Amalfi

Euromediterranes Amalfi (Italien)

(Dr. Dieter RICHTER)

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Brücke zur islamischen Welt

Amalfi, 596 urkundlich erstmals erwähnt, entwickelt sich zwischen dem 9. und dem 12. Jahrhundert zu einer der führenden mediterranen Seehandelsmächte. In dieser Zeit weitgehend politisch autonom, figuriert sie als Repubblica marinara amalfitana, die „Seerepublik von Amalfi“, in Wahrheit eine Art von Stadt- oder besser Städtestaat mit einem Dux („Dogen“) an der Spitze. Später verliert Amalfi zwar seine politische Selbständigkeit, wird 1135 von der pisanischen Flotte erobert und kommt mehr und mehr unter normannischen Einfluss, amalfitanische Schiffe bleiben dennoch bis ins späte Mittelalter auf den Handelsrouten des Mittelmeers präsent.

In Konkurrenz mit anderen ‚Seerepubliken‘, vor allem Venedig, vermittelt Amalfi in dieser Zeit den Handel mit der arabischen Welt, wird auf diese Weise zu einer der wichtigsten ‚Brücken‘ zwischen Okzident und Orient. Zu den Importwaren, die auf amalfitanischen Schiffen in den lateinischen Westen kamen, gehörten vor allem Luxusgüter wie Pfeffer, Zimt, Muskat und andere Gewürze, Zucker (arab. sukr), Gold, Elfenbein und Perlen. Umgekehrt wurden Bauholz, kalabrische Seide und Leinen in den Orient und nach Nordafrika verschifft. Auch an der Abwicklung des florierenden ‚Passagierverkehrs‘ europäischer Pilger zu den heiligen Stätten in Palästina war Amalfi beteiligt. Dass dabei für die amalfitanischen Händler manchmal wirtschaftspolitische Netzwerke wichtiger sein konnten als Differenzen der Welt- und Gottesanschauung zeigt ein Konflikt des Jahres 879: In einem Vertrag mit Papst Johannes VIII. hatten sich die Amalfitaner verpflichtet, mit ihrer Flotte die Küsten des Kirchenstaats gegen Angriffe der Sarazenen zu verteidigen; sie brachen jedoch die Abmachung, paktierten offen mit den „Feinden des Glaubens“ und wurden daraufhin vom Papst mit Kirchenbann und Exkommunikation belegt.

Landkarte aus Keramik an der Porta Marina in Amalfi (1950), Erinnerung an die große euromediterrane Vergangenheit der Stadt und ihre Aktivitäten vor allem im östlichen Mittelmeerraum. Dazu (oben rechts) einige Verse aus einem Gedicht von Gabriele d´Annunzio (1912): Ma quei d’Amalfi a più lontana patria n´andavano/ ché già s’ avean contrada e forno e bagno e fondaco e fontana per tutto… Eine eher christliche Interpretation der amalfitanischen Geschichte will allerdings der Spruch in der Mitte suggerieren: Contra hostes fidei semper pugnavit Amalphis. Erinnerungen sind ambivalent. – Foto: Dieter Richter

Landkarte aus Keramik an der Porta Marina in Amalfi (1950), Erinnerung an die große euromediterrane Vergangenheit der Stadt und ihre Aktivitäten vor allem im östlichen Mittelmeerraum. Dazu (oben rechts) einige Verse aus einem Gedicht von Gabriele d´Annunzio (1912): Ma quei d’Amalfi a più lontana patria n´andavano/ ché già s’ avean contrada e forno e bagno e fondaco e fontana per tutto… Eine eher christliche Interpretation der amalfitanischen Geschichte will allerdings der Spruch in der Mitte suggerieren: Contra hostes fidei semper pugnavit Amalphis. Erinnerungen sind ambivalent. – Foto: Dieter Richter

Es ist die Zeit, in der das Abendland einen einzigartigen wirtschaftlichen, technologischen und geistigen ‚Modernisierungsschub‘ durch die Begegnung mit der hochentwickelten islamischen Zivilisation erfährt, die auch in Fragen der religiösen Toleranz den Ideen und Praktiken des Christentums oft weit überlegen war. Süditalien wird dabei neben Spanien zur wichtigsten ‚Brückenregion‘. Vermittelt über die Araber kommen Luxusgüter, die Kultur der Gärten und der Bäder, die Majolika (aus dem arabischen Mallorca), die Techniken des verbesserten Mühlenwesens und des Anbaus der Zitronen und Orangen in den Westen. Muslimische Autoren vermitteln außerdem neue Kenntnisse der Mathematik, der Naturwissenschaften und der Medizin – es ist kein Zufall, dass in Salerno, am östlichen Ende der Amalfiküste gelegen, im 11.Jahrhundert die erste europäische Medizinschule, die Schola Medica Salernitana entsteht. Im salernitanischen Regimen sanitatis (12.Jh.), das die Schriften des Ibn Sina (Avicenna) rezipiert, findet sich eine der frühesten Erwähnungen des Kaffee (arab.qahwa) in der westlichen Literatur. Die Schola Medica Salernitana hat sogar in der mittelhochdeutschen Literatur ihre Spuren hinterlassen: In Hartmanns von Aue Verserzählung ‚Der arme Heinrich“ (um 1190) reist der vom Aussatz befallene Held auf der Suche nach den besten Ärzten nach Sâlurne, um sich dort kurieren zu lassen. Der Rat, den er dort bekommt – nur durch das Schlachten einer Jungfrau sei er zu heilen – verrät allerdings eher nördliche Vorurteile gegenüber der fortschrittlichsten zeitgenössischen Medizin.

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