.

Mitte des 16. Jahrhunderts, als sich die regierenden Spanier unter Karl V. nicht mehr anders gegen die Angriffe algerischer Piraten zu helfen wussten, wurde der Hafen von Marsala schließlich zugeschüttet. Erst infolge britischer Ansiedlungen Ende des 18. Jahrhunderts wurde er wieder neu eröffnet, so dass Garibaldi am 11. Mai 1860 mit seinem „Zug der Tausend“ (spedizione dei Mille) in Marsala landen konnte und Sizilien damit in die moderne Geschichte eintrat. Die Legende besagt, dass Garibaldi von Einheimischen den Hinweis erhalten habe, in Marsala seien keine Truppen stationiert. [19] Tatsächlich aber hatte der bourbonische König beider Sizilien Schiffe dorthin gesandt. Warum also verteidigten diese den Hafen nicht? Womöglich hatten die bourbonischen Truppen wegen der im Hafen liegenden englischen Schiffe mit Marsala-Wein an Bord den Befehl erhalten, nicht auf die garibaldinischen „Tausend“ zu feuern – somit wurde Marsala ohne einen einzigen Schuss eingenommen.

Bis heute ist der 11. Mai für Marsala jedoch ein Datum, das auch bittere Erinnerungen weckt: Denn nicht nur die Einschiffung Garibaldis im Jahre 1860 fand an diesem Datum statt, sondern auch, am 11. Mai 1943, das Bombardement durch die Engländer im Zweiten Weltkrieg, das viele Opfer forderte und einen Großteil des barocken Altstadtkerns von Marsala zerstörte.


[14] Daniela Schetar/Friedrich Köthe: Sizilien, Egadische, Pelagische und Liparische Inseln. Bielefeld 2010, p. 386.
[15] Brigit Carnabuci: Sizilien. Griechische Tempel, römische Villen, normannische Dome und barocke Tempel im Zentrum des Mittelmeeres. Hamburg 2011, S. 230.
[16] Finley/Mack Smith/ Duggan, S. 94.
[17] Luigi Santagati: La Sicilia di al-Idrisi ne ‘Il libro di Ruggero’. Caltanissetta 2011.
[18] Ibn Al-Idrisi: L’Italia descritta nel ‘Libro del re Ruggero’, hrsg. v. Michele Amari. Rom 1883, S. 38. [Übersetzung d. A.]
[19] Thomas Dittelbach: Geschichte Siziliens. Von der Antike bis heute. München 2010, p. 87.
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