Schwetzingen

Schwetzingen (Deutschland)

(Dr. Harald SIEBENMORGEN)

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Von der „Moschee“ zum Merkur-Tempel: Einheit der Kulturen, Völker und Zeiten

Besonderer Ausdruck davon ist der Bau der sog. „Moschee“, eines Großpavillons im orientalischen Stil mit zwei Minaretten und einem „Türkischen Garten“ (1779-1795).

Schlossgarten: Moschee – Quelle: Staatliche Schlösser und Gärten  Baden-Württemberg

Schlossgarten: Moschee – Abb. 5

Der Bau war eine reine, für keinerlei Kult vorgesehene Schauarchitektur und steht auch in der Tradition exotischer, chinesischer oder „maurischer“ Gebäudestaffagen, wie sie von Kremsmünster oder vom Felsengarten Sanspareil der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth bis zu vielen anderen Beispielen in den Gärten des 18. Jahrhunderts bekannt sind. Die Anlage in Schwetzingen zeichnet sich freilich nicht nur durch ihre Größe aus, sondern – trotz der einer christlichen Kirche ähnlichen Anlage des Hauptbaues – der Dedikationen an den muslimischen Glauben, an Allah und den Koran. Einzelne Inschriften zitieren wörtlich einzelne Suren des 1616 erstmals ins Deutsche übersetzten Korans. Manche meinen freilich im Bau eher die Märchenwelt der im 18. Jahrhundert populären Geschichtensammlung „Tausendundeine Nacht“, andere das Toleranzprinzip von Lessings etwa zur gleichen Zeit geschriebene „Ringparabel“ im Drama „Nathan der Weise“ zu erkennen. Am ehesten entspricht der Bau wohl dem Gedankengut der aufklärerischen und toleranzorientierten Freimaurerei, der auch Kurfürst Carl Theodor huldigte. Dafür spricht auch, dass anstelle des gleichzeitig direkt benachbarten errichteten Merkur-Tempel ursprünglich einem der altägyptischen Pharaonen mit dem Namen Sesostris gehuldigt werden sollte. Heute ist die „Moschee“ in Schwetzingen für gelegentliche Gottesdienste der örtlichen islamischen Gemeinde zur Verfügung gestellt, nachdem sie vor einigen Jahren mit hohem finanziellem Aufwand restauriert wurde.

Der Kunsthistoriker Jörg Gamer hat darauf hingewiesen, dass der Bau des Merkur-Tempels im Bautyp von antiken Grabdenkmälern in Syrien (Palmyra) und im Niltal abhängig ist, die damals von Europa entdeckt worden sind. Die altägyptischen Herrscher des „Mittleren Reiches“ standen für die Urbarmachung des Landes und die Förderung der Agrikultur, die auch Carl Theodor für seine kurpfälzischen Lande – trotz seines Herrschaftsantritts in München 1778 – für seine Politik in Anspruch nahm. Geschichte, Zeit, der Blick auf die Weltkulturen waren für die Schöpfer des Schwetzinger Gartens die Basis, ein neues „Goldenes Zeitalter“ in der Einheit aller Kulturen, Völker und Zeiten zu beschwören.

Mag man darin gleichwohl ein affirmatives, quasi protokolonialistisches Ideologiemodell sehen, das „die Welt“ für ein persuasives Repräsentanzverhalten eines modernisierten Absolutismus in Anspruch nimmt. Mit den Thesen des Anthropologen Bruno Latour mag man darin – wie in den Kunst- und Wunderkammern an fürstlichen Höfen – ein Modell der Gleichwertung multikultureller Phänomene in Geschichte und Gegenwart ihrer Zeit sehen.

Schloss und Park Schwetzingen gehören heute dem Land Baden-Württemberg, das das Ensemble sorgfältig konserviert. Schwetzingen ist ein Magnet für den Tourismus. Im Park finden große und kleine Feste statt, an denen sich viele Menschen beteiligen, das historische Theater im Schloss wird bespielt. Die Erinnerung an die Entstehungszeit des Parks im 18. Jahrhundert wird durch Führungen, manchmal in historischen Kostümen, gepflegt. Schwetzingen als ein ‚euro-mediterranes‘ Erbe ist freilich noch nicht in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt.

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