Amalfi

Euromediterranes Amalfi (Italien)

(Dr. Dieter RICHTER)

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Vom Seehandelsplatz zum Fischerort. Die Neuzeit

Von der Prosperität Amalfis ist auch in einigen frühen Reiseberichten fremder Besucher die Rede. Der vermutlich älteste stammt von dem arabischen Geographen Ibn Hawqal, der das Mittelmeer zwischen 943 und 969 bereiste und in seinem Bericht von 977 auch Amalfi erwähnt: „die prosperierendste Stadt der langobardischen Territorien, die edelste, die wegen ihrer Verhältnisse berühmteste, die wohlhabendste und prächtigste“. Und er fährt fort: „Das Territorium von Amalfi grenzt an jenes von Neapel, welches eine schöne Stadt ist, jedoch weniger bedeutend als Amalfi“. (Text nach der italienischen Übersetzung von M. Amari, 1880).

Auch der jüdische Gelehrte Benjamin von Tudela aus Spanien, der sich vor allem für den Zustand der jüdischen Gemeinden im Mittelmeerraum interessiert, kommt während seiner Reise 1160/67 nach Amalfi. Er erreicht die Stadt von Salerno aus und schreibt:

„Von dort [Salerno] ist es eine halbe Tagereise bis Amalfi. Dort leben etwa zwanzig Juden, darunter der Arzt Rabbi Chanan´el, Rabbi Elischa´ und Abu l´-Gir ha-Nadiv [der Wohltäter]. Die nichtjüdischen Bewohner dieser Gegend sind Kaufleute, die mit ihren Waren umherziehen. Sie säen nicht und ernten nicht, weil sie auf hohen Bergen und felsigen Hügeln wohnen, sondern kaufen alles für Geld. Dennoch besitzen sie viel Obst, denn die Umgebung ist ein Land von Weinbergen und Ölbäumen, von Gärten und Obstgärten. Niemand aber vermag es, gegen die Leute dort Krieg zu führen“

(Text nach der deutschen Übersetzung von S.Schreiner, 1991).

Der kurze Bericht bringt treffend die geologische Besonderheit der Küstenregion („hohe Berge, felsige Hügel“) mit der monetären Wirtschaftsweise ihrer Bewohner in Verbindung, hebt zugleich den gartenähnlichen Charakter der Landschaft hervor, der durch die Terrassierung des Geländes entstanden war.

Eben diese, die schöne, die liebliche Landschaft ist es dann, die Giovanni Boccaccio zweihundert Jahre später fasziniert. In seinem Decameron (II,4) erzählt er von den Abenteuern des Ravelleser Kaufmanns Landolfo Rufolo, der es mit einer Mischung aus geschicktem Kaufhandel und frecher Piraterie zu großem Reichtum bringt. Auch Boccaccio kannte die Costa d´Amalfi wohl persönlich, er war in den Jahren 1327 bis 1340 Lehrling in einem Bankhaus in Neapel gewesen:

„Man hält das Gestade zwischen Reggio und Gaeta fast für den schönsten Teil Italiens; dort gibt es ganz in der Nähe von Salerno eine hoch über dem Meer gelegene Küste, von den Einwohnern die Küste von Amalfi genannt, übersät mit kleinen Städten, Gärten und Brunnen, bewohnt von reichen und durch den Handel zu Wohlstand gekommenen Menschen.“

Noch rühmt der Autor also auch die wirtschaftliche Prosperität der Region, hebt dabei besonders die Stadt Ravello hervor, die „noch heute reiche Einwohner“ habe; er schreibt allerdings in einer Zeit, in welcher der Stern Amalfis als wirtschaftliches Handelszentrum bereits zu sinken beginnt. Im späten Mittelalter verlagern sich die wirtschaftlichen und kulturellen Bewegungen der Méditerranée mehr und mehr in den Norden, die Städte der Lombardei und der Toskana geben jetzt den Ton an, das südliche Amalfi verliert, anders als Venedig oder Genua, an Bedeutung als Seehandelsplatz. Über Jahrhunderte hinweg spielt jetzt die Stadt keine geschichtliche Rolle mehr, macht nur noch einmal von sich reden, als 1647 der aus einer amalfitanischen Familie stammende Fischer Tommaso Aniello (Masaniello) in Neapel einen Volksaufstand anzettelt und damit in ganz Europa für Aufsehen sorgt. Als der deutsche Reisende Adam Ebert aus Frankfurt an der Oder auf seiner Grand Tour 1680 nach Amalfi kommt, notiert er in seinem Reisebericht von 1724: „Amalfi ist heut zu Tage ein schlechter Ort, bergicht, zerfallen und elende, am ansehnlichsten im neuesten Fato, weil Thomas Agnello […] hier gewohnet“.

Bis ins 19.Jahrhundert wird sich wenig daran ändern. Die Bewohner der Amalfiküste leben in dieser Zeit vom Fischfang, vom textilen Hausgewerbe, von Kleinmanufakturen (Papiermühlen, Eisenhammer, Pastaproduktion) und vom Agrumenanbau (Zitronen, Orangen). Zahlreiche Bewohner suchen ihr Glück in der Emigration. In den 1820er Jahren entdecken dann Maler, Schriftsteller und Intellektuelle das ‚romantische‘ Amalfi; in der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts, der Epoche des ‚Orientalismus‘, wird das ‚maurische‘ Ravello  interessant, zwischen den beiden Weltkriegen das halbentvölkerte Positano mit seinen ‚kubistischen‘ Architekturformen. Damit beginnt, eingeleitet von Künstlern und bildungsbürgerlichen Reisenden, eine Entwicklung, die nach dem Zweiten Weltkrieg auch die weniger bekannten Küstenorte erfasst und bis heute anhält: die Eroberung und Verwandlung der Costiera Amalfitana durch den internationalen Tourismus.

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