Tréguier

Tréguier (Frankreich) – Ein ungewöhnliches Paar an den Côtes d‘Armor

(Dr. Mohammed M. BETTAHAR)

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Die ‚Euro-Mediterraneität‘ von Tréguier: Ernest Renan und die arabische Philosophie in Europa vom 12. bis zum 16. Jahrhundert

Renans Buch oben genanntes Buch über Averroës (Ibn Rusd) ist seine Doktorarbeit, die 1852 veröffentlich wurde. Bevor wir auf den Inhalt eingehen, erinnern wir uns kurz daran, wer Ibn Rushd war.

Averroès

Averroës lebte unter der arabisch-berberischen Dynastie der Almohaden, die den Maghreb und Andalusien zu einem Reich wiedervereinigt hatte. Richter (Qadi) in Sevilla, Córdoba oder Marrakesch, hat er fast das ganze überlieferte Werk Aristoteles kommentiert. Der Rekurs des Qadi auf Aristoteles hatte nicht nur den Zweck, seine Schüler aufzuklären und sie mit dem Denken der ‚Alten‘, wie er die Griechen der Antike nannte, bekannt zu machen. Der Zweck bestand vor allem darin, die reaktionären Thesen von El Ghazali (1058-1111) und anderer gelehrter Ulemas zu bekämpfen, die die wörtliche Auslegung des Korans durchsetzen wollten. Für Averroës gibt es keinen Widerspruch zwischen Religion und Vernunft, an Allah und zugleich an die Vernunft zu glauben, war ihm selbstverständlich. Er behauptete sogar, dass die Berufung auf das „besondere Gesetz“ der Philosophen (die Vernunft) im „allgemeinen und gemeinsamen Recht“ (dem Gesetz der Religion) enthalten ist.
Im Koran findet er die dem vorbildlichen Menschen auferlegte Verpflichtung zu philosophieren, um das Gesetz der Religion zu bestätigen. Dem Islam einfach ohne Vernunft zu folgen, hat nach Averroës keine Relevanz und keine Richtigkeit.

Paradoxerweise wurden diese in Arabisch geschriebenen Kommentare, die Anfang des 13. Jahrhunderts in Lateinische übersetzt wurden, von den Glaubensgenossen des Philosophen bekämpft, beherrschten aber die Universitäten in Europa, insbesondere Padua, bis ins 16. Jahrhundert. Das hat Renan in seiner Dissertation aufgezeigt. Im 13. Jahrhundert werden die Grundlagen des Glaubens durch heterodoxe Tendenzen allmählich erschüttert. Arabische Philosophie hat diese Strömungen hervorgerufen oder zumindest beeinflusst, ja sie waren sogar fest mit dieser verbunden. So hat also Averroës, an der Seite von Aristoteles, den philosophischen Rationalismus im christlichen Westen verkörpert. Der Umgang mit solcher Rationalität hat Polemiken innerhalb und außerhalb der Universitäten hervorgerufen, die wohlbekannt sind. Diese Auseinandersetzungen haben sich umgekehrt auch wieder auf die Wahrnehmung des Werks von Averroës ausgewirkt. Dieses Werk hat enthusiastische Anhänger, aber auch grimmige Gegner gehabt. Letztere wurden von der institutionalisierten Kirche kräftig unterstützt. Die Schlacht endete mit einem halben Sieg der Kirche, nämlich dem fast völligen Verschwinden der arabischen Philosophie aus dem europäischen Denken, wobei aber Europa mit der Renaissance gleichzeitig in die Neuzeit eintrat. Wir wollen nun diese Schlacht, die höchste Bedeutung gehabt hat, durch einige herausragende Tatsachen und charakteristische Persönlichkeiten veranschaulichen.

Die Averroisten in Europa

Wenn in Frankreich die Averroisten des 13. Jahrhunderts ihre Auffassungen nur indirekt bekannt machten, so haben dies die des 14. Jahrhunderts ganz offen getan, indem sie die ‚Kommentare‘ des Averroës als Unterrichtstexte beim Studium von Abhandlungen des Aristoteles benutzten! Die Sorbonne war im 13. Und 14. Jahrhundert, trotz kirchlicher Unterlassungsanordungen eine Bastion des Averroismus. Aus Dankbarkeit für die Lehren, die er von Averroës erhalten hatte, platziert Dante diesen in seiner Divina Comedia im Paradies an die Seite des Heiligen Thomas von Aquin. Auf dem Fresco ‚Die Schule von Athen‘ hat Raffael die Figur Averroës‘ bei den griechischen Philosophen der Antike abgebildet. Roger Bacon, der Doctor mirabilis des Mittelalters, fühlte sich Avicenna, Averroës und den arabischen Naturwissenschaften zu tiefstem Dank verpflichtet. Die franziskanische Theologie, die der römischen Hierarchie feindlich gegenüberstand, war vom Averroismus durchdrungen. Ihr Gründer, Alexander von Hales (1185-1245), ist einer der ersten Scholastiker gewesen, der den Einfluss der arabischen Philosophie akzeptiert, ja für ihn geworben hat. Sein Nachfolger, Jean de la Rochelle, ist ihm auch darin gefolgt. Der Karmeliter Johannes Baconthorp (gest. 1346) machte aus dem Averroismus eine Tradition der karmelitischen Theologie. Seine Lehre wurde auch in der averroistischen Denkschule von Padua aufgenommen! Im ausgehenden 13. Jahrhundert regte ein gebildeter Herrscher wie König Friedrich II. von Aragón-Sizilien – auch er wurde Friedrich der Weise genannt – die wissenschaftliche Suche nach arabischen und griechischen Texten an, die in Europa verloren waren, und trug so zum Aufschwung der Wissenschaften auf dem Kontinent bei. Ende des 15. Jahrhunderts regelte König Ludwig XI. den Unterricht in Philosophie, wobei er die Lehren von Aristoteles und seiner Kommentators Averroës empfahl, die, wie er anerkannte, seit langem „heilig und gesichert“ waren.

Die anti-averroistische Offensive

Die Gegnerschaft der Kirche gegen die arabische Philosophie ist sehr bald und mit verbissener Heftigkeit öffentlich geworden. Guillaume d’Auvergne, Bischof von Paris, hat die averroistische Lehre an der Sorbonne einer Zensur unterworfen, ohne die Averroisten aber entmutigen zu können. 1277 ordnete Papst Johann XXI in einer Bulle an, die Anhänger arabischer Philosophie aufzuspüren und zu bestrafen. Ramon Llull (Raimundus Lullus), der für die Bekehrung der Muslime durch einen neuen Kreuzzug warb – und den man trotzdem den ‚Christlichen Araber‘ nannte – verlangte 1311 vom Konzil von Vienne das ausnahmslose Verbot der Werke des Kommentators an den Schulen und das für alle Christen gültige Verbot diese zu lesen, wie auch andere Dispositive der gewaltsamer Unterdrückung! Gleichwohl ist der Dominikaner Thomas von Aquin der ernsteste Gegner des Großen Kommentators. Seine Kritik betrifft die philosophischen Grundlagen: Materie, Seele, Vorsehung, Schöpfung. Seine theologischen Schlussfolgerungen sind kategorisch: Averroës ist der Schöpfer einer Doktrin, die der Verdammung anheimfallen muss.

Abb. 8: Der Heilige Thomas von Aquin überführt Averroës (Giovanni di Paolo, 15. Jahrhundert)

Abb. 8: Der Heilige Thomas von Aquin überführt Averroës (Giovanni di Paolo, 15. Jahrhundert)

Dennoch erkennt Thomas in Averroës den großen Interpreten des Aristoteles, der wie ein Meister anerkannt und respektiert werden muss, sogar als ein weiser Heide, der kein Gotteslästerer, sondern jedes Mitgefühls würdig ist. Diese Auffassung war allerdings weit davon entfernt, von der Schule der Dominikaner geteilt zu werden. Diese war die scharfe Lanzenspitze der Gegnerschaft gegen Averroës, den sie mit robustem Hass verfolgt. Sie schaffte die Legende von Averroës als Materialisten, Ungläubigen, Heuchler und Apostaten. Sie behauptete sogar, er sei der Autor der Schrift von den ‚Drei Heuchlern‘, eines anti-religiösen Pamphlets, das bis ins 18. Jahrhundert hinein in ganz Europa zirkulierte. Ägidius von Rom (1247-1316), später Augustiner, hat zu dieser Verleumdung wesentlich beigetragen. Die Lehre der Dominikaner hat die intellektuelle Kultur des Zeitalters dermaßen durchdrungen, dass sogar die Kunst ihre Themen und Figuren aus ihr bezog. Ein starker Beleg hierfür ist das Gemälde von Andrea Orcagna von 1335 in Santa Croce in Florenz Averroës ist dort auf die Erde hingestreckt, im Würgegriff einer Schlange, neben dem lebendig gehäuteten Antichristen und Mohammed, der von Dämonen zerschnitten wird, die unter seinen Augen die Körperteile verschlingen.

Die Mehrdeutigkeit Renans im Umgang mit dem philosophischen Werk von Ibn Rusht

Jenseits der beträchtlichen Leistung, die er in seiner Abhandlung über Averroës unter Beweis stellt, so ist es doch die Doppeldeutigkeit, Mehrdeutigkeit seiner Vorgehensweise: Rigide wissenschaftliche Analyse der Fakten wird durch Ideologie bei der Interpretation dieser Fakten ausgebremst. Die Beschreibung der Texte ist bemerkenswert korrekt; seine Kritik verschont weder seine Verächter noch deren Schüler, weder die europäischen noch die arabischen. Mit größter Genauigkeit und erschöpfend beschreibt er die Entwicklung der arabischen Philosophie in Zeit und Raum.

Renan tadelt ohne Rücksichtnahme die Entartungen des averroistischen Denkens, insbesondere bei den Dominikanern, wie er auch sehr subtil die Entwicklung der Averroisten hin zum Antiklerikalismus – den Averroës selbst nicht wollte! – erkennbar macht. Auch vergisst er nicht die bedeutende Rolle der andalusischen Juden für das Fortschreiten der arabischen Philosophie nach und in Europa. Er widmet ihnen zwei Kapitel seiner Dissertation, wobei er insbesondere Moses Maimonides (1138-1204) bei der Verbreitung des Averroismus in der jüdischen Gemeinschaft eine bedeutende Rolle zuschreibt. Auch die Universität von Padua hat nach Renan eine bedeutende Rolle im Dispositiv des europäischen Averroismus gespielt, und dies bis ins 17., ja letztlich bis ins 19. Jahrhundert hinein. Allerdings erfolgt die Analyse Renans im Gitterwerk einer bestimmten Lektüre, des Christentums. In seiner Dissertation vertritt er durchgehend die Auffassung, Averroës sei nur ein Kommentator von Aristoteles gewesen und habe den griechischen Philosophen sogar nicht einmal besonders gut verstanden. Von ihm gäbe es also nichts zu lernen, und auch nicht von den Arabern, ja nicht einmal von dem von diesen beeinflussten europäischen Mittelalter. Ziel seiner der Dissertation war, eine Antwort auf die quälende Frage zu finden: Warum war das christliche Westeuropa vier Jahrhunderte lang averroistisch? Seine Antwort lautet, dass es bei den Europäern dieser Epoche eine Art geistiger Verwirrung gegeben habe. Das Christentum könne nicht übertroffen werden und musste geschichtlich wieder die Oberhand gewinnen. Diese Überzeugung wurde von anderen Philologen seiner Zeit geteilt. Gestützt hat sie sich auf einen seltsamen Kulturbegriff.

Ernest Renan und die Unübertrefflichkeit des Christentums

Im 19. Jahrhundert war Europa narzistisch, weil es den Planeten konkurrenzlos beherrschte und zahlreiche Gelehrte sich mit der Frage beschäftigten, was denn der Ursache dieses Erfolgs sei. Sie glaubten, die Antwort liege im ‚arischen‘ Wesen der Europäer. Diese seien zu höherer Zivilisation befähigt, im Gegensatz zu den ‚Semiten‘, die nicht im Stande seien den Fortschritt zu fördern! Das ‚schicksalhafte Paar Semit/Arier‘ ist aber, wie Maurice Olender gezeigt hat (1975), eine ad hoc-Erfindung. Eine klare Definition gibt es nicht, dafür aber eine willkürliche Festlegung der raum-zeitlichen Beziehungen zwischen Sprachen, Religionen und Ethnien. Die Frage der rätselhaften Herkunft des christlichen Europa, das unter ethno-linguistischen Aspekten ‚arisch‘ sei, unter religiösem Aspekt aber ‚semitisch‘, wurde so beantwortet, dass man befand, das Christentum sei vor allem als eine Religion der zivilisierten Völker zu verstehen, eine Religion der, im Gegensatz zu den exaltierten und entwicklungsunfähigen Semiten, hochbegabten und ideenstarken Euro-Arier. Dies führte zu erstaunlichen gedanklichen Verirrungen, für die auch Äußerungen Renans Zeugnis ablegen wie die folgende: „Die Fortsetzung des Judaismus ist nicht das Christentum, sondern der Islam“ (nach Pierre Alfaric), oder: „Islam bedeutet Verachtung von Wissenschaft…“, oder: „Die schreckliche Einfalt des semitischen Geistes…“ (Renan 1883), oder: „Der Judaismus war nur der Wildling, auf der die arische Rasse ihre Blüte gezogen hat“ (nach Henriette Psichari).

Pierre Rossi (1920-2002) kam, was die mangelnde Stichhaltigkeit des Konzepts ‚Semiten/Arier‘ betrifft, zu denselben Schlussfolgerungen wie Maurice Olender. Er schlug vor, den Begriff ‚Semit‘ ganz einfach durch den Begriff ‚Araber‘ zu ersetzen. Dies würde eher passen, weil es Völkern entspreche, die unter menschlichen, sprachlichen, kulturellen und territorialen Aspekten vergleichsweise besser definiert seien. Zur Entlastung von Renan legte er aber auf die Feststellung Wert, dass im 19. Jahrhundert noch nicht das ganze Werk von Averroës übersetzt war, insbesondere noch nicht die Texte, die sich nicht auf Aristoteles beziehen (Alain de Libera). Im Übrigen gilt, Renan war eine komplexe Persönlichkeit, deren Denken durchaus etwas fluktuierte. Auch wenn es seiner Meinung nach weder von Averroës noch von den Arabern etwas zu lernen gab, so ließ er es doch gegenüber dem Islam, den Arabern, den Juden an Respekt nicht fehlen! So zum Beispiel führte er auf einer Konferenz an der Sorbonne aus: „Diese muslimische Kultur, die jetzt so heruntergekommen ist, war früher glanzvoll;…über Jahrhunderte hinweg war sie die Lehrmeisterin des christlichen Westens… ungefähr fünf Jahrhunderte lang …war die intellektuelle Kultur der islamischen Welt der christlichen überlegen….“!. Oder wenn er gesteht: (nach Gustave Lebon): „Ich bin nie ohne starke Gefühle in eine Moschee eingetreten und, soll ich sagen, ohne ein gewisses Bedauern, dass ich nicht Moslem bin“! Übrigens hat Renan auf einer Konferenz über den Judaismus angesichts des Ansteigens der damals gewaltigen anti-semitischen Welle in Frankreich kraftvoll das jüdische Volk verteidigt, und zwar in der vorausahnenden Erkenntnis, dass die Erfindung des seltsamen Gegensatzpaars ‚Semit/Arier‘ als wissenschaftliche Rechtfertigung solchen Anti-Semitismus herhalten würde. Er erinnerte daran, dass die Juden die Erfinder des Monotheismus waren und daher den Respekt der Christen verdienen, und wies sogar darauf hin, dass die französischen Juden Abkömmlinge der …Gallier (sic!) und nicht der gottesmörderischen palästinensischen Juden seien, Gallier, die einige Jahrhundert zuvor zum Judentum übergetreten waren!

Ernest Renan und Ibn Rusht heute

Was Ernest Renan betrifft, so muss man betonen, dass die Stichhaltigkeit des Konzepts ‚Arier/Semiten‘ als Erklärung für die geglaubte Überlegenheit Europas in den kulturellen, wissenschaftlichen und pädagogischen Milieus nicht mehr angezeigt ist. Nichtsdestotrotz überlebt das Konzept in der öffentlichen Meinung, allerdings in einer abgeschwächten Form, und nur noch an den extremistischen Rändern der Gesellschaft wird es hoch gehalten. Mehr noch, den Anderen, Fremden einzubeziehen, mit ihm zu rechnen, was auch immer seine Kultur oder seine Wirtschaftsform sein mögen, ist zu einer der ideologischen Grundlagen der europäischen Eliten geworden und dringt auch immer mehr in die Breite der Gesellschaft. Leider ist das Werk von Ibn Rusht beiderseits des Mittelmeers wenig bekannt! Seine Lehre zu verbreiten, würde beträchtlich dazu beitragen, die beiden Ufer des gemeinsamen Meers geistig aneinander anzunähern. In diesem Sinne kann der euro-mediterrane Kulturdialog einen wesentlichen Beitrag zum wechselseiteigen Kennenlernen leisten…Das arabisch-berberische Paar in Tréguier ist bereits an Ort und Stelle!!!

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