Schweinfurt und Coburg – Gelesen von …

Schweinfurt und Coburg (Deutschland) – euro-mediterrane Erinnerungsorte in Franken

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von

Dr. Dieter KÖHLER

Privatdozent für Philosophie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

Gelesen von

Dr. Mohamed AIT EL FERRANE

Professor für Germanistik und Arabistik an der Faculté des Lettres et des Sciences Humaines de Marrakech (Marokko)

Städte und Landschaften sind nicht nur geographisch zu definieren. Menschen prägen sie auch.  Städte und Landschaften nähren sich nicht nur von Vergangenheit und Geschichte, sie können auch ihre Zukunft gestalten, ja, durch ihre Menschen können sie sogar Formeln finden, wie man sich diese Zukunft vorstellen kann. Philosophen, Literaten, Poeten und Intellektuelle sind die Persönlichkeiten, die Orte zum Leben bringen und für ihr Weiterleben Impulse geben. Nicht zuletzt durch Philosophie und Literatur sind Städte und andere Orte als universelle Kulturform aufgeblüht, haben Eingang gefunden in das  Weltgedächtnis und sind zum Allgemeingut der Menschheit geworden.  Denken wir nur an Charles Dickens und London, an Mohamed Choukri und Tanger, an Nagib Mahfouz und Kairo oder an  Friedrich Rückert, Schweinfurt und Coburg. Hier geht es nicht nur um Orte als bloße Architektur, um kalte Mauern. Im Vordergrund stehen vielmehr die Menschen.

„Das Stadt-Motiv in der Dichtung bedeutet […] von Beginn an eine Auseinandersetzung mit der kulturellen und zivilisatorischen Leistung des Menschen“, so Elisabeth Frenzel in ihrem Werk ‘Motive der Weltliteratur’ und  sie verweist auf zahlreiche literarische Texte, in denen Städte als Hauptmotiv verwendet werden. Hat Rückert in seiner literarischen Tätigkeit wirklich auch seine räumliche Umgebung bedacht? Wo beginnt er, Grenzen zu ziehen, wo werden diese fest, wenn es um sein Land, sein Territorium geht? Wie kann man die Größe des Orients und die Begrenztheit des eigenen Orts in einen Zusammengang bringen? War es eine Art Flucht, wenn der Dichter den Orient suchte und sich mit ihm auseinandersetzte?
Ein Dichter, Orientwissenschaftler und Liebhaber anderer Kulturen wie Rückert, der fünfzig Sprachen von fünfzig verschiedenen Völkern beherrscht haben soll, wird die Fülle seiner Seele in weiten Räumen finden, seine Gedanken und seine Weltanschauung in weit entfernten Kulturen spiegeln. „In der Region zwischen Coburg und Schweinfurt, dem Coburger Land und den Haßbergen“ (Köhler)  hat Rückert die Erinnerung an Wissen und  Denken der Menschen des Orients lebendig gehalten. Coburg und Schweinfurt, Mekka und Medina.

Rückert und Goethe, wie standen sie zueinander? Nicht so sehr um dichterisches Genie geht es mir bei dieser Frage, eher um das Maß an Weltoffenheit als einer Besonderheit, die die Werke der zwei großen Poeten widerspiegeln.

Die damals an allen Universitäten Deutschlands deutlich zu spürende Strömung, das Interesse an, die Liebe zu allen Weltkulturen und Religionen, ist in den Publikationen berühmter  Orientalisten der Epoche zu erkennen. Orient ist nicht nur in ihren Büchern und Studien zu spüren, mehr aber noch in ihrer Bemühen, tiefgreifend und rein mit den Texten umzugehen, um sie wirklich in Gänze zu verstehen und sie darüber hinaus auch dem lesenden deutschen Bürger zu vermitteln. Rückert musste hier zwei Herausforderungen, die er beide liebte, in Harmonie bringen: einerseits, sich mit sprachlich schwierigen Texten auseinandersetzen und, andererseits, eine passende Wiedergabe im  Deutschen für sie zu schaffen. Dies bedeutete, die Grundmerkmale des Ausgangstextes zu respektieren, ohne aber das Sprachgefühl des deutschen Rezipienten zu verletzen. Die zwei von Köhler genannten Textbeispiele, Hariri Maqamen und Koranübersetzung, beweisen deutlich, dass Rückert jenseits bloßer Nachahmung mit den orientalischen Sprachen schöpferisch gespielt hat, damit er die arabischen oder die  persischen Texte bei den Deutschen beheimaten konnte.

In ihrer Einleitung zu Rückerts Übertragung drückt Annemarie Schimmel diese Tatsache so aus:

„Grundsätzlich aber ist die Treue, mit der sich Rückert an den Text hält, verblüffend. Er löst manchmal arabische Begriffe auf, da die arabischen Worte oft vieldeutig sind beziehungsweise beim Hörer noch andere Assoziationen anklingen lassen – der Nachdichter verwandelt hier ein Wort in einem Satz, der nun im Deutschen die gleiche Stimmung erzeugt; auch fügt er manchmal noch neue Reime im gleichen Sinne hinzu, so dass der deutsche Text noch reimreicher und kunstvoller wird als das Original.“[1]

Rückert hat seine Texte dem gewünschten Ziel und seiner Strategie entsprechend  ausgewählt und 43 der originalen 50 Maqamen sowie einen Teil des koranischen Textes übertragen. Dabei sind allerdings auch Abweichungen und Weglassungen festzustellen.
Ist die Frage nach der „Weltliteratur“, die Köhler anspricht, nur eine Frage der Übersetzung? Zwischen der Inspiration durch islamische Kultur und Religion bei Goethe,  in seinem ‚West-Östlichen Diwan‘, und Rückerts Übertragungen der besten Texte arabisch- und persisch-islamischer Kultur stellt sich die immer noch lebendige Frage nach der „Weltliteratur“. Rückert und Goethe haben sich an Antwort und eigener dichterischer Umsetzung unterschiedlich beteiligt.

Rückert ist, physisch, wenig gereist, mit seinen Gedanken und seiner Seele war er aber überall im Orient, wo er unzählige Orte besucht hat und Kulturen und Sprachen anderer Nationen in sich zusammenschmelzen ließ.

Neben dem Thema „Weltliteratur“ gibt Köhlers Artikel Anlass, noch eine anderes Konzept zu bedenken: das Mittelmeer als allgemeine Idee. Ost und West sind nicht nur geographisch zu begreifen. Durch Literatur und Poesie kann man Räume überwinden und Barrieren abschaffen.

Der Artikel über Rückert hat uns  gezeigt, wie die engen Grenzen des Heimatlands überschritten werden können. Das kleine Dorf kann die ganze Welt umarmen. Vielleicht hat Rückert, von seinen Bedingungen her gesehen, als Übersetzer und ‚Sprachgenie‘ deshalb keine große Karriere gemacht, weil er nicht, weit genug entfernt von den orientalischen Texten, so  hochfliegen konnte wie dies Goethes in seinem Diwan vermochte.

Kleine Bibliographie

Der Koran in der Übersetzung von Friedrich Rückert. 4. Aufl., hrsg v. Hartmut Bobzin, Würzburg 2001

Frenzel, Elisabeth: Art. Stadt, in: Dies., Motive der Weltliteratur, 4. überarbeitete und ergänzte Auflage, Stuttgart 1992, S.667f.
Hamâsa oder die ältesten arabischen Volkslieder, gesammelt von Abu Temmâm, übersetzt und erläutert von Friedrich Rückert, bearb. v. Wolfdietrich Fischer, Göttingen 2004
Hariri: Die Verwandlungen des Abu Seid von Serug, aus dem Arabischen übertragen von Friedrich Rückert, hrsg. v. Annemarie Schimmel, Stuttgart, Reclam [1966]
Mommsen, Katharina: Goethe und die arabische Welt, Frankfurt am Main 1988
Mangold, Sabine: Eine “weltbürgerliche Wissenschaft”. Die deutsche
Orientalistik im 19. Jahrhundert, Stuttgart 2004


[1] Hariri. Die Verwandlungen des Abu Seid von Serug, aus dem Arabischen übertragen von Friedrich Rückert, hrsg. v. Annemarie Schimmel, Stuttgart (Reclam) [1966], S. 8

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