Schwetzingen (Deutschland) – Gelesen von …

Schwetzingen (Deutschland)

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Dr. Harald SIEBENMORGEN

Kunsthistoriker, ehemals Direktor des Badischen Landesmuseums Karlsruhe

Gelesen von

Dr. Mounir FENDRI

Professor der Germanistik an der Universität la Manouba / Tunis

Der Schwetzingen-Artikel von Prof. Harald Siebenmorgen stellt klar, dass dieser kleine deutsche Ort im Herzen des europäischen Festlands als ein Stück “euro-mediterranen Erbes” anzusehen ist und es verdient, als “euro-mediterraner Erinnerungsort” empfohlen zu werden und als solcher näher “ins Bewusstsein der Öffentlichkeit” zu rücken.

Die Legitimierung liegt vor allem im barocken Schloss der Kurfürsten von der Pfalz, genauer im Schlosspark, Schwetzingens berühmter Hauptattraktion. Der Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Siebenmorgen stellt zunächst schon mit der anmutigen Gartengestaltung und in der botanischen Vielfalt mit dem Reichtum an Citrusbäumen “mittelmeerische Motive” heraus.

Augenfälliger mahnt an die südliche Mittelmeerwelt – die ja zu etwa Zweidrittel vom Islam als Glauben und Kultur geprägt ist – “der Bau der sog. ‘Moschee’, eines Großpavillons im orientalischen Stil mit zwei Minaretten und einem ‘Türkischen Garten’“ (Siebenmorgen).

Man weiß, dass der Bau auf Befehl des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz durch seinen französischen Hofarchitekten Nicolas de Pigage ab 1779 ausgeführt wurde, doch kaum weshalb die Wahl des Auftraggebers und Schlossbesitzers ausgerechnet auf eine Moschee, ein muslimisches Gotteshaus, fiel. Gewiss nicht zum Ruhme Allahs, umso mehr als die Biographien des süddeutschen Fürsten, neben seinen musischen Neigungen, seine religiöse Erziehung durch die Jesuiten und seine Loyalität zur katholischen Kirche unterstreichen. Es geschah auch nicht im Sinne einer Religionen übergreifenden Siedlungspolitik nach Art des Preussenkönigs Friedrich II., der sich ausdrücklich bereit erklärte, für muslimische Einwanderer Moscheen erbauen zu lassen. Oder im Zuge einer kriegspropagandistischen Massnahme, wie zur Zeit Wilhelms II., als 1914 die Wünsdorfer Moschee, “die erste auf deutschem Boden”, für die muslimischen Gefangenen aus den Kolonien der Alliierten errichtet wurde. Wie es Siebenmorgen formuliert, war der Bau “eine reine, für keinerlei Kult vorgesehene Schauarchitektur und steht auch in der Tradition exotischer, chinesischer oder ‚maurischer‘ Gebäudestaffagen”. Das Werk sollte in spielerischer Zweckentfremdung nichts anders sein als eine extravagante, dekorative “architektonische Kuriosität” mit exotisch befremdendem Charakter, wie sie in der üppigen, repräsentationslüsternen Epoche des Barocks und des Absolutismus geschätzt wurde.

Dennoch und angesichts des bis zu jener Zeit noch konfliktbeladenen Verhältnisses zwischen Christenheit und Welt des Islam (der damalige russisch-türkische Krieg mochte die Erinnerung an die “Türkengefahr” wach halten) bleibt die Frage gültig, was genau, ausser dem exotistischen dekorativen Zweck, die Entscheidung für die aufwendige Errichtung eines ausgeprägten muslimischen Tempels im kurpfälzigen Schlosspark zu Schwetzingen motiviert haben mochte.

Dass das symbolträchtige Werk als Ausdruck einer toleranten Gesinnung des fürstlichen Bauherrn zu verstehen wäre, ist sicher nicht ohne Berechtigung, zumal die Nähe Karl Theodors zu Geist und Vertretern der europäischen Aufklärung verbürgt ist. Die Gleichzeitigkeit des Baubeginns mit dem Erscheinen von Lessings “Toleranzdrama” Nathan der Weise im Jahr 1779 verführt wohl zu der Annahme einer Beziehung von Ursache und Wirkung zwischen beiden “islamfreundlichen” Ereignissen. Dagegen spricht allerdings, dass der Plan des Moscheebaus mindestens um mehrere Monate vor Baubeginn gefasst worden sein muss, wahrscheinlich vor der Übersiedelung des pfälzischen Hofs von Mannheim nach München im Oktober 1778. Und vielleicht hat Lessings Einfluss dennoch gewirkt, da er von besagtem Hof im Jahr 1777 monatelang, unmittelbar bei seinem Besuch in Mannheim (Januar-Februar) und lange danach brieflich (aber vergeblich) ersucht wurde, die Leitung des Mannheimer “Nationaltheaters” zu übernehmen.

Sucht man weiter nach eventuellen Anregungsmomenten in der zeitgenössischen deutschen Literaturgeshichte, so muss man noch an Gleims merkwürdiges Werk Halladat oder das rothe Buch aus dem Jahr 1774 denken und berücksichtigen, dass die Schwetzinger “Moschee” auch als “die rothe Moschee” bezeichnet wird. Die sonderbare Dichtung Gleims entstand als unmittelbare Folge einer deutschen Koran-Übersetzung, der zweiten aufgrund des arabischen Textes. Bald nach Erscheinen der ersteren, David Megerlins jämmerlicher “Türkische(r) Bibel” (Frankfurt 1771), konterte Friedrich Eberhard Boysen mit einer anderen Übersetzung nach dem arabischen Original (1772), der weit bessere Aufnahme in aufklärerischen Kreisen beschieden war. Bei der Arbeit zog Boysen seinen Freund und Landsmann Gleim zu Rate, der mit sehr freien Nachdichtungen zu demonstrieren trachtete, wie man den Koran übersetzen sollte.

Wie auch immer, und bis zu einer fundierten Ergründung der bestimmenden Impulsen und konkreten Motiven, die dem Schwetzinger Moscheebau zugrunde lagen, kann nur aufgrund derartiger synchroner Anhaltspunkte spekuliert werden. Als kulturgeschichtliche Bausteine und gemeinsame “Erinnerungsmomente” können diese dazu dienen – vorausgesetzt, in sachlicher Analyse herangezogen und kritisch angewandt – die Geschichte der euro-mediterranen Beziehungen weiter zu erhellen.

Titelblatt der Koranübersetzung in zweiter Ausgabe 1775: „Der Koran, oder Das Gesetz für die Moslemer, durch Muhammed den Sohn Abdall“ von Friedrich Eberhard Boysen.

Titelblatt der Koranübersetzung in zweiter Ausgabe 1775: „Der Koran, oder Das Gesetz für die Moslemer, durch Muhammed den Sohn Abdall“ von Friedrich Eberhard Boysen. – Abb.1

Johann Wilhem Ludwig Gleim: Halladat oder Das rothe Buch. [Zum Vorlesen in den Schulen], Frankfurt und Leipzig 1775 – Quelle: Sächsische Landesbibliothek, Staat- und Universitätsbibliothek Dresden VD 18

Johann Wilhem Ludwig Gleim: Halladat oder Das rothe Buch. [Zum Vorlesen in den Schulen], Frankfurt und Leipzig 1775 – Abb. 2

Schwetzingen, Moschee: Inschrift „Ein Laster des Weisen gilt für Tausend“ - Quelle: Creative Commons, Christian Spannagel

Schwetzingen, Moschee: Inschrift „Ein Laster des Weisen gilt für Tausend“ – Abb. 3

Die Abb. wurden von der Redaktion zugefügt.

Abb.1: Titelblatt der Koranübersetzung in zweiter Ausgabe 1775: „Der Koran, oder Das Gesetz für die Moslemer, durch Muhammed den Sohn Abdall“ von Friedrich Eberhard Boysen. created 1775. Quelle: Title page of the German translation of the Qur’án: „Der Koran, oder Das Gesetz für die Moslemer, durch Muhammed den Sohn Abdall“ by Friedrich Eberhard Boysen 1775; Author: Friedrich Eberhard Boysen

Abb. 2: Quelle: Sächsische Landesbibliothek, Staat- und Universitätsbibliothek Dresden VD 18

Abb. 3: Quelle: Creative Commons, Christian Spannagel

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