Schwetzingen

Schwetzingen (Deutschland)

(Dr. Harald SIEBENMORGEN)

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Nord und Süd in der Schwetzinger Gartenwelt

1718 wurde unter Kurfürst Carl Philipp an den in Kriegen mehrfach zerstörten, dann wiederhergestellten Schlossbau ein Orangeriegebäude errichtet. Es war verbunden mit einem „Pomerantzen- und Citronengarten“, das heißt, einem Garten mit bis zu 2000 mediterranen Pflanzen und Bäumen, die in drei- und viereckigen Rabatten in der Art eines italienischen „Giardino segreto“ der Renaissancezeit aufgestellt waren.

Unter dem kurfürstlichen Nachfolger Carl Theodor (der ab 1742 regierte) wurde der italienische vom französischen Gartenstil abgelöst. Durch den aus dem lothringischen Lunéville stammenden Hofarchitekten Nicolas de Pigage wurden in einem Halbkreis Zirkelhäuser erbaut, in denen eine neue Orangerie, Speise- und Spielsäle untergebracht wurden. Mit Berceaux, Treillage-Pavillons, Broderien und Bosketten wurde die Anlage nach Westen im französischen Gartenstil – dem allgegenwärtigen Vorbild Versailles – erweitert. Mit einer Menagerie für exotische Vögel, dem Naturtheater und den an einer Nord-Südachse im Westen aufgereihten Gebäuden eines Minerva-Tempels und dem Privat-Badehaus des Kurfürsten kamen die Arbeiten anfangs der siebziger Jahre zum Abschluss.

Kurz darauf ist erstmals in den Quellen die Rede von neuen landschaftlichen Arbeiten, nunmehr im Stile des ‚natürlichen‘ englischen Landschaftsgartens. Nun verbinden sich in der Schwetzinger Gartenwelt Süd und Nord. Es war ein regelrechter Paradigmenwechsel. Diese Gartengestaltung, die sich gegen jede geometrische, gestutzte und unnatürlich wirkende Form der Bepflanzung wandte, entstand zunächst in England. Diese konnte der junge Schwetzinger Hofgärtner von Sckell einige Jahre vor Ort studieren, war aber sicher auch von der Naturphilosophie Rousseaus geprägt. In Schwetzingen entstand ab 1777 das „Arboretum“, eine quasi lexikalische Sammlung in- und ausländischer Bäume und Sträucher in natürlicher, gruppierter Anpflanzung (später noch erweitert), und ein zugehöriger, dem schwedischen Naturforscher Carl von Linné gewidmeter Tempel der Botanik. Hier wurde auch der erste japanische Ginkgo-Baum in Deutschland gepflanzt. Weiter entstanden „der große englische Garten“ und die Gemäuer eines Römischen Wasserkastells und eines Merkurtempels, die im Sinne vorromantischer Ruinenelegie in Trümmer gestaltet wurden. Die Idee des „natürlichen Gartens“ als romantische Landschaft ist gleichzeitig Thema der bereits erwähnten Installation „Ende der Welt“, die den Betrachter vor ein „Perspektiv“ mit einer illusionistischen Wandmalerei führt. Hier wird wie kaum sonst der Gedanke aus John Miltons „Lost Paradise“ mit der Gleichsetzung des Landschaftsgartens mit dem himmlischen Paradies „am Ende der Welt“ wieder aufgegriffen.

Perspektiv „Das Ende der Welt“ – Foto: Wikimedia Commons (Immanuel Giel)

Perspektiv „Das Ende der Welt“ – Abb. 4

In der Konzeption dieser Gartenerweiterung im Sinne einer „natürlichen Natur“ sind nicht nur Ideen der Aufklärung und der Naturromantik eingeflossen, sondern auch das Bestreben, die „Welt im Kleinen“ (von Sckell), Geschichte und Gegenwart universalistisch zu erfassen.

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