Schweinfurt und Coburg

Schweinfurt und Coburg (Deutschland) – euro-mediterrane Erinnerungsorte in Franken

(Dieter KÖHLER)

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Geschichte: Rückerts poetische Reise in den Orient

Friedrich Rückert wurde am 16. Mai 1788 in Schweinfurt geboren. Sein Vater war Jurist und diente als Beamter später nacheinander unterschiedlichen Herrschaften in verschiedenen Ortschaften zwischen diesen beiden Städten. So lebte die Familie zwischen 1792 und 1802 in der Ortschaft Oberlauringen, wo Friedrich Rückert die Dorfschule besucht und vom Pfarrer in Griechisch und Latein unterrichtet wird. Von 1802 bis 1805 ist er Internatsschüler am Schweinfurter Gymnasium Gustavianum, während sein Vater mit der Familie in der Ortschaft Rügheim, etwa 25 km entfernt, lebt.

Ab 1805 studiert Rückert an den Universitäten Würzburg und Heidelberg: Jurisprudenz, Philosophie, Sprachen. Ende 1810 geht er nach Jena. An der dortigen Universität reicht er eine „Dissertatio philologico-philosophica de idea philologiae“ ein, wird am 20. Februar 1811 promoviert und erhält eine Dozentur, die er allerdings nur bis zum Frühjahr 1812 wahrnimmt. Es entstehen erste Gedichtzyklen („Amaryllis“, veröffentlicht 1825) und ein Schauspiel.

Eine Anstellung nimmt Rückert danach zunächst nicht auf, sondern verbringt die nächsten Jahre wieder bei seinen Eltern, die mittlerweile in das Städtchen Ebern übersiedelt sind. Dort verliebt er sich unglücklich, geht seinen dichterischen Neigungen nach und findet Anschluss an einen intellektuellen Zirkel, der sich unter dem Schirm von Christian Truchseß von Wetzhausen auf dem kleinen Bergschloss Bettenburg in den Haßbergen häufig trifft. 1814 erscheint pseudonym sein erster Gedichtband, die gegen Napoleon gerichteten „Geharnischten Sonette“, verfasst im Dezember 1813, also nach der Völkerschlacht bei Leipzig, als sich die endgültige Niederlage Napoleons abzeichnete.

1815 geht Rückert nach Stuttgart und wird Redakteur der von Friedrich von Cotta verlegten Zeitschrift „Morgenblatt für gebildete Stände“. 1817 verlässt er Stuttgart und begibt sich auf eine einjährige Reise durch die Schweiz nach Italien. Den Rückweg nimmt er im Herbst 1818 über Wien, wo er ein paar Wochen lang Station macht und bei dem Orientalisten Joseph von Hammer (ab 1835: von Hammer-Purgstall) die Grundzüge der arabischen, der persischen und der türkischen Sprache erlernt.

Anfang 1819 ist er wieder in Ebern bei den Eltern. Hier arbeitet er sich im Selbststudium in die Orientalistik ein. Doch nicht aus bloßer Gelehrsamkeit. Seine Lyrik-Übersetzungen sind eigentlich Nachdichtungen. Die Formen und Stoffe des Orients inspirieren seine eigene Poesie. Ebern wird ihm jedoch bald zu eng, und 1820 zieht er ins 25 km entfernte Coburg, wo er die dortige Hofbibliothek für seine Studien nutzen kann.

„Östliche Rosen“: Persien in Coburg

1819 war auch das Jahr, in dem Goethes „West-östlicher Divan“ erschienen. Rückert äußert sich voller Enthusiasmus über den Gedichtband und plant bald selber einen ähnlichen herauszubringen. Dieser erschien dann 1822 unter dem Titel „Östliche Rosen“ mit 365 Gedichten. Wie der „West-Östliche Divan“ sind diese in Form, Thematik und Metaphorik hauptsächlich inspiriert durch den persischen Dichter Hafis (ca. 1320 – ca. 1389), viele auch Nachdichtungen. Goethe seinerseits rezensierte den Band in der Zeitschrift „Über Kunst und Altertum“ sehr positiv.

Enthalten in den „Östlichen Rosen“ ist auch ein Gedicht, von dem die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel meinte, es spiegele „den Geist der persischen Poesie getreuer wider als irgendein anderes mir bekanntes Gedicht oder eine gelehrte Abhandlung“[1]:

Was steht denn auf den hundert Blättern
Der Rose all?
Was sagt denn tausendfaches Schmettern
Der Nachtigall?

Auf allen Blättern steht, was stehet
Auf einem Blatt;
Aus jedem Lied weht, was gewehet
Im ersten hat:

Daß Schönheit in sich selbst beschrieben
Hat einen Kreis,
Und keinen andern auch das Lieben
Zu finden weiß.

Drum kreist um sich mit hundert Blättern
Die Rose all,
Und um sie tausendfaches Schmettern
Der Nachtigall.

Der Band enthält auch viele Ghaselen. Diese ursprünglich persische Gedichtform fand erst mit Rückert wirklich Eingang in die deutsche Dichtung (auch wenn er nicht, wie bisweilen behauptet wird, der erste war, der sie im Deutschen benutzte). Es handelt sich dabei um meist längere Gedichte mit einer geraden Anzahl von Zeilen, wobei die ersten beiden und alle geraden Zeilen sich durchgehend reimen. Statt des Reims kann auch ein ganzes Wort oder eine Wendung immer wiederkehren. Besonders schön ist etwa das folgende Gedicht:

Unter frühlingsentglommener Rosenlaube
Herbstgegohrenes purpurnes Blut der Traube.
Ein verschwiegener Schenk‘, und ein Lieb mit Blicken
Aus Lichtäther, und Locken aus Blüthenstaube.
Dein Getränke vom milden Geschenk des Bechers,
Deine Speise von duftigem Lippenraube.
Fern der Hader des Marktes um Lebenssorgen,
Fern der Schule verfängliches Wortgeklaube.
Eine Cither, die Liebesgefühle klaget,
Nachtigallenbegleitung und Turteltaube.
Ein Gesang, der mit Zauber Huris den Schleiern,
Rosenknospen entlocket der Sammethaube.
Besser ward es nicht Seligen dort, hienieden
Besser kann es nicht werden dem Erdenstaube.
Was ihr glaubet, euch bleibet es freigestellet;
Doch das ist und das bleibt Hafisens Glaube.

In jener Zeit beschäftigt sich Rückert vor allem mit der Literatur des persischen Mittelalters. 1821 hatte er bereits eine Sammlung von Ghaselen des islamischen Mystikers Rumi (1207-1273) auf Deutsch herausgebracht. Die „Makamen des Hariri“ (1054-1122), die Erzählungen eines arabischen Dichters und Gelehrten, werden 1826 folgen. Viel anderes blieb lange unveröffentlicht, etwa eine Übersetzung des von Firdausi (ca. 940-1020) verfassten und zum persischen Nationalepos gewordenen „Schahname“ („Buch der Könige“), die erst posthum erschien.

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Gustav von Dornis: Rückert im Kreise seiner Freunde (1863) – Abb. 5

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Frontispiz des Baysonqori-Manuskripts des „Schahname“ – Abb. 6

„Weltliteratur“

Das Interesse an der Literatur anderer Völker hatte in Deutschland schon in der Generation vor Rückert unter den Dichtern und Gelehrten stark zugenommen. Etwa bei Herder, den Gebrüdern Schlegel, Novalis und Tieck. Und sie alle finden ihr Publikum. Angesichts dessen ruft Goethe nun eine „Epoche der Welt-Literatur“ aus, freilich noch ganz unter den Idealen der deutschen Klassik. Diese Haltung findet ihren prägnantesten Ausdruck in einer Bemerkung gegenüber Eckermann vom 31. Januar 1827, die dieser uns wie folgt überliefert:

„Ich sehe immer mehr, fuhr Goethe fort, daß die Poesie ein Gemeingut der Menschheit ist, und daß sie überall und zu allen Zeiten in hunderten und aber hunderten von Menschen hervortritt. Einer macht es ein wenig besser als der andere und schwimmt ein wenig länger oben als der andere, das ist alles. (…) wenn wir Deutschen nicht aus dem engen Kreise unserer eigenen Umgebung hinausblicken, so kommen wir gar zu leicht in diesen pedantischen Dünkel. Ich sehe mich daher gern bey fremden Nationen um und rathe jedem, es auch seinerseits zu thun. National-Literatur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Welt-Literatur ist an der Zeit und jeder muß jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen. Aber auch bei solcher Schätzung des Ausländischen dürfen wir nicht bey etwas Besonderem haften bleiben und dieses für musterhaft ansehen wollen. Wir müssen nicht denken, das Chinesische wäre es, oder das Serbische, oder Calderon, oder die Nibelungen; sondern im Bedürfnis von etwas Musterhaftem müssen wir immer zu den alten Griechen zurückgehen, in deren Werken stets der schöne Mensch dargestellt ist. Alles übrige müssen wir nur historisch betrachten und das Gute, so weit es gehen will, uns daraus aneignen.“[2]

Für Rückert spielen die alten Griechen, anders als für Goethe, keine hervorgehobene Rolle. Er orientiert sich nicht mehr am Ideal der klassischen Antike oder des „schönen Menschen“.

Nach Coburg umgezogen verliebt Rückert sich bald in Luise Wiethaus-Fischer, die Stieftochter seines Vermieters. Das Paar wird am zweiten Weihnachtstag 1821 getraut. Es entstehen die Gedichte, die später die Sammlung „Liebesfrühling“ bilden. Zwölf davon werden 1841 von Robert (op. 37) und Clara Schumann (op. 12) für Gesang und Klavier vertont.

Im Oktober 1826 erhält Rückert eine Professor für orientalische Sprachen an der Universität Erlangen und übersiedelt dorthin. Er wendet sich nun anderen Sprachen zu, vor allem dem Sanskrit, aber auch dem Syrischen, Hebräischen und Äthiopischen. Die Professur selber hatte er hauptsächlich der Einkünfte wegen angestrebt. Seine eigentliche Leidenschaft bleibt das (Nach-)Dichten.

Dem Ehepaar Rückert werden zwischen 1823 und 1839 zehn Kinder geboren. Eines davon stirbt schon nach drei Tagen (1832), zwei andere kurz hintereinander im Alter von drei und vier Jahren (1833/34). Seine Trauer bringt Rückert in über 400 Gedichten zum Ausdruck, von denen auch wieder die allermeisten erst posthum unter dem Titel „Kindertodtenlieder“ erscheinen. Fünf davon vertonte Gustav Mahler 1901 und 1904. Zitiert sei hier eines der bekanntesten, das in Form und Metaphorik Rückerts „orientalischer“ Dichtung besonders nahesteht:

Du bist ein Schatten am Tage
Und in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage
Und stirbst im Herzen nicht.

Wo ich mein Zelt aufschlage,
Da wohnst du bei mir dicht;
Du bist mein Schatten am Tage
Und in der Nacht mein Licht.

Wo ich auch nach dir frage,
Find‘ ich von dir Bericht,
Du lebst in meiner Klage
Und stirbst im Herzen nicht.

Du bist ein Schatten am Tage,
Doch in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage
Und stirbst im Herzen nicht.

„Weltreligionen“

Rückerts Beschäftigung mit dem Sanskrit entspringt ein monumentales Werk, das in sechs Bänden zwischen 1836 und 1839 unter dem Titel „Die Weisheiten des Brahmanen“ erscheint. Ähnlich wie er in den „Östlichen Rosen“ Hafis Dichtung für seine Zwecke herangezogen und umgestaltet hat, so tut er dies nun mit der altindischen Poesie. 1839 schloss sich eine Sammlung „Brahmanische Erzählungen“ an. In einem der darin enthaltenen Gedichte (III, 41) beschreibt Rückert, religionsgeschichtlich freilich nicht korrekt, die drei Weltreligionen Buddhismus, Islam und Christentum als Sprösslinge desselben Baums des Brahma (es spricht ein Brahmane zu seinem Sohn):

… Es gibt nur auf der Welt drei Weltreligionen,
Die sich getheilt bereits in die Weltregionen.

Die Lehre Buddah’s ist aus Brahma selbst geflossen,
Ein Strom, der breit nach Ost und Nord sich ausgegossen.

Bespület ist von ihm der Rand des Brahmeilandes,
Und in ihm spiegelt sich ein Bild des Weltheilandes.

Vom Westen hat darauf Mohammed die Verehrer
Des Allerbarmers uns gesandt als Allverheerer.

Ein Bild des Höchsten ist in Allah wohl erkenntlich,
Nur, wie in Buddha dort zu weiblich, hier zu männlich.

Zuletzt nach beiden kam, von beiden gleich verschieden,
Das Christenthum zu uns, das Freiheit beut und Frieden;

Das ganz das Wort, das es der Welt gab, noch nicht hielt,
Doch fest nach höchstem Ziel, der Weltausgleichung zielt.

Die drei stoßen hier an Brahma’s Baum zusammen,
Mit dem sie unbewußt aus fleicher Wurzel stammen.

Hier ist ein weites Feld des Kampfes, wo entschieden
Der Weltkrieg werden kann um Freiheit und um Frieden.

Inzwischen bis dahin ruhn wir in Brahma’s Schooß,
Es ruht die Welt in ihm, er ist so weit und groß.

Ohn‘ es zu wissen, ruht in ihm die Welt so lange;
Wir beten, daß sie bald zum Wissen auch gelange.

Parallel dazu veröffentlicht Rückert auch wieder Gedichtbände unmittelbar zum Orient: 1837 die „Sieben Bücher morgenländischer Sagen und Geschichten“ und „Erbauliches und Beschauliches aus dem Morgenland“, beides Nacherzählungen von orientalischen Geschichten, Sagen und Legenden in Reimform. 1838 folgt eine Übersetzung des persischen Heldenepos „Rostem und Suhrab“.

In diese Zeit fällt auch wieder eine intensivere Beschäftigung mit dem Koran. Mit ihm hatte sich Rückert schon ausführlich in seiner ersten Coburger Zeit in den frühen 1820er Jahren beschäftigt. Es reifte damals auch der Plan einer Übersetzung, die Rhythmus, Reime und Assonanzen der Vorlage im Deutschen nachbildet. An eine vollständige Übersetzung hat Rückert jedoch niemals gedacht, sondern wollte nur die besonders poetischen Passagen übertragen. Intensive Koran-Studien nahm er Anfang 1836 in Erlangen wieder auf. Stilistisch unterscheiden sich die nun neu hinzugekommenen Verse von denen in Coburg entstandenen dadurch, daß Rückert nunmehr auf die Nachbildung der Assonanzen des Originals keinen besonderen Wert mehr legt. Wann genau die Übersetzung abgeschlossen war, lässt sich nicht mehr bestimmen. Im April 1837 jedenfalls ist er mit einem Verleger einen Vertrag über eine Veröffentlichung eingegangen und hat einen Vorschuss erhalten. Später kommt es dann zu Auseinandersetzungen um die Höhe des Honorars, die Verhandlungen schleppen sich hin, und schließlich scheint Rückert selbst das Interesse an einer Veröffentlichung verloren zu haben. So erschienen auszugsweise Übersetzungen des Korans erst 1888 aus dem Nachlass. Um einen Eindruck davon zu vermitteln sei hier Rückerts Übersetzung der 112. Sure (Al-Ichlas) widergegeben:

Bekenntnis der Einheit

Im Namen Gottes des allbarmherzigen Erbarmers.
Sprich: Gott ist Einer,
Ein ewig reiner,
Hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner,
Und nicht ihm gleich ist einer.

Im Jahr 1837 erwirbt Rückert von seiner Schwiegermutter (der Schwiegervater war im Jahr zuvor verstorben) das Elternhaus seiner Frau in Neuses bei Coburg, das ihm bald zum Hauptaufenthaltsort werden sollte.

1841 nimmt er einen Ruf zum Professor für orientalische Sprachen nach Berlin an. Dort muss er jeweils nur zum Wintersemester Veranstaltungen abhalten. Die übrige Zeit verbringt er fast ausschließlich in Neuses.

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Rückerts Wohnhaus in Neuses – Abb. 7

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Pilgerkarawane musiziert auf dem Weg nach Mekka – Abb. 8

Seinen literarischen Ehrgeiz legt Rückert nun für einige Zeit in das Verfassen von Dramen, aber ohne bleibenden Erfolg. Es erscheinen aber auch weiterhin kleinere Übersetzungswerke meist aus dem Arabischen. Unmittelbar bevor die Revolution in Berlin losbrach, verlässt er im März 1848 die Stadt für immer. Im Herbst des Jahres bittet er um seine Entlassung und wird im Frühjahr 1849 in den Ruhestand versetzt.

Dem alternden Rückert widerfährt nun manche Ehrung: Jemand benennt ein Binnenschiff nach ihm, er erhält Orden und Ehrenmitgliedschaften und die Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt, Büsten von ihm werden aufgestellt. Auch bleibt er durchaus noch produktiv, doch kaum noch etwas davon wird zu seinen Lebzeiten veröffentlicht.

Friedrich Rückert stirbt am 31. Januar 1866 in Neuses und wird an der Seite seiner Frau, die drei Jahre zuvor verstorben war, dort begraben.


[1] Annemarie Schimmel: Friedrich Rückert. Lebensbild und Einführung in sein Werk, Freiburg im Breisgau: Herder 1987, S. 73.
[2] Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. 1823-1832, Erster Theil, Leipzig: Brockhaus 1836, S. 325f.
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