Konstanz

Konstanz – ein Euro-mediterraner Erinnerungsort (Deutschland)

(Dr. Karin STOBER)

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Das Konstanzer Konzil  1414 – 1418. Weltereignis des Mittelalters und Meilenstein euro-mediterraner Erinnerungskultur

Es war bereits davon die Rede, dass das Konzil das bedeutendste Ereignis war, das sich in der Geschichte der Stadt, ja sogar des Bundeslandes Baden-Württemberg zugetragen hat. Doch um was ging es eigentlich, und weshalb ist das Konzil Meilenstein der euro-mediterranen Erinnerungskultur?  Das Konstanzer Konzil war ein kirchenpolitisches Großereignis, welches die Stadt am Bodensee zwischen 1414 und 1418 zum Zentrum der europäischen Politik und Ökumene und zur Begegnungsstätte der Kulturen nördlich und südlich der Alpen machte. Hier trafen sich Delegationen aus ganz Europa, von Uppsala bis Neapel und von Lissabon bis Kiew – selbst aus Damaskus und Äthiopien waren Gesandte in die Stadt am Bodensee gekommen. Von Edinburgh bis Konstantinopel machten sich Gelehrte und Theologen der Universitäten auf den Weg nach Konstanz, denn es ging um das kanonische Fundament der Kirche. Es war das erste Konzil, das nördlich der Alpen stattfand. Noch nie hatte ein Konzil so lange gedauert, und noch nie waren so viele Teilnehmer herbeigeströmt. 29 Kardinäle, über 300 Bischöfe und Äbte, die mächtigsten Fürsten des Abendlandes und Geistliche aus der ganzen christlichen Welt kommend versammelten sich in Konstanz.

Schon der Zeitgenosse und Chronist des Konzils Ulrich Richental begriff die bedeutsame Kirchenversammlung als weltumspannendes Ereignis. Hier fand auf breitester Ebene der Austausch von Wissen, Waren und Werten statt. Konstanz selber zählte als oberdeutsche Mittelstadt am Anfang des 15. Jahrhunderts ungefähr 6.000 Einwohner – 70.000 Besuchern hat die Stadt in dieser Zeit Platz geboten. Überall wohnten, arbeiten und begegneten sich Fremde, in allen Gassen, auf den Plätzen und in den Wirtshäusern herrschte Getümmel, Gedränge und Sprachengewirr. Von überhall her waren bislang noch nie gehörte Gesänge und Geräusche zu vernehmen, und beim Anblick von so viel Eigen- und Fremdartigem kam mancher aus dem Staunen gewiss nicht mehr heraus. Tagaus, tagein zogen Gesandtschaften und Prozessionen durch die Stadt, und die Kirchen wurden zu Klangräumen für fremde Liturgien und Riten. Nicht nur Ulrich Richental, auch der weitgereiste Sänger, Ritter und Diplomat Oswald von Wolkenstein, der im Gefolge des deutschen Königs Sigismunds reiste, berichtet in schillernden Farben von den phantastischen Begegnungen, die sich hier ereignet haben.

Drei für die katholische Kirche existentielle Problemfelder mussten behandelt und weiter vorangebracht werden: Die Causa Unionis, die Causa Reformationis und die Causa Fidei.  Die eigentliche und herausragende Bedeutung des Konstanzer Konzils liegt darin, dass die katholische Kirche, die seit 1378 durch das Große Abendländische Schisma gespalten war und zu zerfallen drohte, am Ende wieder unter einem Papst geeint war. Rom wurde wieder Zentrum der katholischen Christenheit. Dass die römisch-katholische Kirche mit dem Papst an der Spitze und Sitz in Rom bis heute Bestand hat, liegt in den hartnäckigen Bemühungen der Konzilsväter und dem Instrument begründet, das ihnen an die Hand gegeben war, dem Konziliarismus. Dieser besagt, dass die Entscheidungen der Konzilien unter bestimmten Voraussetzungen höchste Autorität beanspruchen können, der sich selbst ein Papst beugen muss. Der Konziliarismus erwies sich als der einzige Weg, die geteilte Kirche wieder unter einem Papst zu vereinen. Das Konzil von Konstanz legte zu diesem Zweck seine eigene Machtbefugnis im Dekret Haec sancta  Ein weiteres Dekret Frequens schrieb die regelmäßige Einberufung von Generalkonzilien in der Zukunft vor. Kaum jedoch war mit der Wahl Martins V. als alleinigem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche die Einheit wieder hergestellt, wurde der Konziliarismus wieder zugunsten des päpstlichen Primats abgelehnt.

Das Konstanzer Konzil gilt als Nukleus der Reformation, denn es war in Konstanz nicht gelungen, häretische Strömungen wieder an die katholische Kirche anzubinden, und es war auch nicht gelungen, die Kirche den intern geforderten Reformen zu unterziehen. Die Bemühungen um die Zerschlagung der im Böhmischen beheimateten Bewegung um Jan Hus gipfelten in dessen Verbrennung während des Konzils. Jetzt erst recht aber radikalisierte sich die Bewegung und eskalierte in den Hussitenkriegen. Der reformerische Gedanke breitete sich weiter aus und mündete am Ende des Mittelalters schließlich in „die Reformation“.

Abb.3: Diebold Schilling d.Ä., Spiezer Chronik (1485), Feuertod des Jan Hus in Konstanz

Abb.3: Diebold Schilling d.Ä., Spiezer Chronik (1485), Feuertod des Jan Hus in Konstanz

Abb.5: Chronik des Konstanzer Konzils von Ulrich von Richenthal, Weihnachtsgottesdienst, Prozession zum Münster.

Abb.5: Chronik des Konstanzer Konzils von Ulrich von Richenthal, Weihnachtsgottesdienst, Prozession zum Münster.

Mehr noch: König Sigismund von Luxemburg, der Spiritus Rector des Konzils, berief zur selben Zeit gleich zwei Reichstage nach Konstanz ein, 1415 und 1417. Sigismund war ein genialer Diplomat, der mit Nachdruck das gesamte Abendland für den erfolgreichen Ausgang des Konzils zusammenhielt. Den Einfluss des Reiches auf den Osten mit Litauen, Polen und Ungarn erweiterte er erheblich. Während des Konzils verlieh er die Mark Brandenburg an den Burggrafen von Nürnberg aus dem Geschlecht der Zollern. Damit legte er den Grundstein für das Herzogtum und spätere Königreich Preußen.

Kurzum: Das Konstanzer Konzil ist ein Ereignis von eminenter Bedeutung. Es war der ultimative Auftritt der mittelalterlichen Christianitas. Und der weitere Verlauf der europäischen Geschichte hängt entscheidend von seinem Ausgang ab. Die Diskussion um das Konzil und die in Konstanz getroffenen Beschlüsse setzten sich über die Jahrhunderte hinweg fort und beschäftigen Kirche und Politik bis heute.

Einzigartige Zeugnisse sind uns von diesem Weltereignis, das die Kulturen über vier Jahre hinweg in engsten Austausch miteinander brachte, überliefert. Vorneweg die reich bebilderte Chronik des Konzils, verfasst von einem Konstanzer Bürger namens Ulrich Richental. Seine Dokumentation stellt die wichtigste nichtkirchliche Quelle über das Konzil dar. Die Richental-Chronik ist aus der Perspektive eines Konstanzers geschrieben. Eine Fülle von Beobachtungen und Eindrücken hat der Chronist in der Art einer modernen, journalistisch verfassten Reportage zusammengetragen. Bis heute hat die Chronik nichts an Lebendigkeit und Aktualität verloren.

Auf das Auftreten der Fremden lenkt Richental mit besonderer Vorliebe das Augenmerk seiner Leser. Wir erfahren beispielsweise von einer kleinen, nur drei Personen zählenden Delegation, die, es ist kaum zu glauben, aus Äthiopien angereist war. Jedoch war keiner der drei – wie Richental sie nennt – „Mohren“ der lateinischen Sprache mächtig. Sie konnten sich folglich nicht mitteilen und wurden von niemandem verstanden. Vier Monate verweilten sie in Konstanz, und nach ihrer Rückkehr, so berichtet Professor Walter Raunig aus Innsbruck, soll einer von ihnen in Äthiopien als Ketzer verurteilt worden sein. Hatte er dennoch Aspekte der Konzilsdebatten verstanden und mit nach Hause gebracht? Bis nach Äthiopien strahlte also das Konstanzer Weltereignis aus.

Die Ungarn im Gefolge Sigismunds durften, so berichtet Richental, nicht in der Stadt Quartier beziehen, weil der König seinen rauflustigen Begleitern nicht über den Weg traute. Sie mussten vor den Stadttoren ihr Lager aufschlagen, hinterließen ihres prunkvollen und wohl ebenso exotischen Auftritts wegen einen tiefen Eindruck bei den Konstanzern.

Erzbischof Camblak und sein Gefolge waren aus Kiew mit dem Impetus zum Konzil gereist, eine Annäherung zwischen der orthodoxen und der römisch katholischen Kirche zu bewirken. Ihr Anliegen wurde nicht ernsthaft verhandelt. Am Ende der Kirchenversammlung zog die Delegation schließlich verstimmt und verärgert wieder ab. Aufmerksamkeit wurde den Geistlichen der Ostkirche ihrer langen Bärte, der fremden Kleidung und ihrer ungewohnten Liturgie wegen von anderer Seite zuteil: Vom Ritus, den sie im Haus „Zur Sonne“ zelebrierten, ging eine solche Faszination aus, dass selbst der vielbeschäftigte Chronist Richental ihn besucht und in mehreren Bildern festgehalten hat.

Staunend müssen nicht nur die Konstanzer dem Einzug der spanischen Delegation beigewohnt haben. Sie reiste offiziell erst 1417 zum Konzil, denn erst nach zähen Verhandlungen mit dem spanischen König konnte der letzte der drei Päpste Benedikt XIII. abgesetzt werden. Dazu hatte Sigismund mit 4000 Mann im Gefolge nach Perpignan und Narbonne reisen müssen. Die beiden Orte an der damals noch spanische Mittelmeerküste wurde sozusagen zu Außenstellen des Konstanzer Konzils. Schon im Jahr 1415 war Sigismund zu dieser bedeutungsvollen Mission aufgebrochen. Der lang erwartete späte Einzug der Spanier in Konstanz schließlich symbolisierte, dass nun endlich der Weg für die Papstwahl frei war. An Gepränge war der Aufzug der spanischen „Granden“ nicht mehr zu übertreffen.

Die Stadt am Bodensee war über vier Jahre hinweg die Plattform für eine überbordende Fülle an Begegnungen, sie war ein Schmelztiegel der Kulturen. Kulturgeschichtlich von zentraler Bedeutung war die Anweseheit der italienischen Humanisten und Gelehrten in Konstanz, allen voran Gianfrancesco Poggio Bracciolino.

Abb. 6: Poggio Bracciolini, Miniatur in einem Manuskript von De varietate fortunae (Vatikanische Bibliothek, Urb. lat. 224)

Abb. 6: Poggio Bracciolini, Miniatur in einem Manuskript von De varietate fortunae (Vatikanische Bibliothek, Urb. lat. 224)

Die Humanisten waren im Gefolge des 1410 in Pisa gewählten dritten Papstes Johannes XXIII. nach Konstanz gereist. Ihnen war zuvor schon bekannt, dass in den Bibliotheken der Klöster nördlich der Alpen noch Schriften aus der Antike verwahrt sind, die in ihrer Heimat längst verloren gegangen waren. Von Konstanz aus begab man sich auf die Suche und wurde in reichem Maß fündig. Die Reichenau, St. Gallen und viele andere Klöster bargen in dieser Hinsicht wahre Schätze. Bracciolini entdeckte während der Konzilszeit die einzigartige Vitruv-Handschrift, die noch heute als die wichtigste unter den überlieferten Abschriften gilt. Die antiken Schriften wurden nun Bestseller. Bracciolini und seine Komparsen waren gut organisiert. Die Manuskripte wurden nach Italien geschickt, kopiert, fanden rasch Verbreitung und wurden begeistert rezipiert. Wie ein Strohfeuer breitete sich in der Folge das Gedankengut der Antike aus und beflügelte jeden, der es zu lesen bekam. Der Weg für das neue Weltverständnis Weltverständnis war nun im großen Stil gebahnt, Architekten und Künstler verliehen ihm Form und Gestalt. Unbestritten: Humanismus und Renaissance haben schon lange Zeit vor dem Konstanzer Konzil von den theologischen und intellektuellen Hochburgen Italiens und von Konstantinopel aus ihren Ausgang genommen haben. Der Konstanzer Weltgipfel hat aber gewiss dazu beigetragen, dass er die Entfaltung der Renaissance befördert und in die Breite getragen hat.

Um das eigentliche „Wunder des Konzils“ (Kardinal Guillaume de Fillastre) auf den Punkt zu bringen: Über 3 1/2 Jahre hinweg harrten in Konstanz verfeindete, ja sogar kriegführende Herrschaften der gesamten christlichen Welt aus. Sie konferierten so lange und gingen nicht eher auseinander, bis die Einigung auf dem Verhandlungsweg erzielt war.

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