Tübingen

Tübingen und ‘Tausendundeine Nacht’ – ein Erinnerungsort der Imaginationen (Deutschland)

(Dr. Mirjam SCHNEIDER)

Zurück Überblick Die andere Seite Bilder und Literatur Vor

Ein Erinnerungsraum der besonderen Art

Tübingen und ‚’Tausendundeine Nacht’‘ – das mag zunächst wie ein herber Widerspruch erscheinen. Da ist auf der einen Seite das schillernde Werk, dessen exotischer Zauber vielen westlichen Lesern auch heute noch als das ‚Orientalische‘ schlechthin gilt. Und da ist auf der anderen Seite das kleine schwäbische Provinzstädtchen, das zwar durch seine altehrwürdige Universität internationale Berühmtheit erlangt hat, dessen Reputation sich jedoch auf den Bereich der akademischen Wissenschaften beschränkt. Nichts im Tübinger Stadtbild zeugt von einer ‚orientalischen‘ Vergangenheit. Da gibt es keine Reste mittelalterlicher Moscheen. Nicht einmal der Jugendstil konnte hier seine Blüten treiben. ‚Orientalisches Flair‘ sucht man in Tübingen vergeblich. Pietistische Innerlichkeit auf der einen Seite, pralle Sinnlichkeit und überbordende Lebensfreude auf der anderen –, größer könnte der Kontrast nicht sein.

Und doch sind Tübingen und ‚’Tausendundeine Nacht’‘ eine Verbindung mit einander eingegangen. Es waren Tübinger, die maßgeblich zur Verbreitung der Sammlung in Deutschland, in anderen europäischen Ländern – ja, in der arabisch-islamischen Welt selbst! – beigetragen haben. In ihrem eigenen literarischen Schaffen, in ihrer Tätigkeit als Forscher und Übersetzer haben sie wesentlich daran mitgearbeitet, dass ‚’Tausendundeine Nacht’‘ zu einem bedeutsamen Erinnerungsort wurde, der eine fruchtbare Auseinandersetzung der westlichen mit den arabisch-islamischen Kulturen ermöglichte.

Bacchantin am Rathaus von Tübingen

Bacchantin am Rathaus von Tübingen – Abb. 2

Zunächst muss man sich vergegenwärtigen, dass ’Tausendundeine Nacht’ auf einer ersten Ebene einen Erinnerungsort für die arabisch-islamische Welt selbst darstellt, fließen in diesem Werk doch jahrhunderte alte Erzähltraditionen aus Ländern des Mittelmeers – Marokko, Ägypten und Syrien – sowie der Regionen, mit denen sie in wirtschaftlichem und kulturellem Austausch standen – darunter Mesopotamien, Persien, Indien und China –, zusammen.[1]

Auf einer zweiten Ebene ist ‘Tausendundeine Nacht’ aber auch ein gemeinsamer Erinnerungsort für ‚den Westen‘ und ‚den Orient‘, haben Menschen aus dem Westen den komplexen und komplizierten Prozess der Sammlung, Redaktion und Edition des Werks doch von Anfang an begleitet. Ja mehr noch: Die Ausgaben von ‘Tausendundeine Nacht’, die uns heute als ‚kanonisch‘ und ‚original orientalisch‘ erscheinen, wurden allesamt mit Märchen, die aus der westlichen Erzähltradition stammen, angereichert.[2]

Mit dem Sammeln und Aufzeichnen von ‘Tausendundeine Nacht’ sowie der Ergänzung mit Märchen westlicher Provenienz war die orientalisch-abendländische Kooperation indes beleibe nicht abgeschlossen. Anderenfalls würde es sich bei ‘Tausendundeine Nacht’ um eine virtuelle ‚Ruine‘ handeln, die lediglich Zeugnis einer gemeinsamen Vergangenheit ablegte –, und gleichzeitig signalisierte, dass es sich dabei um tempi passati handelt. Stattdessen stellt ‘Tausendundeine Nacht’ einen sehr belebten Erinnerungsort dar, der von zahlreichen Menschen aus ‚dem Westen‘ und ‚dem Orient‘ seit Jahrhunderten aufgesucht wurde und auch künftig aufgesucht werden wird, die sich an der Sammlung erfreuen, die in ihren eigenen künstlerischen Werken den Glanz und Zauber einfangen und weiter tradieren –, die aber auch ganz grundsätzliche Fragen des Verhältnisses von ‚Orient‘ und ‚Westen‘ reflektieren.

Denn jedes der Werke, das in der Auseinandersetzung mit ‘Tausendundeine Nacht’ entsteht, vermittelt immer auch eine interkulturelle Hermeneutik. Das heißt, stets werden Fragen nach der Beschaffenheit von ‚Orient‘ und ‚Okzident‘, von Fremdem und Eigenem aufgeworfen, werden Selbst- und Fremdwahrnehmung reflektiert und korrigiert, werden Gemeinsamkeiten und Differenzen herausgearbeitet, Berührungspunkte und Grenzen aufgezeigt, relativiert und neu gezogen. [3] So ist ‘Tausendundeine Nacht’ nicht nur aufgrund seines Zaubers und seines literarischen Raffinements ein erstrangiges Werk der Weltliteratur, sondern es ist wegen seiner Kraft, eine konstruktive Auseinandersetzung zwischen den Kulturen lebendig zu halten, auch ein Erinnerungsort par excellence.

 


[1] Erste Nachweise von ‘Tausendundeine Nacht’ finden sich im 8. Jh. Die älteste erhaltene Handschrift stammt aus dem 15. Jahrhundert. Zur Geschichte von ‘Tausendundeine Nacht’ vgl. Wiebke Walter: ‘Tausendundeine Nacht’. Eine Einführung. München/Zürich 1987, S. 12-20, sowie den Anhang in der Übersetzung von ‘Tausendundeine Nacht’ durch Enno Littmann, der ebenfalls ausführlich auf den Prozess der Entstehung eingeht. Enno Littmann: Anhang. Zur Entstehung und Geschichte von Tausendundeiner Nacht. In: ders.: Die Erzählungen aus den Tausendundein Nächten. Vollständige Deutsche Ausgabe in sechs Bänden. Zum ersten Mal nach dem Arabischen Urtext der Calcuttaer Ausgabe aus dem Jahr 1939. Übertragen von Enno Littmann, Frankfurt am Main, 24. bis 25,5 Tausend der neuen Ausgabe, 1988, Band VI, S. 647-736. Im Folgenden als ‚Littmann, Anhang‘.

[2] Dazu gehören etwa die Märchen ‚Aladin und die Wunderlampe‘ und ‚Ali Baba und die vierzig Räuber‘, vgl. Walther (Anm. 1) S. 8.

[3] Selbstverständlich gilt dies nicht nur für die künstlerische Auseinandersetzung mit ‘Tausendundeine Nacht’, sondern für jede Übersetzung oder jede Form von Intertextualität.

Zurück Überblick Die andere Seite Bilder und Literatur Vor