Tréguier

Tréguier (Frankreich) – Ein ungewöhnliches Paar an den Côtes d‘Armor

(Dr. Mohammed M. BETTAHAR)

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Geschichte: Religion und Kontroversen

Tréguier ist das, was man in der Bretagne eine Kleinstadt mit Charakter nennt (une Petite Cité de Caractère). Es ist seit dem Mittelalter eine Hafenstadt, wo sich, bis Ende des 15. Jahrhunderts, der Getreide- und Flachshandel, aber auch der Handel mit Sand und Steinen entwickelt hat. Bis Ende des 20. Jahrhunderts hat es auch Küstenfischerei (Fische, Krustentiere, Muscheln) und Hochseefischerei (Kabeljau im Seegebiet vor Island) gegeben. Heute ist das maritime Tréguier im Wesentlichen ein lebendiger Jachthafen.

Die Geschichte von Tréguier (auf bretonisch: Landreger), das im Mittelalter noch Saint-Pabu hieß, ist die seiner Kathedrale, denn die Stadt hat sich um den von dem Heiligen Tugdual gegründeten Bischofssitz herum entwickelt. Wegen der normannischen Invasionen im 9. und 10. Jahrhundert hat es eine Unterbrechung von fast einem Jahrhundert gegeben. Und auch während der Religionskriege zwischen Katholiken und Protestanten im 16. Jahrhundert wurde die Stadt schwer heimgesucht. Im Zuge der Französischen Revolution verschwand das Bistum, was der Stadt schwer geschadet hat. Im Zeitalter der Restauration, im 19. Jahrhundert, findet Trégieur dann zu einer gewissen religiösen Bedeutung zurück. Ohne wieder zum Bistum zu werden, erlebt die Stadt doch die Gründung von geistlichen Seminaren und Kapellen und entwickelt sich zu einer bescheidenen Prosperität.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war Tréguier eines der Zentren der hitzigen, in Frankreich geführten Kontroverse über das Prinzip der Laizität. Das Gesetz von 1901 über kirchliche Orden führte zur Schließung kirchlicher Schulen. Das Gesetz von 1905 über die Trennung von Kirche und Staat provozierte Aufstände und führte zur Vertreibung von Lehrkräften kirchlicher Orden. Im Jahre 1903 erregt die bereits erwähnte Errichtung der Statue von Renan die Leidenschaften. Als Hommage an das freie Denken, an den Philosophen der Vernunft und der Wissenschaft, eingeweiht durch den Staatspräsidenten, rief sie verbale Übertreibungen und Demonstrationen hervor, bei denen sich laizistische Radikale und obskurantistische Katholiken gegenüberstanden. Im Gegenzug errichteten die Katholiken auf dem Kai von Tréguier zur Sühne einen Kalvarienberg und nannten ihn Calvaire de Réparation, ‚Klavarienberg der Widergutmachung‘. Er wurde vom Erzbischof von Rennes persönlich unter Präsenz des hohen Klerus geweiht.

Abb. 5: Tréguier. Das Ernest Renan-Denkmal

Abb. 5: Tréguier. Das Ernest Renan-Denkmal

Fig. 6: Dessin du

Fig. 6: Dessin du „Petit journal“ à propos de incidents de Tréguier en 1903.

Tréguier ist vor allem eine Stadt der Religion, nicht der Ökonomie, die ist dort wenig entwickelt. Die religiösen Bauten sind oder waren bedeutend, wurden zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert errichtet, sind aber heute meist verschwunden (Kapellen, Klöster). Nichtsdestotrotz sind in den Nachbarschaft der Kathedrale imposante Bauten erhalten geblieben wie das Hôtel-Dieu (Krankenhaus), das von den Augustinerinnen, in der Krankenpflege tätigen Nonnen, betrieben wird, oder das Kloster der Ursulinen. Im gotischen Kreuzgang der Kathedrale finden sich die Gräber mehrerer Schutzherren und Geistlicher der Bischofsstadt wie das von Jean V., Herzog der Bretagne, und das von des Heiligen Yves. Die Herzogin Anne von Bretagne, Königin von Frankreich, unternahm 1500 eine Wallfahrt zu diesem Grab. Die Feste zu Ehren des Heiligen Yves, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts begründet wurden, sind, wie angedeutet, heute noch sehr populär und ziehen Massen von Gläubigen und Ungläubigen wie auch von Touristen an.

Das bedeutendste Bauwerk ist die Kathedrale, die zuerst eine Holzkonstruktion war. In Stein wurde sie, im romanischen Stil, im 11. Jahrhundert errichtet. Der gotische Bau erfolgte zwischen 1330 und 1425. Das Bauwerk besteht aus einem aus Granitsteinen erbauten, dreischiffigen Langhaus, einem Chor mit Umgang und drei daran angeschlossenen Kapellen. Das Querschiff besteht aus zwei Armen, von denen einer einen romanischen Turm, die Tour Hasting trägt, der andere einen gotischen Turm mit einer später (1785) errichteten, durchbrochenen Spitze von 60 Metern Höhe. Die Kathedrale hat drei Portale und einen großartigen gotischen Kreuzgang mit 80 Arkadenbögen, von denen man aus die Türme sieht. Im Inneren befindet sich das Reliquiar des Heiligen Ives sowie die liegende Grabfigur von Jean V. von Bretagne. Die Orgeln stammen aus dem 18. Jahrhundert. Die Glasscheiben des Chors zeigen biblische Themen des Alten Testaments oder des Evangeliums. Ein großes Fenster im rechten Arm des Querschiffs zeigt viele bretonische Heilige.

Abb. 7: Saint-Tugdual-Kathedrale, Kirchenfenster

Abb. 7: Saint-Tugdual-Kathedrale, Kirchenfenster

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