Tübingen

Tübingen und ‘Tausendundeine Nacht’ – ein Erinnerungsort der Imaginationen (Deutschland)

(Dr. Mirjam SCHNEIDER)

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Claudia Ott

Man könnte meinen, dass Enno Littmanns Übersetzung eine Art Schlusspunkt in der Tradition der Übersetzungen von ‘Tausendundeine Nacht’ markiert. Zu monumental ist das sechsbändige Werk, zu umfassend sind die Sprach- und Kulturkenntnisse Littmanns, die in die Übersetzung eingeflossen sind, zu groß ist sein Ruf in der akademischen und nichtakademischen Welt, um überhaupt noch etwas dagegen setzen zu können.

Gewagt hat es eine junge Orientalistin –, aus Tübingen. Im Jahr 2004 hat Claudia Ott das Werk  ‘Tausendundeine Nacht‘ im Verlag C.H. Beck vorgelegt.[1] Der Erfolg ist beachtlich. Das Werk erreichte bereits im Jahr des Erscheinens sieben Auflagen. Mittlerweile liegt die elfte Auflage vor.[2]

Claudia Ott wurde 1968 in Tübingen geboren. Dort verbrachte sie ihre Schul- und Studienzeit. Sie studierte Islamwissenschaft, Arabistik und Orientalistik am Seminar für Orientalistik und Islamkunde, an dem ein halbes Jahrhundert zuvor Enno Littmann gelehrt hatte. 1998 wurde sie mit einer Arbeit zur arabischen Epik in Berlin promoviert. Von 1993 bis 1998 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Semitistik und Arabistik der Freien Universität Berlin. Von 1998 bis 1999 hielt sie sich zum Studium arabischer Musik, vor allem der Rohrflöte (nay), in Kairo auf. Seit 2000 ist sie wissenschaftliche Assistentin am Seminar für orientalische Philologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie ist außerdem als Übersetzerin, Musikerin und Moderatorin tätig.[3]

„Im Frühling des Jahres 1999 konnte man in der lärmenden, mit Menschen überfüllten Altstadt von Kairo, in der Nähe der Muski-Straße, eine junge Frau mit einem Stück Papier auf einer sehr speziellen Suche beobachten“, heißt es im Nachwort zu ihrer Übersetzung. Es war die Übersetzerin selbst, die versuchte, Rakta-Papier, „eine grobfaserige, rauhe Qualität“ aus „ägyptischer Herstellung“ ausfindig zu machen.[4] Es fand sich, wurde gekauft und gleich vor Ort gebunden: zu einem besonderen Zweck. Auf ihm wollte die Verfasserin eine neue Übersetzung von ‘Tausendundeine Nacht’ niederschreiben. „Fünf Ziegenlederbände voll“[5] (ebd.) sind in den nächsten Jahren entstanden.

Warum aber überhaupt noch eine neue Ausgabe von ‘Tausendundeine Nacht’? Claudia Ott liefert selbst den Grund: „Die hier vorliegende Version von Tausendundeiner Nacht kennt das deutschsprachige Lesepublikum noch nicht.“ Ihr Kunstgriff bestand darin, eine andere Edition als ‚Calcutta II‘, nämlich die sogenannte ‚Mahdi-Edition‘, zu wählen[6]. Es handelt sich dabei um eine Edition, die vermutlich älter ist als ‚Calcutta II‘ [7] und die als weitere Besonderheit die sogenannte Galland-Handschrift‘ enthält, jenen Text-Torso also, der in Europa den ‘Tausendundeine Nacht’-Boom im 18. Jahrhundert erst ausgelöst und die Rezeption bis ins 19. Jahrhundert hinein bestimmt hat. [8]

Sie bietet ihren Lesern also einen anderen, neuen Ausschnitt von ‘Tausendundeine Nacht’[9]. Doch nicht nur der andere Gegenstand, auch die spezifische Art und Weise, in der sich Claudia Ott übersetzend in den Erinnerungsort ‘Tausendundeine Nacht’ einschreibt, machen das Projekt der Neuübersetzung ausgesprochen wertvoll.

Gedichte

Für Claudia Ott sind die Gedichte „das poetische Herzstück“[10] von ‘Tausendundeine Nacht’, dem sie ihre besondere Aufmerksamkeit widmet: „Um diesen Herzschlag auch noch in der Übertragung ins Deutsche spürbar werden zu lassen, habe ich auf die originalgetreue Wiedergabe von Reim und Metrum der arabischen Gedichte die größte Sorgfalt verwendet.“[11] Anders als Littmann verzichtet sie also auf eine „Eindeutschung“ durch die Verwendung von deutschen Metren und deutschem Versmaß, sondern gibt die Gedichte mit dem für die arabische Lyrik charakteristischen Monoreim wider, so dass sämtliche Verse eines Gedichts mit demselben Reim enden. Das Ergebnis klingt folgendermaßen:

Ich wünschte den Liebsten her, doch als ich ihn wiedersah,

Da hat’s mir das Auge und die Zunge verschlagen.

Aus Ehrfurcht und um das zu verbergen, was in mir war,

Hab’ ich meinen Blick zum Boden niedergeschlagen.

So zahlreich die Reden waren, die ich im Herzen trug,

Beim Wiederseh’n konnt’ ich keinen Buchstaben sagen. [12]

Claudia Ott räumt selbst ein, dass hier „Kompromisse mit der Lesbarkeit“ nicht zu vermeiden waren; manche Gedichte muten darum „auf den ersten Blick komisch“ an.[13] Doch die Wahl der Begriffe nach Maßgabe des Reims erklärt sie auch zum Charakteristikum des Arabischen: „Auch Arabische Dichter gebrauchten gerne ‚um des Reimes willen’ seltene Vokabeln und ungewöhnliche Redewendungen.“ Sie ahmt dieses Verfahren in ihrer Übersetzung nach und mutet den Lesern die daraus resultierende ‚Fremderfahrung‘ gerne zu.

Verfremdung und Eindeutschung

Wie Enno Littmann, so hat auch Claudia Ott zahlreiche Reisen in arabische Länder unternommen, um das kulturelle Umfeld kennen zu lernen, dem ihre Texte entstammen, und um „Muttersprachler“ bei „kniffligen“ Übersetzungsfragen zu konsultieren. Auch sie stellten die zahlreichen erotischen und frivolen Passagen in ‘Tausendundeine Nacht’ vor große übersetzerische Herausforderungen. In diesem Zusammenhang berichtet sie von Besuchen bei der ägyptischen Professorin Nabila Ibrahim, die auf klassische arabische Erzählliteratur spezialisiert ist. Bei ihr saß die Übersetzerin

„viele Stunden lang in der Wohnung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes auf der Nilinsel Zamalek zusammen, und wir rätselten gemeinsam über knifflige Stellen. Insbesondere die schlüpfrigen Passagen in der ‚Geschichte vom Träger und den drei Damen’ wären ohne ihre geduldigen Ausführungen und Erklärungen, während derer sich ihre Gesichtsfarbe mal rot, mal weiß verfärbte, unübersetzbar gewesen“.[14]

Während Enno Littmann beim Übersetzen der gleichen Geschichte auf die Übertragung bestimmter Begriffe verzichtet und es dem Leser überlassen hat, seine Phantasie spielen zu lassen, fallen bei Claudia Ott deutliche Worte.[15]

Wiedergewinnen der Mündlichkeit

Unerschrockenheit, Prägnanz in der Wortwahl und Schnelligkeit im Erzähltempo kennzeichnen ihre Übersetzung als Ganze. Claudia Ott scheut nicht den Gebrauch umgangssprachlicher Wendungen[16] und arbeitet häufig das Komische der arabischen Prätexte heraus. So liest sich etwa die Beschreibung einer schönen Frau in ihrer Übersetzung folgendermaßen:

„Sie war so gerade gewachsen wie ein Alif, ihr Atem duftete nach Amber, ihre Lippen waren zuckersüß, und sie hatte eine so schöne, glänzende Stirnlocke, dass selbst die helle Sonne sich dagegen schämen musste. Sie war wie einer der hoch leuchtenden Sterne oder wie eine fest gebaute Goldkuppel oder wie eine geschmückte Braut oder wie ein Nilfisch in einem Springbrunnen oder ein fettes Stückchen Fleisch in einer Sahnesauce.“[17]

Solche Beschreibungen zielen indes nicht nur auf Vergnügen und Belustigung des Lesers.

In solchen Passagen gelingt es Claudia Ott, in ihrem deutschen Text durchscheinen zu lassen, dass ‘Tausendundeine Nacht’ einer Tradition mündlichen Erzählens entstammt. Liest man die oben zitierte Passage, so kann man sich zwar ein Mädchen, auf das die vielfältigen Beschreibungen zutreffen sollen, nur schwerlich vorstellen. Dafür aber umso lebhafter einen Erzähler, der vor Begeisterung übersprudelt, sein Publikum mitreißen möchte und sich dafür immer kühnere und verwegenere Vergleiche einfallen lässt.

Mündliches Erzählen lebt von Improvisation, von Veränderungen des Plots, der Geschichte  aus dem Stehgreif, von einer ‚Performance‘ des Erzählers sowie von einer Interaktion des Erzählers mit seinem Publikum. Die Märchen werden vom Erzähler nicht einfach referiert; er stellt sie vielmehr lebhaft vor Augen und kreiert einen Erzählraum, in dem sowohl der Zuhörer als auch der Erzähler unmittelbar am Erzählten partizipieren. Wird mündlich Erzähltes schriftlich fixiert, so bezahlt es für seine Bewahrung im Speichermedium Text den Preis, dass die Dimension des Performativen verloren geht.

Ein großes Verdienst von Claudia Ott ist es also, dass sie, wie in der oben zitierten Passage, in ihrer Übersetzung insgesamt Relikte dieser mündlichen Erzähltradition herausarbeitet. Doch auch darüber hinaus geht es ihr darum, die Geschichten von Tausendundeiner Nacht wieder dem Erzählen anzunähern: So sollte es sich bei ihrer Übersetzung von Anfang an nicht nur um einen Lese-, sondern auch um einen Vorlesetext handeln. „In einfacher Sprache zügig erzählt und mit klangvollen Gedichten geschmückt, eignet sich das Werk zum Vorlesen geradezu ideal.“[18] Wenn ein Text beim Vorlesen laut gesprochen wird, hallt Mündlichkeit nach, und es wird etwas von ihrem ‚partizipativen‘ Charakter erfahrbar, sind beim Akt des Vorlesens doch nicht nur ein Leser und ein Text, sondern auch – mindestens – ein Zuhörer beteiligt.

Den ursprünglichen ‚partizipativen‘, Teilnahme schaffenden Charakter von ‚Tausendundeiner Nacht‘ betont Claudia Ott auch in ihren eigenen literarisch-musikalischen Aufführungen, bei denen sie die Texte ihrer Übersetzung ‚szenisch‘ erzählt und musikalisch umrahmt. Lese-Konzerte, die ihre Übersetzungsarbeit begleiteten, erprobten von Anbeginn an die Wirkung der Texte auf das Publikum. Sie brachten der Übersetzerin „die Bestätigung, dass die Übersetzung auch als Vortragstext bestehen würde.“[19]

Auch dies ist eine Arbeit am Erinnerungsort ‘Tausendundeine Nacht’: zum einen deshalb, weil hier die Erinnerung daran ins Licht gebracht, wie die Erzählungen von ‚Tausendundeiner Nacht‘ vor ihrer schriftlichen Fixierung tradiert wurden: Im performativen Akt, an dem Erzähler und Zuhörer gleichsam unmittelbar teilhaben konnten. Zum anderen deshalb, weil hier gleichzeitig an eine abendländische Tradition des Märchenerzählens angeknüpft wird. Über die Arbeit am Erinnerungsort ‘Tausendundeine Nacht’ mag es Claudia Ott gelingen, das Interesse an Traditionen, die sowohl in den orientalischen als auch den westeuropäischen Ländern beheimatet sind, neu zu beleben.

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[1] ‘Tausendundeine Nacht’. Nach der ältesten arabischen Handschrift in der Ausgabe von Muhsin Mahdi erstmals ins Deutsche übertragen von Claudia Ott, München 2004

[2] seit 2011 liegt die 11. Auflage vor.

[3] Angaben zu ihrer Person und ihren Tätigkeiten finden sich auf ihrer Homepage unter http://www.tausendundeine-nacht.com/die-ubersetzerin/

[4] Im ihrer Übersetzung angefügten Nachwort erläutert Ott ausführlich die Leitlinien ihrer Übersetzung. Siehe Ott: ‘Tausendundeine Nacht’, S. 652. Im Folgenden als ‚Ott, Nachwort‘

[5] Ebd.

[6] 1984 hat der irakische Arabist Muhsin Mahdi durch seine diese Sammlung Edition der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Vg. Ott, Nachwort, S. 641.

[7] Die ‚Galland-Handschrift‘ war vermutlich bereits um 1450 verfasst worden.

[8] „Bei der neu übersetzten Version von ‘Tausendundeine Nacht’ handelt es sich um dieselbe Vorlage, die der französische Orientalist Antoine Galland ab 1704 ins Französische übertrug und mit der vor dreihundert Jahren der Siegeszug von ‘Tausendundeine Nacht’ durch die Kulturen Europas und der Welt begann.“  Ott, Nachwort S. 641.

[9] Es gibt jedoch auch zahlreiche Textüberschneidungen in beiden Editionen.

[10] Ott, Nachwort S. 641.

[11] Ott, Nachwort S. 641/642.

[12] Ott, Nachwort S. 665. Das oben in der Übersetzung von Claudia Ott angeführte Gedicht wurde ebenfalls von Enno Littmann übersetzt, der dafür klassisches deutsches Reimschema und Metrum verwendet. Es lautet: „Ich sehnte mich nach ihm, den ich liebe, doch als ich ihn sah,//Versagten mir Zunge und Blick, und ich wusste nicht, wie mir geschah.// In tiefer Verehrung vor ihm verneigte ich mein Gesicht/ Ich wollte verbergen, was in mir, und doch verbarg ich es nicht.// Geraume Bände von Klagen hatte ich bei mir dort;/Doch als wir zusammentrafen, sprach ich kein einziges Wort.“ (Littmann I, 275.)

[13] Ott, Nachwort S. 665.

[14] Ott, Nachwort S. 654.

[15] Ott, ‘Tausendundeine Nacht’, S. 98-126, v.a. 107-110.

[16] Ott, Nachwort  S. 656.

[17] Ott, ‘Tausendundeine Nacht’, S. 102.

[18] Ott, Nachwort S. 669.

[19] Ott, Nachwort S. 654.

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