Marsala

Marsala (Italien) – Zwischen Europa und Nordafrika

(Rubina ZERN)

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Süd und Nord: Sizilianischer Wein und britische Tradition

Der Name Marsala wird häufig mit dem süßen Dessertwein in Verbindung gebracht, der hier einst in unzähligen Varianten produziert wurde. Noch heute kann man bei einem Bummel in der Stadt den Wein in verschiedenen Versionen kosten. Dieser Umstand ist geschäftstüchtigen britischen Händlern zu verdanken, die Marsala Ende des 18. Jahrhunderts zu ihrer bevorzugten Stätte der Süßweinherstellung machten – denn aufgrund der Napoleonischen Kriege konnten die Briten ihren hoch geschätzten Sherry nicht mehr aus Spanien beziehen und auch der Portwein aus Portugal war nicht lieferbar.[7] Davon profitierte zunächst der sizilianische Weinhandel: Um 1773 kam der britische Händler John Woodhouse eher versehentlich nach Marsala, eigentlich, um Gemüsedünger zu exportieren, doch als er feststellte, dass in Sizilien Wein angebaut wurde, öffnete er 1793 in Marsala die erste Weinfabrik und produzierte durch die Beimengung von reinem Alkohol – um den Wein länger haltbar zu machen – ein dem Portwein nicht unähnliches Getränk: Der Marsala war geboren. Während der Stationierung britischer Truppen auf Sizilien folgte bald sein Landsmann Benjamin Ingham, der seine Fabrik 1806 in Marsala eröffnete; als sich ihm seine Neffen anschlossen, hieß das Unternehmen schließlich „Ingham & Whitaker“. Die Familie wurde mit der Marsala-Produktion überaus reich. 1814 existierten bereits vier Marsala-Fabriken in der Stadt; sowohl Woodhouse als auch Ingham und Florio belieferten Admiral Nelson mit dem Dessertwein. Dieser soll sich nach dem britischen Sieg bei Trafalgar bei den britischen Fabrikanten persönlich für das „mutfördernde“ Getränk bedankt haben[8] – Woodhouse benannte daraufhin eine Sorte „Marsala Victory Wine“.

Auch der aus Kalabrien stammende Unternehmer Vincenzo Florio, nebenbei Aktionär einer britischen Schiffahrtsgesellschaft (die heute noch seinen Namen trägt), war auf dem Gebiet der Marsalawein-Produktion sehr erfolgreich.[9] Die Firma Florio kaufte schließlich Woodhouse, Ingham und Whitaker auf und war noch bis Ende der 1970er-Jahre das größte Wirtschaftsunternehmen Marsalas[10]; auch heutzutage spielt sie eine große Rolle.

Die Allgegenwart des Marsala-Weins kam auch in Reiseberichten zu Sprache und wurde wohl beizeiten etwas ausgeschmückt: So schrieb etwa der deutsche Altertumsforscher August Wilhelm Kephalides etwas konsterniert, statt Wasser werde in Sizilien oft den ganzen Tag Marsala getrunken.
Allerdings ist der Marsala-Wein von Beginn an für den Export nach Großbritannien produziert worden und nicht unbedingt als typisch einheimisches Getränk anzusehen; somit sprach Kephalides wohl eher von Touristen denn von Einheimischen. Nicht nur die Geschichte der Marsala-Produktion, auch das Andenken an den italienischen Nationalhelden Giuseppe Garibaldi, der in Marsala am 11. Mai 1861 an Land ging, um Sizilien einzunehmen und die Insel an Italien anzuschließen, wird in Marsala besonders gepflegt; die Stadt nennt sich auch città garibaldina.

Auch Garibaldi soll dem marsalesischen Süßwein nicht abgeneigt gewesen sein und war Namensgeber der Sorte „Eroe“ („Held“), den die Firma Florio produzierte. Firmeninhaber Vincenzo Florio ließ sogar eigens für Garibaldi einen Gedenkplatz einrichten (auf dem sich später freilich auch Mussolini verewigte).[12] Dass auch Garibaldis enge Freundin und Unterstützerin, die Gräfin Marie Espérance von Schwartz, deutsch-britischer Herkunft war, ist sicherlich kein Zufall: In der britischen Community Roms, aber auch in den Londoner Salons war Garibaldi ein gern gesehener Gast und hatte zahlreiche Bewunderer(innen).

Der nicht unerhebliche britische Einfluss auf Marsala ist auch heutzutage teilweise noch zu erkennen, etwa in der Chiesa Madre di Marsala, der Hauptkirche Marsalas, die einem Briten, St. Thomas Becket von Canterbury, geweiht ist.[13]


[7] Moses I. Finley/Denis Mack Smith/Christopher Duggan: Geschichte Siziliens und der Sizilianer. 3. Aufl. München 2006, p. 262.
[8] Kammerer/Krippendorff,1979, p. 184.
[9] Finley/Mack Smith/Duggan, p. 259.
[10] Kammerer/Krippendorff, 1979, p. 183.
[11] August Wilhelm Kephalides: Reise durch Italien und Sicilien. 2 Bde, Leipzig 1818, Bd. 1, S. 264.
[12] Kammerer/ Krippendorff, 1979,p. 183.
[13] Finley/Mack Smith/ Duggan, p. 263.
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