Die Stiftung WEM e.V.

Die « Stiftung Wissensraum Europa – Mittelmeer (WEM) e.V. »

Kulturaustausch und Zusammenführung kulturellen Wissens im euro-mediterranen Raum[1]

http://www.wissensraum-mittelmeer.org und www.wem-fondation.org

Die Straße von Gibraltar. Foto: Deutsche Wikipedia

Die Straße von Gibraltar. Foto: Deutsche Wikipedia

Seit dem kulturellen und politischen Aufbruch in der arabischen Welt hat sich nicht nur die Wahrnehmung der arabischen Länder und des Islam als Kultur wesentlich verändert. Mit Beginn des Jahres 2011 sind auch die traditionellen Deutungsmuster in Deutschland und Europa erschüttert, ohne  dass allerdings bereits ein strategisches Konzept für die Neugestaltung der euro-arabischen, und im weiteren Sinn, der euro-mediterranen Beziehungen gemäß dem Vertragsraum der Union für das Mittelmeer, entwickelt worden wäre. Das Gleiche gilt für die ‚arabische Welt‘ und für die Länder Sahel-Afrikas, die dem Mittelmeerraum historisch und aktuell vielfach verbunden sind. Eine Neugestaltung setzt sowohl eine verbesserte, das heißt, eine vertiefte wechselseitige Erfahrung und Kenntnis sowie gemeinsame Wissensbestände und –strukturen als auch eine belastbare Basis wechselseitigen Vertrauens voraus. Beides ist Grundlage für ein erfolgreiches, auf eine  gerechte Ordnung des Zusammenlebens angelegtes politisches Handeln.

Wie kam es zur Gründung der Stiftung?

An Vertiefung und Integration des kulturellen Wissens, wie auch an der Herstellung von Vertrauen, können Wissenschaft und Kultur wesentlich mitwirken. Dies hat sich die Vereinigung ‚Stiftung Wissensraum Europa – Mittelmeer (WEM) e. V.’ zum Ziel gesetzt. Die Gründungsversammlung „des WEM“[2] erfolgte  im Rahmen einer internationalen Konferenz am 25. und 26. Oktober 2010 in Rabat, kurz vor dem Umbruch in Tunesien und Ägypten. Die Stiftung ist also keine ad hoc-Gründung. Vorbereitet und getragen wurde das Vorhaben von einem Kreis deutscher, tunesischer, marokkanischer und französischer Kulturwissenschaftlerinnen und Kulturwissenschaftler sowie in der Kulturarbeit Tätiger, die seit Jahren zusammengearbeitet haben.[3] Partner der Konferenz in Rabat waren die Konrad-Adenauer-Stiftung, die marokkanische Kultureinrichtung Centre Tariq Ibn Zyad und das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), Stuttgart und Berlin. Gründungsort war die Nationalbibliothek Marokkos.

Teilnehmer der WEM-Gründungskonferenz in Rabat . Foto: KAS

Teilnehmer der WEM-Gründungskonferenz in Rabat . Foto: KAS

Die Stiftung WEM ist seit dem 15. Dezember 2011 ein eingetragener, gemeinnütziger Verein mit Sitz am Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) in Stuttgart. Im Vorstand sind Mitglieder aus Deutschland, Frankreich und Tunesien. Organisatorisch hat das Netzwerk also seinen Sitz in Deutschland, Ausrichtung und Struktur sind international und partnerschaftlich.

Der ‚funktionale‘ Handlungsraum, die Akteure und die Aufgaben „des WEM“[4]

Das Mittelmeer ist bis heute nicht nur ein Raum schöpferischer kultureller Integrationen, sondern zugleich ein Raum kultureller Konflikte. Das so entstandene Konfliktpotential ist allerdings nicht auf den Mittelmeerraum im engeren klassischen Sinn beschränkt. Vielmehr sind die tatsächlichen und möglichen Konflikte Ausdruck einer historischen Überlagerung und Konfrontation, die sich in einem größeren Raum entwickelt hat. Dabei geht die Stiftung im Wesentlichen nicht von den traditionellen geographischen Grenzziehungen aus, sie hat vielmehr den ‚funktionalen‘ Großraum im Blick, der durch die Intensivierung und Verdichtung von interkulturellen Beziehungen und Interaktionen in Vergangenheit, Gegenwart und voraussehbarer Zukunft gekennzeichnet ist. Der Euro-Mediterrane Raum im Sinne der Stiftung ist der ‚funktionale’ Raum verdichteter Beziehungen zwischen den Ländern beziehungsweise Kulturen Europas, der arabisch-islamisch geprägten Welt und Sahel-Afrika: von Dublin bis Damaskus, vom Niger bis zum Nordkap.Logo_WEM_schriftzug

Die Stiftung WEM  zielt auf die Intensivierung von Dialog und projektorientierter kulturell und kulturwissenschaftlich orientierter Zusammenarbeit im Euro-Mediterranen Raum durch Wissenschaft, Bildung und Kultur. Im Zentrum steht dabei die Sicherung und Weiterentwicklung eines internationalen Netzwerks, das sich an Verfahren und Erkenntnissen der Kulturwissenschaften orientiert. Mitglieder des WEM sind

(1)  Kulturwissenschaftlerinnen und Kulturwissenschaftler, aber auch Vertreter anderer Disziplinen mit kulturwissenschaftlichen Interessen, Lehrer, Journalisten und Schriftsteller sowie

(2)  Hochschulinstitute und Kultureinrichtungen, zum Beispiel Goethe-Institute oder Museen, sowie Medien.

Das Netzwerk hat folgende Aufgaben:

  • den Kulturaustausch – projektbezogen ‚von Dublin bis Damaskus, vom Niger bis zum Nordkap’ – zu intensivieren und dafür auch wissenschaftlich begründete Konzepte anzuwenden und weiter zu entwickeln.
  • vorhandenes kulturelles Wissen zu ‚teilen’, im Rahmen projektorientierter Forschung gemeinsam mit Persönlichkeiten und Institutionen insbesondere der südlichen Mittelmeerländer und Sahel-Afrikas neues Wissen zu erarbeiten sowie neue Wissensstrukturen zu schaffen,
  • und auf diese Weise an der Schaffung eines ‚funktionalen‘ Euro-Mediterranen Raums gemeinsamen (Kultur-)Wissens (‚Wissensraum’) mitzuwirken, der von kulturell aufgeschlossenen und politisch handlungsfähigen Menschen gestaltet und entwickelt wird.

Die Arbeit der Stiftung ist gegenwartsbezogen, die ‚Vergangenheitsbedingtheit’ gesellschaftlich-kultureller Inhalte, Strukturen und Prozesse wird aber nicht übersehen.

Über Hochschulen, kulturelle Einrichtungen und Medien werden die neuen Wissensbestände auch kommuniziert. Die Arbeit der Stiftung erfolgt im Einzelnen über

  • Anregung und Durchführung von Projektkooperationen,
  • die Veranstaltung von Konferenzen,
  • die Erstellung von print- und Internet-Publikationen,[5]
  • die Zusammenarbeit mit den Medien,
  • eine Internetplattform.[6]

Der WEM – ein zivilgesellschaftliches, kulturwissenschaftlich orientiertes  Netzwerk zur Sicherung und Weiterentwicklung eines Euro-Mediterranen Wissensraums

Unter Wissensraum wird ein ‚funktionaler‘ Raum verstanden, der sich aus einer Verdichtung und Intensivierung von Kontakten und Kooperationen, von Wissensaustausch und Wissensproduktion   ergibt: mit gemeinsamen Wissensbeständen, Wissensstrukturen und nicht zuletzt auch gemeinsam erarbeiteten Konzepten für politisch-kulturelles Denken und Handeln. Insofern ist ein Wissensraum auch ein Raum wechselseitiger Entwicklung.

An der wechselseitigen Vermittlung von kulturellem Wissen und der Schaffung neuer Wissensbestände und –strukturen beteiligen sich auch die Partner des WEM in Wissenschaft und Kulturarbeit. Partnerschaften und Kooperationen des WEM bestehen  – direkt oder über Mitglieder  – mit Mittelmeer-Forschungsinstituten in Deutschland, mit Hochschulinstituten in Deutschland und anderen europäischen Ländern, mit  Hochschuleinrichtungen im Maghreb sowie mit  zivilgesellschaftlichen Einrichtungen wie zum Beispiel der Anna-Lindt-Stiftung.

Für die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Kulturpolitik und Kulturarbeit steht die privilegierte Partnerschaft der Stiftung mit dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), Stuttgart und Berlin.

Für die  Kooperation der Stiftung mit Medien steht die Zusammenarbeit mit der Deutschen Welle – world.

Die Stiftung Wissensraum Europa-Mittelmeer betrachtet sich als einen Akteur der Zivilgesellschaft. Aus ihrer Sicht ist es Aufgabe der Zivilgesellschaft, besser: der zivilgesellschaftlich handelnden Personen, den euro-mediterranen Dialog so zu führen, dass sich einerseits keine Herrschaftsdiskurse unwidersprochen und dauerhaft durchsetzen können, die von einseitigen Interessen gesteuert sind,  und dass sich andererseits aber auch keine Debatten ergeben, die sich selbstgenügend ‚ewig‘ reproduzieren. Für zivilgesellschaftliches Handeln im euro-mediterranen Raum hat der WEM folgende einfache Orientierungen:

  • Die Zusammenarbeit muss über den Begriff ‚partnerschaftlich‘  hinaus tatsächlich kollaborativ organisiert sein. Sie muss nicht nur auf einseitigen ‚Wissensexport’ verzichten, sondern sie muss auch von der Bereitschaft geprägt sein, im Dialog eigene Positionen zu verändern, ererbtes Kulturwissen beweglich zu halten. Das heißt, Prozesse des eigenen Wandels sollen nicht abgeblockt werden. Wird dies ernst genommen, erlangt der Begriff ‚Entwicklung‘ eine neue Dimension der Wechselseitigkeit. Entwicklung bedarf nicht nur der Partner, sondern auch man selbst.
  • Die Zusammenarbeit muss fachliche Kompetenz und spezifisches Kulturwissen mit klar definierten Projekten verbinden.

Wesentlich für die Arbeit ‚des WEM‘ sind seine Mitglieder. Projekte sind zwar nicht selten vom Vorstand initiiert, aber nur einzelne werden von Präsident und Vorstand selbst durchgeführt. Wichtig für den Erfolg der Stiftung ist die Mitwirkung und möglichst auch die Initiative von Mitgliedern. Aktuelle Beispiele für euro-mediterrane Projekte der Stiftung Wissensraum Europa-Mittelmeer, ihres Vorstands und ihrer Mitglieder sind Modelle für Bildung im und für den euro-mediterranen Raum,[7] die Förderung eines euro-mediterranen Kultur- und Geschichtsbewusstseins durch die vorliegende virtuelle Landkarte euro-mediterraner Erinnerungsorte,[8] Konzepte für Ausstellungen, Vorschläge für das interkulturelle Wissensmanagement, für Kultur- und Gesellschaftspolitik sowie die Bereitstellung von abrufbarem kulturspezifischem Wissen, beispielsweise mittels des von der Stiftung entwickelten Projekts eines Europäisch-Arabischen Wörterbuchs gesellschaftlich-kultureller Leitbegriffe.[9]

Für die weitere Entwicklung der Stiftung sind seit der Gründungsversammlung in Rabat drei Achsen erkennbar geworden: Entwicklung von Bildungskonzepten für den und im euro-mediterranen Raum, besseres wechselseitiges Wissen über kulturspezifische Inhalte von gesellschaftlichen Leitbegriffen, Förderung eines gemeinsamen euro-mediterranen Raum-Bewusstseins.

Bernd Thum                                                                                                 im März 2014


[1] Diese Darstellung der Stiftung WEM e.V.  entspricht der Kurzfassung eines Artikels von Bernd Thum: Die Stiftung Wissensraum Europa-Mittelmeer (WEM) e.V. Kulturaustausch und Zusammenführung kulturellen Wissens im euro-mediterranen Raum. Ungekürzte Fassung in: WIKA-Report (Band 1), S.98-101 (= ifa-Edition Kultur und Außenpolitik) (http://issuu.com/conbrioverlag/docs/wika-report_1-2012_endversion?e=0/5369425).

[2] Diese Bezeichnung bezieht sich auf ‚den (euro-mediterranen) Wissensraum‘ bezieht- Sie wird von den Mitgliedern der Stiftung und ihren Mitgliedern nicht nur umgangssprachlich verwendet.

[3] Siehe die Beiträge von Bernd Thum und Ralf Schneider in dem Sammelband von Kurt-Jürgen Maaß und Bernd Thum (Hrsg.) : Deutsche Hochschulen im Dialog mit der Arabischen Welt. Karlsruhe: Universitätsverlag Karlsruhe 2009 (= Schriftenreihe Wissensraum Europa – Mittelmeer 1)

[4] Beachte in diesem Zusammenhang den Beitrag von Bernd Thum: Ein euro-mediterraner Wissens- und Handlungsraum als strategisches Ziel. Kulturpolitische Überlegungen zu Konzeption und Programm. In: WIKA-Report (Band 1), S.87-96 (= ifa-Edition Kultur und Außenpolitik)
(http://issuu.com/conbrioverlag/docs/wika-report_1-2012_endversion?e=0/5369425).

[5] Vgl. zuletzt den Sammelband von Bernd Thum (Hrsg.): An der Zeitenwende – Europa, das Mittelmeer und die arabische Welt (2012) www.ifa.de/fileadmin/pdf/edition/zeitenwende.pdf .
Französisch: http://www.ifa.de/fileadmin/pdf/edition/zeitenwende_fr.pdf

[6] Stiftung Wissensraum Europa-Mittelmeer (WEM) e.V. – Fondation Espace du Savoir Europe-Méditerranée http://www.wissensraum-mittelmeer.org und www.wem-fondation.org

[7] Im Juni 2012 veranstaltete die Stiftung in Stuttgart mit Förderung durch die Fritz-Thyssen-Stiftung die Konferenz ‚Sozialisation und Bildung im euro-mediterranen Raum‘. An der Konferenz nahmen Kulturwissenschaftlerinnen und Kulturwissenschaftler aus Europa, den Maghreb-Ländern und Sahel-Afrika teil.

[8] Dieses Projekt wird durch eine Anschubfinanzierung von der Allianz Kulturstiftung, Berlin, gefördert.

[9] Darüber informiert der Internetauftritt der Stiftung, Rubrik Projekte (s. Anm. 6).